Eppingen 18-Jährige mit schweren Verbrühungen: Hexenzunft in der Kritik

Es sollte ein ausgelassener Fastnachtsumzug sein, doch für eine 18-Jährige hatte die Veranstaltung in Eppingen schlimme Folgen: Sie verbrühte sich die Beine an einem Kessel mit heißem Wasser. Nun steht auch die veranstaltende Zunft heftig in der Kritik.

Bei einem Fastnachtsumzug in Eppingen nahe Heilbronn ist es am Wochenende zu einem folgenschweren Unfall gekommen: Eine 18-Jährige verbrühte sich die Beine durch einen mit heißem Wasser gefüllten Hexenkessel. Dabei sollte das Ganze wohl eigentlich nur ein Scherz sein: Nach Polizeiangaben hatte eine Hexe aus einer am Umzug teilnehmen Zunft die Zuschauerin hochgehoben und über den dampfenden Kessel gehalten, den eine andere Hexe zuvor geöffnet hatte.

05.02.2018, Baden-Württemberg, Eppingen: Polizisten stehen vor der Polizeiwache an einem Kessel, in dem sich am Vortag bei einem Fastnachtsumzug eine junge Frau mit heißem Wasser an den Beinen verbrüht hatte. Sie wurde nach ersten Angaben der Polizei von Teilnehmern des Hexenumzugs über den Kessel gehalten. (zu dpa: "Polizei sucht nach Unglück bei Fastnachtszug zwei verkleidete Hexen" vom 05.02.2018) Foto: Stephen Wolf/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
05.02.2018, Baden-Württemberg, Eppingen: Polizisten stehen vor der Polizeiwache an einem Kessel, in dem sich am Vortag bei einem Fastnachtsumzug eine junge Frau mit heißem Wasser an den Beinen verbrüht hatte. Foto: Stephen Wolf/dpa | Bild: Stephen Wolf (dpa)

Was dann genau passierte, ist noch immer nicht ganz klar: Die Polizei geht davon aus, dass die Beine der Frau bis zu den Knien in das heiße Wasser gerieten, wie ein Sprecher sagte. Inzwischen sprächen Zeugen jedoch auch davon, dass die Frau möglicherweise nicht durch das Wasser, sondern durch aufsteigenden Dampf oder Spritzwasser verbrüht wurde.

Haben die Hexen die 18-Jährige zurückgelassen?

Die Frau musste in eine Spezialklinik gebracht werden. Die Beamten ermitteln inzwischen wegen fahrlässiger Körperverletzung und möglicher unterlassener Hilfeleistung. Denn es steht noch ein weiterer Vorwurf im Raum: Die beteiligten Hexen sollen die 18-Jährige nach dem Vorfall zurückgelassen haben, ohne sich um sie zu kümmern.

Die Stadt Eppingen zeigte sich am Montag betroffen von dem Vorfall. Es sei noch nicht klar, ob die Veranstaltung auch weiterhin bestehen werde. „Ich kann aus heutiger Sicht nicht sagen: "Ja, es geht weiter"“, sagte Oberbürgermeister Klaus Holaschke (parteilos). Das Ereignis werde nun ausführlich aufgearbeitet.

Nach dem Unglück geriet vor allem die Hexenzunft Eppingen als Veranstalterin in die Kritik. Der Verein postete am Wochenende bei Facebook Fotos von dem Umzug, ohne auf den Vorfall einzugehen. Das sorgte für zahlreiche aufgebrachte Kommentare, in denen die Zunft zum Teil heftig beschimpft wurde. Auch per E-Mail seien Drohungen gekommen, sagte Zunftmeister Bernd Henke am Montag. „Ich bin schockiert über diesen Shitstorm.“

Er zeigte beispielsweise eine Zuschrift, in der es heißt: „Ihr hättet es verdient, dass man Euch alle zusammen in einen Kessel kochenden Wassers fünf Minuten untertaucht und Euch anschließend jeden Knochen einzeln bricht, bis nichts mehr von Euch widerwärtigem Getier übrig bleibt.“

Das sagt der Alemannische Narrenring

Henke betonte, dass die Eppinger Hexen an dem Vorfall nicht beteiligt, sondern lediglich die veranstaltende Zunft gewesen seien - insgesamt waren demnach 85 Vereine eingeladen. Doch davon abgesehen gebe es bei der Fastnacht eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz: „Mach nichts mit Maske, was Du nicht auch ohne Maske tun würdest.“ Grundsätzlich gelte aber auch: Der Veranstalter könne bei einem Umzug nicht auf alles Einfluss nehmen, sagte Henke.

Das sieht auch der Alemannische Narrenring (ANR) so: Organisatoren könnten Unglücke oder andere Vorfälle nie zu hundert Prozent verhindern, sagte der Verbandspräsident Augustin Reichle. Zudem sei jede teilnehmende Zunft für die eigenen Fahrzeuge beim Umzug selbst verantwortlich. „Als Veranstalter kann man nur darauf hinweisen, dass nur zugelassene Fahrzeuge beim Umzug mitmachen dürfen.“

Nach Angaben der Stadt hatte der Wagen der betroffenen Narrenzunft den Auflagen auch genügt. Das Fahrzeug sei vor dem Umzug vom Ordnungsamt abgenommen worden, sagte eine Sprecherin. Beanstandungen habe es nicht gegeben. Allerdings habe sich zu diesem Zeitpunkt noch kein heißes Wasser auf dem Fahrzeug befunden - ob der Wagen hätte fahren dürfen, wenn das anders gewesen wäre, konnte die Sprecherin nicht sagen.

Bei dem Umzug mit rund 2000 Teilnehmern gab es keine Auflage, die offenes Feuer oder das Hantieren mit siedendem Wasser verbot. Das bestätigte Günter Brenner, Ordnungsamtsleiter der Stadt, der "Heilbronner Stimme". „Wir müssen Schlüsse daraus ziehen“, betonte Oberbürgermeister Klaus Holaschke, auf www.stimme.de. Einen Kessel mit heißem Wasser werde es bei solchen Veranstaltungen sicher nicht mehr geben.

„Bei uns würde das nicht genehmigt“, so Volker Gegg von der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte mit Blick auf den Kessel mit heißem Wasser und einem offenem Feuer auf dem Umzugswagen. Fahrzeuge müssten verkehrssicher sein, so Gegg gegenüber der "Heilbronner Stimme". Dass der Wagen beim Eppinger Nachtumzug dabei war, ist für Gegg „unverständlich“ und auch „undenkbar“ angesichts der Sicherheit. 

Hexenzunft zeigt sich erschüttert

Die Hexenzunft Eppingen hat sich in einer aktuellen Stellungnahme „zutiefst erschüttert“ gezeigt. „Nach 15 friedlichen Nachtumzügen sind wir sehr bestürzt über dieses für uns unerklärliche Unglück. Wir wünschen der verletzten jungen Frau alles Gute und eine schnelle Genesung“, heißt es in einer am Montagabend verbreiteten Mitteilung. 

„Wir haben von diesem Ereignis erst am Sonntagabend Kenntnis erhalten, weshalb wir aufgrund der unklaren Sachlage und der unterschiedlichsten Informationen keine Stellungnahme abgeben konnten“, hieß es weiter in der Mitteilung der Organisatoren des Umzugs.

Klare Regeln innerhalb der Zünfte

Um die Umzüge möglichst sicher zu gestalten, gebe es auch klare Regeln innerhalb der Zünfte, so ANR-Verbandspräsident Augustin Reichle. So sei es beispielsweise bei vielen Vereinen verboten, vor dem Umzug Alkohol zu trinken. Das werde vor Beginn oft intern kontrolliert. „Da gibt es auch mal einen Klaps auf die Schulter und es heißt: Heute läufst du nicht mit.“ Zudem trügen die Narren oftmals Nummern an ihrer Maske, damit sie bei Vorfällen identifiziert werden könnten - das ist jedoch eine freiwillige Maßnahme, ausgerechnet die betroffene Zunft hatte nach Angaben von Henke in Eppingen keine solchen Nummern.

Wenn ein Fahrzeug beim Umzug benutzt werde, liefen eigentlich an allen Seiten des Wagens Zunftmitglieder ohne Maske mit, sagte Reichle weiter. Das solle zum einen verhindern, das Unbefugte auf das Fahrzeug gelangten, und zum anderen, dass jemand unter die Räder gerate. „Bei uns wird zunftintern immer darauf hingewiesen: Denkt notfalls auch für Andere mit.“


Schwere Unfälle bei Fastnachtsumzügen:

 

  • 2017
    Eine 26-Jährige ist bei einem Fastnachtsumzug in Hambrücken bei Karlsruhe vor einem Traktor zur Sicherung im Einsatz. Die junge Frau stolpert jedoch und wird von dem Fahrzeug überrollt. Sie verletzt sich lebensgefährlich.
  • 2017
    Ein 21-Jähriger fällt im oberbayerischen Markt Indersdorf während eines Umzugs von einem Faschingswagen. Er stürzt aus vier Metern Höhe kopfüber zu Boden und wird lebensgefährlich verletzt.
  • 2016
    An dem Fastnachtswagen in Geislingen (Zollernalbkreis) löst sich ein Teil der Verkleidung, wodurch eine 32-Jährige darauf den Halt verliert. Sie stürzt, wird vom Rad des Fahrzeugs überrollt und tödlich verletzt.
  • 2013
    Bei einem Fastnachtsumzug im hessischen Spall (Kreis Bad Kreuznach) werden ein Vater mit seinem Sohn verletzt. Sie werden von einem Motivwagen angefahren und erleiden Quetschungen und Prellungen.
  • 2012
    Eine 41-Jährige klettert nach dem Fastnachtszug in Oberaurach (Landkreis Haßberge) auf einen Motivwagen, um ihre dort vergessene Handtasche zu holen. Dabei stürzt sie über die Holzbrüstung zwei Meter in die Tiefe und verletzt sich lebensgefährlich.
  • 2010
    Bei den Narrentagen in Oberndorf (Kreis Rottweil) trifft eine Fastnachtspeitsche eine Zuschauerin am Auge. Die 31-Jährige muss in eine Augenklinik gebracht werden. Vermutlich haben die Narren oder die Zuschauerin selbst die Reichweite der Peitschen unterschätzt.

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