Lenzkirch/Titisee-Neustadt Im Fall Alessio fehlen die Antworten

Nach dem Tod des drei Jahre alten Alessio aus Lenzkirch im Hochschwarzwald soll der tragische Fall aufgeklärt werden. Doch die zuständigen Behörden weisen die Schuld von sich.

Nach dem gewaltsamen Tod des drei Jahre alten Alessio wackeln in den zuständigen Behörden die Wände. Kein Amt will den Vorwurf annehmen, es habe die Situation falsch eingeschätzt. Die meisten unangenehmen Fragen gehen an das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, in dessen Zuständigkeit Lenzkirch fällt, wo Alessio gewaltsam ums Leben kam. Das Landratsamt und dessen zuständige Abteilung, das Jugendamt, hatten der Familie eine optimistische Prognose ausgestellt. Es war darauf verzichtet worden, den Stiefvater von dem Jungen auf Dauer zu trennen. „Meine Mitarbeiter haben gewissenhaft und rechtmäßig gehandelt,“ sagte Landrätin Störr-Ritter im Gespräch mit dieser Zeitung.

Viele Fragen an die Landrätin

Sie nimmt sich viel Zeit für das Gespräch. Der Schwarze Peter für den unfassbaren Tod liegt eindeutig beim Landratsamt. Gegen dessen Jugendamt nahm gestern die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Dieselben Staatsanwälte haben bereits im Sommer mit der Familie Alessio zu tun gehabt: Auf Anzeige des Kinderschutzzentrums (KiZ) wurden die Ermittler aktiv, nachdem Kinderärzte und Psychologen bereits 2013 und 2014 den Jungen begutachtet hatten. Dabei stellten sie Verletzungen fest, die dem Buben mit Gewalt zugefügt worden waren. Dafür kam nur der Stiefvater infrage, ein Landwirt, der mit Alessios Mutter und einer gemeinsamen jüngeren Tochter auf dem Hof lebt. Seine Erklärung, Alessio sei von Kälbern geschubst worden und habe deshalb Blutergüsse, glaubten ihm die Fachleute beim KiZ nicht.

Doch kam diese Behörde nicht weiter. Die Staatsanwaltschaft Freiburg stellte die Ermittlungen deshalb ein. Deren Sprecher Ralf Langenbach sagt: „Wir hatten keinen hinreichenden Tatverdacht.“ Entscheidend war, dass der 32-jährige Stiefvater von drei Zeuginnen entlastet worden war. Darunter war auch seine 24 Jahre alte Frau, die ihren Mann als Kinderfreund lobte. „Wir müssen aufgrund der Aktenlage entscheiden“, rechtfertigt Langenbach den Vorgang. Der Staatsanwaltschaft sei nichts anderes übrig geblieben.

Dieser Vorgang wurde auch im Jugendamt beim Landratsamt aufmerksam registriert. Landrätin Störr-Ritter will die Interpretation der Kinderärzte vom KiZ nicht stehen lassen, man habe das Unglück kommen sehen. Das Bild, das sich die KiZ-Fachleute von den Lenzkircher Verhältnissen gemacht hätten, sei eine Momentaufnahme gewesen, so die Landrätin.

Mutter hat ihren Partner stark entlastet

Im Jugendamt sei der Eindruck ein langfristig positiver gewesen. Beim 32-jährigen späteren mutmaßlichen Täter will man Anzeichen von Besserung beobachtet haben. Drei fachlich geschulte Mitarbeiter waren mit dem Fall Alessio befasst. Sie gaben der Familie eine Chance auf bessere Zeiten – zumal die Ermittlungen eben erst eingestellt wurden und auch die Mutter als Dreh- und Angelpunkt ihren Mann in wichtigen Punkten entlastet hatte. Sie sprach von ihm als einem „liebevollen Vater“. Diese Aussage wiegt schwer, schließlich ist sie die Mutter. Die blauen Flecken, mit denen das Kleinkind schon früh auffiel, hat offenbar auch sie heruntergespielt. Das zuständige Jugendamt wollte in dieser verzwickten Lage den vier Menschen auf dem Bauernhof die Möglichkeit geben, sich zusammenzuraufen. „Nach all dem, was wir wussten, konnten wir eine günstige Prognose abgeben“, sagt Störr-Ritter.

Das Jugendamt hat einiges versucht, um die Wogen zu glätten. Eine Dorfhelferin besuchte mehrmals in der Woche die Familie auf dem Bauernhof. Regelmäßig wurde Alessio dem Kinderarzt vorgestellt. Die Frau erhielt zusätzlich eine Mutter-Kind-Kur verordnet, Dauer sechs Wochen. Kurz vor Weihnachten kam die Familie wieder zusammen. Offenbar sah auch die zweifache Mutter eine gemeinsame Zukunft auf dem Bauernhof.

Elternrecht in Deutschland hohes Gut

Die Landrätin räumt ein, dass sie und ihre Mitarbeiter zu positiv dachten. Ja, sie hätten sich getäuscht, weil sie getäuscht wurden. Nein, man habe das tödliche Ende nicht einmal ansatzweise ahnen können. Sie verweist auf das Elternrecht, das in Deutschland ein hohes Gut sei. Es kann entzogen werden, wenn es in der Familie gewalttätig zugeht. Dafür benötigt man Zeugen oder Zeuginnen. Daran mangelte es.

Die Tatsache, dass die Kinderärzte am Uniklinikum am Mittwoch in die Offensive gingen und sich eine weiße Weste ausstellen, befremdet sie. Die Landrätin bleibt dabei: Man habe nicht wissen können, welche Zuspitzung der Fall erfahren würde. Vor einer Woche, als das Kind zu Tode geprügelt wurde, war gegen Mittag noch die Dorfhelferin am Bauernhof. Sie fand alles normal vor. Wenige Stunden später kommt es zum Gewaltausbruch, Alessio wird tödlich verletzt, mutmaßlich durch die Hand des Stiefvaters.

Das Jugendamt wird den Fall und dessen tragisches Ende aufarbeiten. Das kündigt Eva-Maria Münzer an, Sozialdezernentin des Landkreises. „Wir gehen nicht zur Tagesordnung über“, versprach die Frau, an die sich die meisten Fragen richten. Es gehe um Schwachstellen im System. In der Tat: Eine Behörde übergibt den Fall an die nächste – und schließt ihn damit für sich ab. Wo findet eine ganzheitliche Beurteilung eines Falles statt, in die alle Fakten und Facetten einfließen?

Im Moment steht das Jugendamt erst einmal selbst im Fokus von juristischen Fragen. Der Staatsanwalt sammelt Erkenntnisse über diese Abteilung im Landratsamt. Dies sei in vergleichbaren Fällen so üblich, sagte ein Sprecher.

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