Donaueschingen Der Wolf mischt die Region auf

Wird Südbaden zum Wolferwartungsland? Was im Wahlkampf der CDU nicht ganz geklappt hat, wird nun auf der zoologischen Ebene immer wahrscheinlicher. Vor einigen Tagen sichtete ein Spaziergänger einen Wolf, der über die Baar zieht. Auf einem Kurzvideo sieht man ihn allein über ein Feld traben, dazu gibt es Fotos von anderen Naturfreunden. Der Eindringling ist offenbar geschwächt und laut Experten keine Gefahr für Menschen.

Während im Norden Deutschlands Wölfe mittlerweile keine Seltenheit mehr sind, gilt er in Baden-Württemberg als Exot. Vor etwa 160 Jahren wurde er zwischen Elsass und Schwäbischer Alb ausgerottet. Jäger und Tierhalter schossen ihn, da er immer wieder Herdentiere gerissen hatte. Deutschland ist 160 Jahre später nicht mehr auf deutsches Fleisch angewiesen. Lamm kann auch aus Neuseeland oder Südeuropa kommen. Doch sind die Reaktionen auf die Sichtung des ersten Wolfes zurückhaltend. Naturschützer äußern sich zustimmend und erfreut. Nachdem der letzte Wolf im Land in Kleebronn 1847 erlegt wurde, zieht nun ein Exemplar erneut seine Kreise. Reinhold Mayer, der zuständige Dezernt am Landratsamt Schwarzwald-Baar, nennt das eine „gute Nachricht“. Der ehemalige Förster verweist auf die Artenvielfalt. Durch „kluge Lösungen“ könne man auch den Ausgleich schaffen zwischen Meister Isegrim und Tierzüchtern.

Ausgleich für gerissene Tiere

Dafür gibt es eine eigene Kasse, den Ausgleichsfonds Wolf. Er ist mit 10 000 Euro gefüllt und soll Züchter entschädigen, wenn der Wolf ein Tier getötet hat. Mayer hält solche Zahlungen für sinnvoll. So könne man auch den natürlichen Gegensatz zwischen Wildtier und Nutztier entschärfen.

„Die Schäfer sehen den Wolf mit gemischten Gefühlen“, sagt dagegen Karl-Heinz Bäurer im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Landwirt aus Aasen (bei Donaueschingen) und BLHV-Kreisvorsitzende freut sich grundsätzlich an der vielfältigen Fauna. Als Vertreter der Landwirte und Züchter sieht er den Wolf aber mit gebremster Begeisterung. Das Tier gehe nicht nur auf offene Weiden, sondern trage Unruhe in die Jungviehherde. Es sei jedem Bauern ein Graus, wenn das Vieh durchdrehe.

Bäurer weist auf eine weitere Tatsache hin, die den Mai-Wolf schwierig macht: Das Tier ist verletzt. Augenzeugen hätten beobachtet, dass er leicht hinke und sich nach einer gewissen Strecke auf die Seite lege, um neue Kraft zu schöpfen. Ein gesunder Wolf legt am Tag zwischen 30 und 40 Kilometer zurück. Wenn es sein muss, läuft er bis zu 100 Kilometer an einem Tag. Mit seinen 40 bis 50 Kilogramm und langen Beinen sei er ein ausdauernder Sportler – ideal für die Langstrecke.

Das Baaremer Exemplar freilich wird diese Laufleistung nicht mehr erbringen können. Er dürfte sich in einem kleineren Radius bewegen. Und er ist in seinem Verhalten deutlich aggressiver, weil er Schmerzen hat. Das macht sein plötzliches Auftauchen für die zehn Schäfer an Südbaar und junger Donau nicht einfacher. „Die Baar ist eine Drehscheibe für wilde Tiere,“ berichtet der ehemalige Förster Mayer. Die Baar ist jene Hochebene zwischen dem Schwarzwald im Westen und der Schwäbischen Alb im Osten. Inzwischen konnte der Aufenthalt des Wolfs auch näher lokalisiert werden. Das Kurzvideo wurde am Unterhölzer Wald aufgenommen – einem geschlossen Wald mit Weiher.

Jagdrevier und Autobahn

Der Wald gehört dem Haus Fürstenberg und und galt früher als gehobenes Jagdrevier. Freilich hat sich die Umgebung des grünen Gürtels völlig geändert. Im Süden des Unterhölzer Waldes verläuft die Bundesstraße nach Freiburg, im Osten wird der Forst von der Autobahn 81 und dem gleichnamigen Rastplatz begrenzt. Damit ist das Revier des Wildtieres stark eingeschränkt.

Viel mehr weiß man nicht vom ersten lebenden Wolf seit vielen Jahren. Nicht einmal das Geschlecht ist bekannt, die unscharfen Bilder lassen eine genauere Analyse nicht zu. Auch über seine Herkunft kann man nur rätseln. Möglich wäre ein osteuropäischer Stammbaum, da zum Beispiel in Polen noch starke Bestände des Canis Lupus unterwegs sind. Doch auch die Vogesen oder die Schweiz, wo der Wolf überleben konnte, sind möglich.

Möglich wird jetzt auch, dass Guido Wolf ein Versprechen einlöst, das er bei der Erschließung des Wolferwartungslandes ausgab. Er werde eine Patenschaft für den ersten lebend gesehenen Wolf übernehmen, gelobte er 2014. Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.

Wie verhält man sich?

Wölfe sind scheu, sie meiden den Menschen in aller Regel. Es ist selten, dass Menschen von diesen Tieren angefallen werden. Falls doch, dann sollte man sich bemerkbar machen und das Tier verscheuchen durch laute Rufe oder Klatschen. Das empfiehlt ein Leitfaden der Wolfsregion Lausitz. Ausnahmen sind tollwütige Wölfe, die blind angreifen und Menschen auch mit ihrer Krankheit anstecken können. Seine Scheu verliert das Tier, wenn es vom Menschen regelmäßig gefüttert wird. Dann wird es zutraulich und kann auch dreist werden, da es den Menschen lediglich als Futterquelle betrachtet. (sk)

.Wie bewegt sich der Wolf zwischen Donaueschingen und Geisingen? Dazu ein kurzes Video auf

www.suedkurier.de/plus

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