Martin Winterkorn erhält von seiner früheren Firma 3100 Euro Pension – nicht pro Monat, sondern pro Tag. Der langjährige Automobilmanager holte bei Volkswagen raus, was geht. Die Volksseele kocht. Denn Winterkorn befeuert damit nicht einfach nur eine Neiddebatte. Dass in der freien Wirtschaft Spitzenmanager an drei Tagen so viel verdienen wie manch anderer kaum in einem Jahr, ist hinlänglich bekannt. Und doch verletzt die bloße Zahl das Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen im Land. Es trifft in eine Zeit, in der Gewissheiten und Zuversicht ohnehin erodieren. Insbesondere das finanzielle Auskommen im Alter treibt viele um. „Während wir dafür kämpfen, das gesetzliche Rentenniveau für viele Millionen Menschen auf einem Niveau abzusichern, das ein anständiges Leben im Alter ermöglicht, hauen gleichzeitig die Unternehmen Millionenbeträge für Manager raus. Das passt nicht zusammen“, kritisierte DGB-Chef Reiner Hoffmann denn auch Winterkorns ganz spezielles Rentenniveau.

In diesem Jahr – wie in vielen zuvor – hat das Thema Rente wieder Konjunktur. Unterschiedliche Meinungen über die Weichenstellungen für die künftigen Rentner gibt es reichlich. Ein Wahlkampf ums soziale Megathema naht. Der CDU-Wirtschaftsrat warnt bereits vor Rentengeschenken. Stattdessen plädiert er für die Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung – also für längeres Arbeiten. Die CSU unter ihrem Chef Horst Seehofer schreibt sich eine Ausweitung der Mütterrente auf die Wahlkampffahnen, die Linke ein Rentenniveau von 53 Prozent. Die AfD will, dass es zu höheren Renten führt, wenn man viele Kinder hat. Ideen gibt es viele in der Renten-Arena. Auch die große Koalition aus CDU und SPD arbeitet derzeit an einer sogenannten Rentenreform.

Egal wie die Lösung aussehen wird – der zentrale Bestandteil bleibt das Rentenniveau. Das entscheidet, ob Menschen im Alter von staatlichen Stützleistungen wie Grundsicherung abhängig sein werden oder, was sich natürlich alle wünschen, selbstbestimmt auf annähernd gleichem Lebensstandard an gewohntem Ort weiterleben können. „Menschen werden zu Bittstellern gemacht“, kritisiert Roland Sing, der Landesvorsitzende des Sozialverbandes VdK. Ihnen werde durch die momentanen Rentenpläne die Würde genommen. Sing fordert die Anhebung des Rentenniveaus von derzeit 48 auf 50 Prozent. „Unbezahlbar“, schallt es ihm von allen Seiten entgegen. Manche Experten rätseln, ob dies noch Sozialpolitik oder schon Armutsverwaltung ist.

Viele Menschen sind auf die gesetzliche Rente angewiesen

Das deutsche Rentensystem ist als Solidarsystem konzipiert: Die Arbeitnehmer von heute zahlen für die aktuellen Rentner und wenn sie selbst in den Ruhestand gehen, übernimmt die nachfolgende Generation. Für viele Menschen in Deutschland ist die gesetzliche Rente die wichtigste und oft einzige Säule ihrer Alterssicherung. Während höhere Einkommensgruppen über Immobilien, Aktien oder Fonds vorbauen können, manche in den Genuss von Betriebsrenten oder einer berufsständischen Zusatzversorgung kommen, sind doch viele Normalverdiener auf die gesetzliche Rente angewiesen, allenfalls ergänzt durch staatlich gesponserte Zusatzversicherungen wie Riester oder Rürup.

„Die Rente ist sicher!“ Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) prägte 1997 diesen Satz mit Ewigkeitscharakter: Er stimmt, die Frage ist nur, in welcher Höhe. Als Blüm seinen Ausspruch tat, wurde im Deutschen Bundestag darum gestritten, ob das Rentenniveau im Jahr 2010 bei 65 oder 64 Prozent liegen wird. SPD-Sozialexperte Rudolf Drexler plädierte damals für 70 Prozent als „dauerhaft tragfähig“. Derzeit erhalten deutsche Rentner gerade 47 Prozent des lebenslang erwirtschafteten Durchschnittseinkommens – anders etwa als Beamte, die 70 Prozent der letzten und höchsten Gehaltsstufe überwiesen bekommen. Das Ruhegeld wird zudem besteuert: In diesem Jahr erhöht sich der steuerpflichtige Anteil von 72 auf 74 Prozent für Neurentner. Für alle anderen gilt der Beschluss von 2006: Jedes Jahr werden zwei Prozent mehr besteuert – bis 2020 sind es 80, bis 2040 ganze 100 Prozent. An dieser Stellschraube freilich ließ das Bundesverfassungsgericht drehen. Die Politik drehte an weiteren, allen voran: Die große Koalition von 2008 hob das Rentenalter stufenweise von 65 auf 67 Jahre, um es teilweise wieder auf 63 abzusenken.

Manche Partei, manche Bundesregierung konnte zudem der Versuchung nicht widerstehen, in die Rentenkasse zu greifen, um politische Signale an potenzielle Wähler oder die eigene Klientel auszusenden. Zuletzt in Form der Mütterrente, einer hartnäckig verfolgten CSU-Idee, gegen die es inhaltlich kaum Kritik gab: Wer wollte den älteren Müttern keine bessere Alterssicherung gönnen? Und doch wiederholte sich der Sündenfall, der längst am Solidarsystem Rente nagt wie Taubenkot am Sandstein. Jene Empfängerinnen hatten nie in das Rentensystem einbezahlt. Schon im Zuge der Deutschen Einheit holte die Kohl-Regierung alle Ost-Rentner ins System. Aktuell ist die Angleichung des Niveaus der Ost-Renten im Gespräch. Rufe, dies doch aus Steuermitteln, also durch alle Bürger zu finanzieren, verhallen ungehört. Solche Übergriffigkeit der Regierenden hat Folgen.

Länger arbeiten und trotzdem weniger Rente beziehen?

Keineswegs nur Berufsskeptiker sagen voraus, dass immer mehr Rentner in die Grundsicherung fallen werden, wenn das Rentenniveau weiter sinkt. Der Ökonom Bernd Raffelhüschen gilt als Provokateur, weil er gebetsmühlenhaft private Vorsorge nahelegt und die Rente ab 63 als Schwachsinn bezeichnet. Dabei ist das, was er sagt, das Ergebnis einer rein systemimmanenten Analyse: Bleibt das deutsche Rentensystem wie es ist und plündert die Politik die Kassen weiterhin für „Rentengeschenke“, werden die Menschen immer länger arbeiten müssen und trotzdem immer weniger Rente beziehen. Und es werden sich die Biografien häufen, in denen Menschen, die lebenslang mit mehr oder weniger Unterbrechung gearbeitet haben, kaum mehr bekommen als jemand, der nie eingezahlt hat in die gesetzliche Rentenversicherung.

Raffelhüschen hat in seinem Freiburger Institut einen Ordner mit der Aufschrift „Crazy“ (dt. verrückt) angelegt. Dort werden alle bösen Zuschriften und Morddrohungen abgelegt, auch die Anzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden, weil der (verbeamtete) Professor schon mal Gutachten für die Versicherungswirtschaft schreibt, die von seinen Tipps profitiert. Auf Spaziergängen wird der 57-jährige Forscher, wie er jüngst bekannte, von Rentnern schon mal mit dem Gehstock verhauen. Das ist verwerflich, zeigt aber doch eines: Es wächst der Frust jener „Standardrentner“, die die Euphorie des früheren FDP-Gesundheitsministers Daniel Bahr, auch mit 70 noch lustvoll dazuzuverdienen, nicht teilen mögen. Sie bestehen auf einen Ruhestand, der seinen Namen verdient, als Einlösen eines Versprechens, das ihnen der deutsche Sozialstaat gab.


 

Ver · si · che · rung

Träger der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland ist die Deutsche Rentenversicherung. Ende 2015 bezogen laut Deutscher Rentenversicherung rund 25 Millionen Menschen eine Altersrente. Wer 45 Jahre lang das Durchschnittsentgelt verdiente, bekam im Juli 2015 in den alten Bundesländern eine Standardrente von 1314,45 Euro. In den neuen Ländern waren es 1217,25 Euro. Die Finanzlage der gesetzlichen Rentenversicherung ist besser als angenommen. Grund für die positive Entwicklung ist der stabile Arbeitsmarkt und die positive Entwicklung der Beitragseinnahmen.


 

Hal · te · li · nie

Die Rente wird 2017 zu einem der wichtigsten Wahlkampf-Themen der Parteien werden. Sozialministerin An-drea Nahles (SPD) fordert eine „doppelte Haltelinie“. Das heißt konkret: Die Beiträge sollen bis 2045 nicht über 25 Prozent steigen und das Niveau nicht unter 46 Prozent kippen.

 

Peter Bofinger: "Selbstständige sollten in die Rentenkasse einzahlen"

Peter Bofinger ist Wirtschaftsweiser und einer der bekanntesten Ökonomen in Deutschland. Er spricht über die Zukunft der Rente

Herr Bofinger, ich bin 40 Jahre – muss ich mir Sorgen um die Rente machen?

Sie müssen sich insofern keine Sorgen machen, als dass Sie auf jeden Fall aus dem Rentenversicherungssystem eine Zahlung erhalten werden. Und die Rente, die Sie in 27 Jahren bekommen, wird eine höhere Kaufkraft haben als die Rente, die ein Rentner heute erhält. Aber Sie sollten auch wissen, dass der Abstand der Rente im Jahr 2044 zu ihrem Bruttoeinkommen höher sein wird, als dies heute der Fall ist.

Was macht das Thema so schwierig?

Das Thema Rente ist eigentlich gar nicht kompliziert. Zumindest ist das Prinzip sehr logisch: Es beruht darauf, dass Menschen, die heute arbeiten, in einen Topf Geld einzahlen und dass die Menschen, die heute in Rente sind, aus diesem Topf Geld erhalten. Also bekommt das System Probleme, wenn die Zahl der Jungen sinkt und die der Alten steigt. Die Frage ist, wie geht man damit um? Eigentlich ganz einfach: Die Rentner bekommen weniger Geld oder die Jungen zahlen mehr ein. Und: Wenn wir länger leben, müssen wir auch länger arbeiten. Die Politik hat sich aber entschieden, dass die Jungen keine höheren Beiträge zahlen müssen, sondern privat vorsorgen sollen – etwa mit der Riesterrente. Auch die betriebliche Altersvorsorge wurde gestärkt, indem ein Teil des Lohns in eine Lebensversicherung geht und dafür von sozialen Abgaben befreit ist. Damit hat man den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, weil das Rentensystem durch die fehlenden Beiträge noch mehr unter Druck geriet. Ein fundamentaler Fehler.

Sie sagen, die Riester-Rente sei gescheitert. Was ist der Grund?

Sie ist insoweit gescheitert, als wir nicht feststellen können, dass die sozial Schwächeren zusätzlich sparen. Das liegt daran, dass die Einkommen dieser Gruppe in den vergangenen 25 Jahren preisbereinigt nicht gestiegen sind. Womit sollten die diese Riester-Rente finanzieren?

Wie würden Sie die Rente stabilisieren?

Erstens würde ich den Beitragssatz etwas anheben oder den Menschen zumindest die Möglichkeit geben, freiwillig mehr einzuzahlen und dafür höhere Ansprüche zu erwerben, anstatt krampfhaft nach einer Anlageform zu suchen. Zweitens muss die Sozialabgabenfreiheit bei der betrieblichen Altersvorsorge abgeschafft werden. Drittens würde ich alle Selbstständigen, die über keine Absicherung durch ein berufsständisches Versorgungswerk verfügen, in die gesetzliche Rentenversicherung nehmen. Gerade das würde dem System über viele Jahre Geld zuführen, ohne dass dem Leistungen entgegenstehen. Denn heute 25-jährige Selbstständige beziehen frühestens in 42 Jahren Rente.

Der Wahlkampf ist die Zeit für teure Rentenversprechen...

Es besteht Gefahr, Sachen zu versprechen, die die knappen Mittel dieses Systems überstrapazieren. Ein Punkt ist die Forderung nach einer Mindestrente, die über der Grundsicherung liegt. Das Problem wäre, dass die Menschen, die ihr Leben lang in die Kassen eingezahlt haben, kaum noch besser stehen als die, die nie gezahlt haben.

Das erwartet Sie in unserer großen SÜDKURIER-Serie „Meine Rente“

  1. Was Berufseinsteiger wissen müssen: 20 Jahre ist Lennart Noeske alt, noch 45 Berufsjahre liegen vor ihm. Trotzdem denkt er schon heute ans Alter. Der Betriebselektroniker aus Markelfingen baut wie so viele Deutsche auf ein Eigenheim als Altersvorsorge. Aber reicht das wirklich aus? Worauf gerade junge Menschen achten müssen, lesen Sie am Mittwoch, 22.  März
  2. Willkommen in der Mitte: Matthias und Cathrin Schäfer befinden sich in der Rushhour des Lebens. Das Konstanzer Ehepaar hat zwei Kinder und ist gleichzeitig beruflich voll eingespannt. Da bleibt nur wenig Zeit, um an die Rente zu denken. Trotzdem haben die Schäfers ihre eigene Vorsorgestrategie entwickelt. Was sich aus ihrer gemeinsamen Rentenstrategie lernen lässt, erfahren Sie am Samstag, 25. März
  3. Wie Landwirte vorsorgen müssen: Peter Traber ist Bauer und packt mit 71 Jahren noch auf dem Hof mit an. Zwar zählt er nicht zu den deutschen Armutsrentnern, doch seine Altersbezüge sind bescheiden. Die Besonderheiten der landwirtschaftlichen Vorsorgen lesen Sie am Mittwoch, 29. März
  4. Frauen in der Renten-Falle: Minijobs, Erziehungszeiten, Scheidung – der Lebenslauf vieler Frauen ist durchbrochen. So geht es auch Vera Hermann aus Rielasingen-Worblingen. Der 39-Jährigen bleibt kaum Luft, um auch noch für später vorzusorgen. Rentenexperten geben Tipps: Samstag, 1. April
  5. So bereiten sich Selbstständige vor: Der 69-jährige Handwerksmeister Werner Demmler sagt, es gehe ihm „gut im Alter“. Als Selbstständiger muss er sich selbst um sein späteres Auskommen kümmern. Anders als einige Kollegen hat er früh begonnen vorzusorgen. Was er gemacht hat und was sich lohnt, erfahren Sie am Mittwoch, 5.  April
  6. So regeln Beamte ihr Ruhegeld: Andreas Hirt sagt über sich selbst: „Wir gehören unter den Ruheständlern zu den Privilegierten.“ Hirt bezieht als Beamter eine Pension. Doch wer nur Prozentsätze miteinander vergleicht, wird den Beamten nicht gerecht. Einen Vergleich zwischen Rentnern und Pensionären lesen Sie am Samstag, 8. April
  7. Wenn der Arbeitgeber Betriebsrente zahlt: Herbert Hirt aus Rottweil startete in sein Berufsleben mit der Aussicht auf gut 200 Mark Betriebsrente. Übrig blieben 57 Euro. Der 71-jährige Industriemechaniker hält das Rentensystem für gescheitert. Mehr lesen Sie am Mittwoch, 12. April
  8. Früher in Rente – und dann? Peter Freigang kann mit seinen 62 Jahren bereits den Ruhestand genießen. Nach 45 Berufsjahren ist der St. Georgener aus dem Berufsleben ausgeschieden, befindet sich derzeit in der passiven Phase der Altersteilzeit. Er ist zufrieden mit dem, was ihm bleibt. Worauf Arbeitnehmer achten sollten, wenn sie früher in Rente möchten, erfahren Sie am Samstag, 15. April
  9. Weiterarbeiten trotz Ruhestand: Carina Klede-Arman arbeitet trotz Rente weiter, um ihren Lebensstandard zu sichern. Sie ist auf das Geld angewiesen. Anders geht es Helmut Keller. Der Chefarzt ist 67 – hat aber so viel Freude an seinem Beruf, dass er gerne noch ein paar Jahre dranhängt. Was Rentner beachten müssen: Mittwoch, 19. April
  10. Wenn die Rente nicht reicht: Das Motto von Brunhilde Neujahr ist: „Vom Jammern wird es auch nicht besser.“ Die 78-Jährige lebt von knapp 800 Euro Rente, ein Großteil geht für die Miete drauf. Sie ist nicht die Einzige, die strampeln muss. Die Zahl der Armutsrentner in Deutschland wächst. Wie der Staat hilft: Samstag, 22. April