Lennart Noeske hat jeden Tag ein Erfolgserlebnis, meistens gleich mehrere. Der 20-jährige Mechatroniker arbeitet als Betriebselektriker bei Constellium in Gottmadingen. „Ich sorge dafür, dass die Anlagen laufen“, sagt er. Zusammen mit zwei Kollegen ist er zuständig für die Fehlersuche und deren Behebung. Immer wenn in einer der neun Hallen des aluminiumverarbeitenden Unternehmens ein elektrisches Bauteil ausfällt oder die Funktion nicht stimmt, schrillt sein Handy. Meistens rufen ihn die Anlagenbediener zwischen drei und 20 Mal pro Tag an, um Defekte zu melden. Mit orangefarbener Schutzkleidung, Helm und Spezialschuhen ist er zwischen Monitoren und Schaltschränken unterwegs. So systematisch er bei seiner Arbeit vorgeht, so plant er auch sein weiteres Leben.

Und das, obwohl Lennart Noeske jung ist, sogar sehr jung, verglichen mit den Jahren, die noch vor ihm liegen, ehe er in Rente geht. Er muss noch mehr als 45 Jahre arbeiten. Bis dahin könnte es sein, dass wir sogar arbeiten müssen, bis wir 70 sind. Heute kann das niemand sagen, und auch Norbert Blüm ahnte nicht, dass sich dieser eine Satz, den er 1986 zum ersten Mal äußerte, so in die Köpfe der Deutschen brennen würde: „Die Rente ist sicher.“ Es war Wahlkampf, doch 1997 wiederholte der damalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung ihn in einer hitzigen Debatte im Bundestag, als die umstrittene Rentenreform verabschiedet wurde. Ein sogenannter demografischer Faktor und die Absenkung des Rentenniveaus von 70 auf 64 Prozent sollten die Renten künftig langsamer steigen lassen. Längst sind wir eines Besseren belehrt und jedem ist klar, dass er sich nicht allein auf die gesetzliche Rentenversicherung verlassen kann.

„Zusätzlich zur gesetzlichen Rente sollten Berufsanfänger über die betriebliche und private Altersvorsorge vorsorgen“, rät Martin Bantle, Vorsitzender des Bundesverbands der Versicherungskaufleute Schwarzwald-Bodensee. Schließlich wird die gesetzliche Standardrente (45 Beitragsjahre beim Durchschnittsverdienst von 36.267 Euro in 2016) nach dem derzeitigen Stand in 2030 nur 44,5 Prozent des Durchschnittsverdienstes betragen. Das wären im Monat rund 1.370 Euro. Davon müssen dann aber als Rentner noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abgezogen werden. Zum Leben werden rund 1220 Euro übrig bleiben abzüglich möglicher Steuern. Wer davon leben könne: Glück gehabt, sagt Bantle. Die anderen aber sollten sich Gedanken über eine private und betriebliche Altersvorsorge machen.

Lennart Noeske weiß genau, was er will: Eine Familie und ein Eigenheim. Dafür tut er heute schon einiges: Er verdient 3400 Euro brutto im Monat. Neben seinem Gehaltskonto hat er bei einer anderen Bank ein Konto eingerichtet, auf das er monatlich 950 Euro einzahlt. 300 Euro davon gehen in einen Aktienfonds, 300 in einen Bausparvertrag und 350 Euro bleiben als Spar-Puffer für besondere Ausgaben wie Autoreparaturen. Hat er 9000 Euro angespart, dann wird die Spar-Rate von 350 Euro verkleinert und der Rest anderweitig angelegt. Hubert Kaiser, Leiter der gewerblichen Ausbildung bei Constellium, sieht den jungen Mitarbeiter als untypisches Beispiel. Viele junge Männer würden in diesem Alter eher in ihr Auto investieren, sagt er. Eine Studie vom vergangenen Jahr zeigt außerdem, dass junge Leute zwar grundsätzlich bereit sind, für das Alter vorzusorgen, aber nur eine Minderheit auch tatsächlich planvolle Strategien verfolgt.

Mit Anfang 20 hat sich auch Hamit Cicek aus Waldshut noch keine Gedanken über seine Altersvorsorge gemacht. Erst nach seiner Ausbildung hat sich das geändert. „Je älter ich werde, desto öfter ist die Rentenvorsorge auch Thema in meinem Freundes- und Kollegenkreis.“ Der 26-Jährige bekäme bei Renteneintritt 1074 Euro, vorausgesetzt, seine Beiträge blieben bis dahin gleich hoch wie heute und Zinssatz und Gesetze änderten sich nicht. Weil er noch nicht 27 Jahre alt ist, musste er für diese Auskunft einen Antrag bei der Deutschen Rentenversicherung stellen.

Der junge Mann hat vor einem Jahr seine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beendet. Seither arbeitet er fest in seinem Ausbildungsbetrieb und verdient dort rund 2400 Euro brutto. Auf der Hand bleiben ihm 1680 Euro. Davon zahlt er 200 Euro Miete für seine Wohngemeinschaft, seine Fixkosten betragen 1100 Euro, von denen er nicht nur Lebensmittel, Handy und Kleidung zahlt, sondern auch seine Eltern unterstützt, wie das bei vielen Familien aus der Türkei üblich ist.

„Ich gehe davon aus, dass mir die gesetzliche Rente später zum Leben nicht ausreichen wird“, sagt Hamit Cicek. Deshalb will er vorsorgen. „Doch es gibt so unterschiedliche Möglichkeiten“, sagt er. „Ich habe mich erst einmal für einen Bausparvertrag über 20 000 Euro entschieden. Ich glaube, dass man mit einer eigenen Immobilie als Altersvorsorge nicht viel falsch machen kann.“

Je nachdem, wie viel Geld der Waldshuter am Jahresende übrig hat, zahlt er in seinen Bausparvertrag 700 bis 800 Euro ein. Das geht aber erst seit seinem letzten Lehrjahr, denn zuvor reichte das Geld dafür nicht. Im ersten Ausbildungsjahr hat er 960 Euro verdient, im zweiten 1100 und am Ende 1200 Euro. „Weil ich da schon meinen 450-Euro-Nebenjob hatte, konnte ich zumindest den Bausparvertrag anlegen“, sagt er. So arbeitet er an den Wochenenden als Barmann.

Wie hat sich Lennart Noeske schlau gemacht? Es sei eine Zeit gewesen, in der er viel Werbung für die Rente gesehen habe. Er diskutierte mit Freunden und Familie. „Bei der ersten Bank bin ich überrannt worden mit zu vielen Informationen.“ Das schreckte ihn ab. Eine andere Bankangestellte machte es geschickter: Sie teilte Bereiche wie Wohnen und Rente ein und ließ ihn bewerten, wie wichtig ihm ein Haus, Reisen, sonstige Investitionen und sein Leben im Hier und Jetzt sind. „Ich schaue eher, was mir auf längere Sicht etwas bringt“, sagt er. Dem Jugendleiter bei der Feuerwehr in Markelfingen, der gerne Long- und Snowboard fährt, ist das eigene Haus am wichtigsten. „Ich möchte gerne wohlhabend leben mit Familie und zwei bis drei Kindern.“

Die Betriebsrente ist ein weiterer Baustein auf freiwilliger Basis bei Constellium. Zahlt ein Mitarbeiter monatlich 100 Euro steuer- und sozialabgabenfrei ein, zahlt das Unternehmen monatlich 50 Euro dazu, also die Hälfte des Eigenbetrags, sodass 150 Euro in den betrieblichen Altersvorsorgevertrag gehen. „Da kommt bei 45 Berufsjahren eine schöne Summe zusammen“, sagt Hubert Kaiser. Wenn der Chef zum Beitrag Geld beisteuere, dann lohne sich die betriebliche Altersversorgung, so die Stiftung Warentest. Ein Vorteil ist auch, dass nicht nur das zu versteuernde Einkommen sinkt, sondern auch die Beiträge für die Renten- und Krankenversicherung niedriger werden. „Wenn ich richtig vorsorge“, sagt Lennart Noeske, „kann ich alles entspannt auf mich zukommen lassen.“ Auch Hamit Cicek will seinen Traum von der eigenen Immobilie verwirklichen. Und im Alter mietfrei zu leben, ist eine gute Aussicht.

Ge · ne · ra · tio · nen

Zwischen Jung und Alt gibt es eine Art Generationenvertrag. Die Erwerbstätigen sorgen mit ihren Beiträgen für die Alterseinkommen der Ruheständler. Die Politik muss aber dafür sorgen, die Interessen der Alten und der Jungen in einer älter werdenden Gesellschaft immer wieder in Einklang zu bringen. Um die Beitragszahler nicht zu überlasten und den Anstieg der Beitragssätze langfristig zu bremsen, wurden die Ansprüche an die gesetzliche Rente Zug um Zug zurückgeschnitten.

Zu · gangs · fak · tor

Eine wichtige Einflussgröße auf die Rente ist der Zugangsfaktor. Wer mit Erreichen der Regelaltersgrenze in Rente geht, hat einen Zugangsfaktor von 1,0. Bei einem früheren Renteneintritt wird für jedes Jahr ein Wert von 0,036 abgezogen. Der Zugangsfaktor ist wichtig für die Berechnung der Rentenhöhe.

 

So wirkt sich frühes Sparen aus

6 Tipps für Berufseinsteiger

  • Faktor Zeit: Wie wichtig Zeit beim Sparen ist, zeigt eine Berechnung der Stiftung Warentest: Wer ein Guthaben von 100 000 Euro erreichen will, muss bei einer Durchschnittsverzinsung von drei Prozent monatlich 172 Euro einzahlen. Voraussetzung: Die Person hat bis zur Rente noch 30 Jahre Zeit. Beginnt der Sparer erst zehn Jahre vor der Rente, steigt der monatliche Sparbetrag auf 715 Euro.
  • Flexible Anlageformen: In jungen Jahren empfehlen sich flexible Anlageformen. So können Sparraten auch mal ausgesetzt werden. Und eine anfangs kleinere Sparrate lässt sich je nach Einkommen in der Höhe anpassen.
  • Rendite: Mehr Rendite heißt auch mehr Risiko. Die Verbraucherzentrale warnt: „Sparer sollten gerade bei ihrer Altersvorsorge keine Geschäfte mit Totalverlustrisiko eingehen.“ Je langfristiger der Anlagezeitraum sei, umso leichter können Anleger Schwankungen an der Börse aussitzen. (ink/dpa)
  • Der Ratgeber zur Serie: Den Ruhestand möchte jeder in finanzieller Sicherheit genießen. Was Sie dafür tun können, lesen Sie in unserem 80-seitigen SÜDKURIER- Ratgeber – hier bekommen Sie einen schnellen Überblick. Bestellen Sie den Ratgeber im Südkurier Inspirationen Online-Shop unter der Telefonnummer 0800/880-8000 (gebührenfrei) oder www.suedkurier.de/mehr-rente, Preis Abonnenten: 12,90 Euro, Nicht-Abonnenten: 14,90 Euro.
  1. .Welche Nachweise sollte ein Berufsanfänger für die Rente ablegen? Prinzipiell sollte man alle Unterlagen zu Ausbildungs- und Studienzeiten zusammenstellen. So sind Studienzeiten wichtig, wenn es um die Mindestversicherungszeit geht. Man kann sie mit Zeugnissen belegen. Lehr- und Gesellenbriefe und Bescheinigungen des Arbeitgebers dienen auch als Nachweise.
  2. .Wie erhält man eine Rentenbenachrichtigung? Für eine automatische Rentenbenachrichtigung muss ein Versicherter 27 Jahre alt sein, mindestens fünf Jahre oder 60 Kalendermonate Beitragszahlungen nachweisen. Diese Beitragszeiten sind die Grundvoraussetzung für die Berechnung der Rente. „Eine frühere Auskunft ist in Ausnahmefällen möglich. Allerdings sind solche frühen Prognosen in keinster Art verlässlich“, sagt ein Sprecher der Deutschen Rentenversicherung.
  3. .Wie unterscheidet sich das Vorsorgemodell für junge Akademiker, die ihren ersten gut bezahlten Job antreten, verglichen mit Absolventen einer Ausbildung? Ein Studium ist mit vielen Kosten verbunden: Für drei bis sechs Jahre müssen Studenten das Studium vorfinanzieren, wobei dabei nur eine private Altersvorsorge, beispielsweise über private Renten-, Fonds- und Lebensversicherungen möglich ist. Allerdings sind in der Regel das spätere Gehalt und auch die Karrierechancen von Akademikern höher als in Ausbildungsberufen. „Diese können vom ersten Tag ihrer Betriebszugehörigkeit oder Ausbildung an schon über die gesetzliche Rente, die Betriebsrente und die Riester-Rente fürs Alter vorsorgen“, sagt Finanzfachmann Bantle.
  4. .Ist die Riester-Rente für junge Leute empfehlenswert? Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) empfiehlt zu riestern, weil es ein wichtiger Baustein privater Altersvorsorge ist, der zudem noch staatlich mit 154 Euro pro Jahr gefördert wird. Damit können sich Altersvorsorgesparer eine weitere Säule ihrer Rente aufbauen. Der Gesetzgeber plant zudem die Riester-Förderung auf 165 Euro zu erhöhen. Berufseinsteiger können zusätzlich einen staatlichen Zuschuss zur Riester-Rente bekommen.
  5. Sie erhalten einmalig 200 Euro als Berufseinsteigerbonus zusätzlich zur jährlichen Zulage von 154 Euro, aber nur, wenn sie unter 25 Jahre alt sind“, sagt Kris Hauf, Vorstandssprecherin des Bundesverbandes der Finanzexpertinnen (BUF).
  6. .Unterstützen Arbeitgeber Berufseinsteiger? Gerade bei knappem Budget lohnt es sich, nach staatlich geförderten Produkten sowie Zulagen vom Arbeitgeber zu suchen. Junge Verbraucher sollten zunächst prüfen, ob ihr Arbeitgeber vermögenswirksame Leistungen anbietet. Dann gibt es bis zu 40 Euro vom Arbeitgeber monatlich geschenkt dazu. Auch die betriebliche Altersvorsorge kann eine gute Altersvorsorge sein.
  7. .Macht zusätzlich eine Lebensversicherung Sinn? „Hier kommt es auf die persönliche Lebenssituation an“, sagt Bantle. Man könne aber generell sagen, dass der Abschluss einer Lebensversicherung nur Sinn mache, wenn man den anvisierten Vertragszeitraum von 12, 20 oder 30 Jahren auch finanziell durchhalten könne. Denn bei vorzeitiger Kündigung verliert man Geld. (ink)