Baden-Württemberg Der einsame Wolf auf Partnersuche in der Region: Kann er bei uns sesshaft werden?

Vor anderthalb Wochen wurde das Tier bei Überlingen gesehen. Danach wanderte der Wolf weiter nach Stockach, zuletzt wurde er bei Bad Dürrheim gesehen. Experten gehen von einem Jungtier aus.

Nach mehreren Begegnungen mit einem Wolf in freier Wildbahn, beschäftigt das Wildtier die Menschen inzwischen landesweit. Bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden Württemberg (FVA) in Freiburg gingen in den vergangenen Tagen mehrere Anrufe ein, seit ein solches Tier vor anderthalb Wochen bei Überlingen am Bodensee von einem Landwirt gesehen und fotografiert wurde.

Inzwischen herrscht ein reger Gedankenaustausch in sozialen Netzwerken, auch ein altes Wolfs-Video, das über Facebook bekannt wurde, tauchte als angeblich neue Wolfssichtung auf einer anderen Internetseite auf. Der Wolf bietet Stoff für allerlei Fantasien.

Immerhin, ein bisschen weiß man über den einsamen Zeitgenossen, der durch die Wälder Südbadens streift und zuletzt bei Bad Dürrheim abgelichtet wurde. Sabine Häring, Wolfsexpertin beim Nabu, geht von einem derzeit noch einsamen Jungwolf aus, einem männlichen Tier (Rüde), der gut ein Jahr alt sein dürfte. Wahrscheinlich hat er sein Rudel vermutlich in der Schweiz verlassen, um auf Wanderschaft zu gehen.

Wird der Wolf auf Partnersuche hier fündig?

Sollte das Tier eine Partnerin finden, sei die Chance groß, dass er auch sesshaft wird, sagt die Sprecherin der Wolfsbotschafter aus Reichenbach an der Fils bei Esslingen. „Woher das Tier genau stammt, wissen wir noch nicht“, erklärt Häring. Um mehr Informationen zu erhalten, müssten Wissenschaftler das genetische Material des Wolfs sichten, entnommen beispielsweise aus dem Kot des Tieres. Doch dazu ist es bislang noch nicht gekommen. Experten schätzen, dass es in Deutschland 70 Wolfsrudel gibt. Baden-Württemberg sei eines der letzten Bundesländer, in denen sich der Wolf wieder ansiedelt, heißt es beim Nabu.

In Bad Dürrheim wurde das junge Tier vor drei Tagen gesichtet und ebenfalls fotografiert. Wo es anschließend abblieb, ist nicht bekannt. Das Chippen der Wildtiere, das Versehen mit Funkmeldern, um die Wanderungen nachzuvollziehen, sei nahezu unmöglich, erläutert Häring. Um den scheuen Wolf zu betäuben, müsste man sehr dicht herangehen; das würde er aber nicht mitmachen und weglaufen. Letztlich sei es auch ein Kostenfaktor, räumt die Wolfsexpertin ein. Ob Chip oder Sendehalsband – die Kosten dafür seien hoch.

Dass der Wolf innerhalb Baden-Württembergs fündig wird und auf ein Weibchen trifft, ist nach Ansicht Härings zur Zeit eher unwahrscheinlich. Hierzulande sei noch keine Wölfin gesichtet worden, das liegt auch an der ausgebauten Infrastruktur. Denn die sechsspurige Autobahn entlang des Oberrheins wirkt wie ein Grenzzaun, den ein Wolf kaum überwinden kann.

Begeisterung über das Tier hält sich in Grenzen

Hier war der Fluchtversuch eines Artgenossen zuletzt gescheitert, der nach Osten ziehen wollte. Das Tier überlebte nicht die Querung der Autobahn. Ebenso wie ein Wolf, der vor einem Jahr auf der Baar gesichtet worden war: hinkend, und somit wohl dem Untergang geweiht, wie Sabine Häring vermutet. Weitere Tiere könnten also entweder von der Schweiz her, aus Bayern oder aus dem Norden kommen. „Irgendwann sind alle Reviere besetzt, dann müssen die Tiere weiterwandern“, sagt die Expertin. Damit gibt es zumindest die Chance, dass der Wolf auch in Baden-Württemberg heimisch wird.

Doch die Begeisterung über das Tier, das bis zu seiner Ausrottung vor 150 Jahren in Deutschland zum festen Bestandteil des Ökosystems gehört hat, hält sich bei den Züchtern von Schafen, Pferden, Rindern, Ziegen und Damwild in Grenzen. „Wenn der Wolf jetzt kommt, muss das Herdenschutzprojekt Baden-Württemberg dringend verlängert werden“, fordert Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes. Und dazu zählen höhere Zäune und der vermehrte Einsatz besonderer Hütehunde.

Was tun, wenn der Wolf kommt?

Der Wolf kommt zurück nach Deutschland, nachdem er vor 150 Jahren ausgerottet war. Was das für den Menschen bedeutet:

  • Keine Gefahr für Menschen: Wölfe legen pro Tag bis zu 60 Kilometer zurück, wie es bei der FVA heißt. Eine Gefahr bestehe für den Menschen jedoch nicht, solange man sich einem Tier nicht unvorsichtig nähert, beispielsweise um es zu füttern. Denn der Mensch gehört nicht ins Beuteschema der Wildtiere, die es eher auf Rehe und Wildschweine abgesehen haben, ergänzt die Geografin und Filmemacherin. Angesichts der hohen Schäden beispielsweise durch Wildschweine könne ein Wolf sogar Nutzen stiften.
  • Wie sich der Wanderer verhalten sollte: Die Begegnung von Mensch und Wolf ist nach Expertenmeinung äußerst selten. Wölfe gelten als scheue Tiere, zu deren Beute nicht der Mensch gehört, sondern Wild- und Nutztiere. Wolfsbotschafterin Sabine Häring rät bei einer Begegnung zur Ruhe: „Genießen Sie den Anblick. Bleiben Sie ruhig und laufen Sie keinesfalls weg.“ Wer Angst hat, sollte sich langsam zurückziehen, aufrichten, in die Hände klatschen. Hunde sollten in Wolfsgebieten immer angeleint sein. (sk)

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