Brunhilde Neujahr ist eine Kämpfernatur. „Vom Jammern wird es auch nicht besser“, sagt die 78-jährige Rentnerin aus Friedrichshafen. Dabei hätte sie durchaus Grund zum Klagen: Sie muss mit 790 Euro Rente pro Monat auskommen. Über 500 Euro gehen davon allein für ihre Miete drauf. Mit den restlichen knapp 300 Euro kann sie keine großen Sprünge machen. „Ich habe seit Weihnachten kein Stück Fleisch mehr gegessen“, berichtet sie. Restaurant- oder Cafébesuche sind bei ihrem schmalen Budget ohnehin illusorisch. Schon den Einkauf in einem normalen Supermarkt kann sie sich nicht leisten.

Deshalb pilgert sie Tag für Tag mit ihrem Rollator zum Tafelladen, wo sie günstig an Obst, Gemüse und andere Grundnahrungsmittel kommt. Größere Anschaffungen oder Reparaturen schiebt sie so weit wie möglich hinaus. „Eigentlich bräuchte ich neue Möbel, aber das kann ich mir nicht leisten“, sagt sie. Rücklagen zu bilden, ist für sie nicht drin. Und auch staatliche Unterstützung bekommt sie nicht. „Meine Rente ist fünf Euro zu hoch, um Sozialleistungen zu erhalten“, sagt sie.

Brunhilde Neujahr ist in Deutschland kein Einzelfall. „Altersarmut ist keine Randerscheinung mehr“, erklärte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, zu aktuellen Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat. Nach Angaben der Behörde ist die Zahl der von Armut bedrohten älteren Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahren auf fast sechs Millionen gestiegen. Waren 2010 knapp 4,9 Millionen Menschen im Alter von 55 und älter betroffen, stieg deren Zahl seither kontinuierlich auf mehr als 5,7 Millionen. Im Jahr 2015 waren 20,8 Prozent aller Menschen im Alter von 55 und älter von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. 2010 waren es noch 18,8 Prozent. EU-weit liegt der Anteil mit 20,7 Prozent leicht unter dem in Deutschland.

Altersarmut bereitet vielen Menschen Sorgen

Auch psychologisch macht das Risiko, im Alter nicht genug Geld zum Leben zu haben, vielen Deutschen zu schaffen. Drei Viertel (75 Prozent) der Befragten sagen laut einer Forsa-Umfrage, dass ihnen Altersarmut große oder sehr große Sorgen bereite. Hubert Seiter, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, hält Altersarmut ebenfalls für ein ernst zu nehmendes Phänomen. „Wer prekär beschäftigt ist oder eine unterbrochene Erwerbsbiografie hat, zahlt nicht genug in die staatliche Rentenversicherung ein. Für eine auskömmliche Rente reicht es dann nicht“, sagt er. Allerdings sei nicht jede niedrige Rente immer mit Altersarmut gleichzusetzen. Wenn der Partner eine hohe Rente hat oder wenn man geerbt hat, sieht die Sache schon anders aus.

Brunhilde Neujahr hatte dieses Glück nicht. Aber auch das ist für sie kein Grund, mit dem Schicksal zu hadern. „Der Staat oder die Politik ist doch nicht dafür verantwortlich, wenn in meinem Leben etwas schiefgelaufen ist“, sagt sie. Überhaupt ist sie niemand, der sich gerne von anderen helfen lässt. Auch zum Tafelladen ging sie am Anfang mit einem unguten Gefühl. Aber mittlerweile gehören die Einkäufe in der Tafel zu ihrem Alltag. Sie habe hier sogar neue soziale Kontakte geknüpft. Aber manchmal nerve sie auch die Konkurrenz zwischen den vielen Kunden. Schließlich kann jedes Lebensmittel, allesamt Überschussware aus Supermärkten und Bäckereien, nur einmal verkauft werden. Und die Flüchtlinge aus Nordafrika oder dem arabischen Raum, von denen ebenfalls viele auf die Tafel angewiesen sind, verschärfen den Wettbewerb weiter. Doch dafür hat Brunhilde Neujahr Verständnis. „Die Flüchtlinge müssen auch schauen, wo sie bleiben. Man kann sie nicht zum Sündenbock machen“, sagt sie.

Seit 1984 lebt Brunhilde Neujahr, die eigentlich von der Lüneburger Heide kommt, in Friedrichshafen. Ihr Ex-Mann, der damals für die Bundesbahn arbeitete, wurde versetzt. Und so zog Neujahr mit ihm vom hohen Norden an den Bodensee. Wirtschaftlich ging es den beiden lange Jahre nicht schlecht. Brunhilde Neujahr arbeitete in einem Kinderheim, sodass die beiden mit zwei Gehältern gut zurechtkamen. Große Urlaube konnten sich die beiden zwar nicht leisten. Aber immerhin konnten sie ihre drei Kinder ohne wirtschaftliche Not großziehen.

Veränderte Lebensbedingungen

Doch Ende der 90er-Jahre kam der Bruch in ihrem Leben. Brunhilde Neujahr ließ sich von ihrem Mann scheiden, nahm wieder ihren Mädchennamen an und brach den Kontakt mit ihren Kindern ab. Die Gesamtsituation belastete sie so sehr, dass sie einen Herzinfarkt erlitt und nicht mehr arbeiten konnte. Mit 55 Jahren stand sie plötzlich alleine im Leben da. Eigene Ersparnisse hatte sie bis dahin nicht gebildet. Und von ihrem Mann wollte sie keinen Unterhalt einklagen. Im Nachhinein sei das ein Fehler gewesen, sagt sie heute. „Ich wollte damals nur raus aus der Ehe“, erklärt sie. Mit ihren Kindern hat sie bis heute kaum Kontakt. Auch ihre drei Enkelkinder sieht sie sehr selten. „Ich wollte einen sauberen Schnitt. Ansonsten kommen alle negativen Gefühle wieder hoch“, sagt sie. Finanzielle Unterstützung von ihren Kindern bekomme sie nicht. „Jeder muss selber schauen, wie er im Leben zurechtkommt“, sagt sie.

„Ich bin vielleicht innerlich etwas abgestumpft nach all dem, was ich erlebt habe“, erklärt Brunhilde Neujahr. Ihre Erwartungen an das Leben hat sie radikal runtergefahren. „Es geht nicht darum, einen schönen Marken-Pullover zu haben. Wichtig ist allein, dass der Pullover sauber ist“, sagt sie. Hundert Euro mehr pro Monat würde sie sich wünschen, mehr nicht. „Dann wäre ich zwar nicht glücklich, aber zufrieden“, sagt sie. Ihre Bescheidenheit wurde ihr fast schon in die Wiege gelegt. Brunhilde Neujahr wuchs als eines von 14 Kindern auf. „Meine erstes eigenes neues Paar Schuhe habe ich zur Konfirmation bekommen, erinnert sie sich. Heute sind fast alle ihrer Geschwister verstorben. Kontakte in ihre Heimat hat sie kaum noch. „Das Schlimme am Älterwerden sind nicht die Falten, sondern die Einsamkeit“, sagt sie.

Dabei ist Brunhilde Neujahr eigentlich von ihrem Gemüt her eine Frohnatur. „Ich will nicht ständig über Krankheiten und andere negative Dinge reden“, sagt sie. Wenn Freundinnen von ihr nur auf dieser Negativschiene fahren, sage sie immer „erzähl mir doch lieber etwas von deiner letzten Liebesnacht“. Auch wenn sie mittlerweile aus der Kirche ausgetreten sei, habe sie ihren Glauben an Gott und das Gute im Menschen noch nicht verloren.

Aufgrund ihres geringen Budgets leide allerdings ihr Sozialleben. Während andere Rentner tolle Busreisen unternehmen, müsse sie zu Hause bleiben. Ihre Freizeit vertreibt sie sich mit Lesen, kleinen Spaziergängen am Seeufer und Fernsehen. Ihre Laune will sie sich durch ihre wirtschaftliche Lage nicht verderben lassen. Auch ihr gehe es manchmal schlecht. Doch Selbstmitleid sei ihre Sache nicht. „Soll ich meine Depression etwa auf dem Sofa genießen?“, fragt sie. Man dürfe auch und gerade im Alter nicht verbittern. Lieber geht sie an die frische Luft und versucht aktiv zu bleiben. So wie es sich für eine echte Kämpfernatur gehört.

 

Ent · gelt · punk · te

Entgeltpunkte sind ein wichtiger Bestandteil der Rentenformel. Sie errechnen sich über das jährliche Durchschnittseinkommen aller Arbeitnehmer. Für dieses Durchschnittsentgelt gibt es einen Entgeltpunkt. Verdient ein Arbeitnehmer also mehr als diesen Durchschnittswert, bekommt er entsprechend mehr Punkte, verdient er weniger, gibt es entsprechend weniger Punkte. Das Durchschnittsentgelt betrug 2016 im Westen 36 267 Euro. Ein Beispiel: Verdient ein Arbeitnehmer 74 400 Euro, wird das durch 36 257 Euro geteilt und ergibt 2,05 Entgeltpunkte.

 

Ren · ten · lü · cke

Als Faustregel gilt: Rentner benötigen etwa 80 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Um zu ermitteln, wie viel private Vorsorge nötig ist, bietet der Deutsche Fondsverband BVI einen Rechner auf seiner Homepage (www.bvi.de) an.

 

5 Tipps, wie der Sozialstaat helfen kann

  1. Was ist, wenn meine Rente nicht zum Leben reicht? Wer zu wenig Rente zum Leben bekommt, kann die sogenannte Grundsicherung beantragen. Die Höhe der Grundsicherung ist mit den Hartz-4-Leistungen vergleichbar. Anspruchsberechtigte Rentner können eine Erstattung der Wohn- und Heizkosten beantragen. Auch wer wegen einer Krankheit oder Verletzung auf Dauer seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Erwerbstätigkeit bestreiten kann, hat Anspruch auf die Grundsicherung – auch, wenn er das Rentenalter noch nicht erreicht hat. Die Grundsicherung ist keine Rentenart, sondern eine Sozialleistung, die aus Steuermitteln finanziert wird.
  2. Wo kann ich die Grundsicherung beantragen? Über Grundsicherung entscheiden die Sozialämter. Deshalb sollten Sie den Antrag direkt bei Ihrem örtlichen Sozialamt stellen. Im Antrag müssen Angaben zur Einkommens- und Vermögenssituation gemacht werden.
  3. Was passiert, wenn ich Vermögen besitze? Wie bei Hartz 4 wird Vermögen wie Sparbuchguthaben, Bargeld oder Wertpapiere auf die Sozialleistung angerechnet. Auch Geld aus der Riester-Rente wird mit der Grundsicherung verrechnet. Verschont werden kleine Ersparnisse bis 2600 Euro sowie ein angemessenes Hausgrundstück. Auch Familien- oder Erbstücke, deren Verkauf eine besondere Härte bedeuten würde, darf man ohne Anrechnung behalten. Im Gegensatz zur Sozialhilfe müssen bei der Grundsicherung im Alter nur Kinder einspringen, deren Jahreseinkommen 100 000 Euro übersteigt.
  4. Wenn es knapp wird: In welchen Bereichen kann ich sparen? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Denn gewisse Kostenblöcke wie Miete, Gesundheitsausgaben oder Ernährung lassen sich kaum kürzen. Auf jeden Fall sollten Rentner angebotene Vergünstigungen ausnutzen. So können sich Empfänger der Grundsicherung von der GEZ befreien lassen. Auch für Rentner, welche keine Grundsicherung erhalten, gibt es zahlreiche Ermäßigungen. Zum Beispiel bietet die Deutsche Bahn eine vergünstigte Seniorenbahncard für Bahnfahrer ab 60 Jahren an. Auch viele Museen, Bibliotheken, Kinos oder Theater bieten vergünstigte Tarife für Rentner an.
  5. Wie kann ich vorsorgen? Die Frage nach der Vorsorge ist tatsächlich wichtiger als die des Sparens als Rentner. Denn wenn das Kind einmal in den Brunnen gefallen ist, ist es oft zu spät zum Reagieren. Grundsätzlich sollten auch Geringverdiener versuchen, nie ohne eigene Ersparnisse in Rente zu gehen. Je früher man anfängt, kleine Beträge zurückzulegen, desto mehr kann man bis zum Rentenbeginn ansparen. Zudem profitiert man so vom Zinseszinseffekt. Auch mit kleinen Beträgen lässt sich in besonders rentable Aktien investieren. Wenn die Rente dann trotzdem zu knapp ist, sollten sich fitte Rentner überlegen, zumindest einige Stunden pro Woche weiterzuarbeiten. Denn das generiert immerhin ein kleines Einkommen zusätzlich zur Rente. Armutsgefährdet sind auch Arbeitnehmer, die über lange Jahre nur in Teilzeit arbeiten. Wenn es sich einrichten lässt, sollten diese ihre Arbeitszeit aufstocken oder überlegen, einen Zweitjob anzunehmen, um etwas für die Rente zurücklegen zu können. Frauen sollten sich bei der Altersvorsorge nie auf ihren Ehemann allein verlassen, sondern auch eigene Ersparnisse erwirtschaften. (td)

 

Das sagen die politischen Parteien

  • CDU: Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt davor, das Thema Altersarmut zu dramatisieren. Aber auch aus ihrer Partei werden kritische Stimmen zum Thema Altersarmut laut.
  • SPD: „Wir wollen Gerechtigkeit. Wer sein Leben lang gearbeitet hat, soll im Alter würdig leben können“, sagt SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Der beste Schutz vor Altersarmut seien anständige Löhne vor der Rente.
  • Grüne: „Wir schlagen eine Garantierente vor, mit der ein Mindestniveau für langjährig Versicherte innerhalb der Rentenversicherung eingeführt wird“, sagt die Grüne Katrin Göring-Eckardt.
  • FDP: Die FDP setzt vor allem auf eine Förderung der privaten Vorsorge.
  • Die Linke: „In der zunehmenden Armut Älterer spiegelt sich die gesamte Problemlage im Bereich Arbeit und Soziales: Hoher Anteil von Niedriglöhnen am deutschen Arbeitsmarkt, hohe Erwerbslosigkeit von Älteren und immer öfter Armutsrenten“, sagt die Linke.
  • Der Ratgeber zur Serie: Den Ruhestand möchte jeder in finanzieller Sicherheit genießen. Was Sie dafür tun können, lesen Sie in unserem 80-seitigen SÜDKURIER- Ratgeber – hier bekommen Sie einen schnellen Überblick. Bestellen Sie den Ratgeber im Südkurier Inspirationen Online-Shop unter der Telefonnummer 0800/880-8000 (gebührenfrei) oder www.suedkurier.de/mehr-rente, Preis Abonnenten: 12,90 Euro, Nicht-Abonnenten: 14,90 Euro.