Manchmal lässt sich Erfolg auf eine ganz einfache Formel bringen. Bei Werner Demmler besteht sie aus nur einem Wort: Bodenständigkeit. Der 69-Jährige sitzt im Pausenraum seines Handwerksbetriebs in Markelfingen am Bodensee und steckt sich eine Marlboro an. „Bodenständig war ich eigentlich immer“, sagt er und schickt ein kleines blaues Wölkchen Richtung Zimmerdecke. Der gelernte Mechaniker ist ein echter Fan dieser bei einem Gutteil der Deutschen als gähnend langweilig verpönten Charaktereigenschaft. „Schauen Sie sich doch mal kurz um“, sagt er, dreht sich im Stuhl herum und deutet mit einer ausschweifenden Armbewegung auf das Zimmerfenster. Dahinter öffnet sich der Blick auf ein Dutzend Mitarbeiter in Blaumännern, die an surrenden Werkzeugmaschinen Bleche für die Industrie bearbeiten. „Ohne Bodenständigkeit hätte ich das alles nicht aufbauen können“, sagt er. „Und ohne Bodenständigkeit würde es mir jetzt auch nicht so gut gehen.“
 

Werner Demmler, Gründer und Senior-Chef des gleichnamigen Handwerksbetriebs in Markelfingen, kontrolliert in seiner Firma ein Metallteil. Er hat frühzeitig für seine Rente vorgesorgt und sagt heute: „Mir geht es im Alter gut.“
Werner Demmler, Gründer und Senior-Chef des gleichnamigen Handwerksbetriebs in Markelfingen, kontrolliert in seiner Firma ein Metallteil. Er hat frühzeitig für seine Rente vorgesorgt und sagt heute: „Mir geht es im Alter gut.“ | Bild: Sabine Tesche

Werner Demmler hat in seinem Leben vieles richtig gemacht. Insbesondere hat er früh für seine Rente vorgesorgt, um nicht irgendwann einmal „mit heruntergelassenen Hosen“, dazustehen, wie er sagt. Als er sich mit Mitte 30 entschied, bei seinem damaligen Arbeitgeber zu kündigen und seinen eigenen Betrieb hochzuziehen, versicherte er sich privat, hielt der gesetzlichen Rentenversicherung aber gleichzeitig die Treue – obwohl er eigentlich das Recht gehabt hätte auszutreten. Jeden Monat stotterte der junge Unternehmensgründer doppelt Beiträge ab, obwohl er damals „eigentlich jeden Pfennig“ für den Aufbau seines Betriebs – der Demmler Apparatebau GmbH – hätte brauchen können. Damit das Geld reichte, arbeitete er einfach noch härter als früher.

Bei einer zweiten Marlboro erinnert er sich an damals. „Unter 12 bis 14 Stunden am Tag bin ich nicht aus dem Geschäft rausgekommen“, sagt er, und ein bisschen merkt man ihm die Wehmut an, die diese Lebensphase heute noch in ihm auslöst. Während seine Freunde und Kollegen nämlich damals in der Sommerhitze mit ihren Frauen oder Freundinnen im Bodensee planschten, stand Demmler in seiner Werkstatt und schwitzte mit öligen Händen vor sich hin. Nur um seine Kunden schneller als die Konkurrenz beliefern zu können. „Da habe ich schon oft die Zähne zusammenbeißen müssen“, sagt er. Anders als einige der Kollegen von damals kann sich Demmler heute dafür auch einigermaßen entspannt zurücklehnen. Er ist gut abgesichert.

Bei selbstständigen Handwerkern ist sorgloses Altern, wie bei vielen anderen Freischaffenden auch, nicht selbstverständlich. Das Versicherungsnetz für die Branche ist nämlich derart löcherig, dass nicht wenige hindurchfallen – und als Rentner hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen. Zwar existiert in Deutschland seit dem Jahr 1938 eine sogenannte Handwerkerrentenversicherungspflicht. Diese verdient ihren Namen aber eigentlich gar nicht. Versichern muss sich nämlich nur, wer in einem zulassungspflichtigen Handwerk selbstständig ist, also beispielsweise als Zimmerer-, Schornsteinfeger-, Bäcker- oder eben als Mechaniker-Meister wie Werner Demmler. Und nach 18 Jahren als Versicherungsnehmer ist ein Austritt möglich. Wer das tut, hat allerdings zu viel Rente zum Sterben, aber auch zu wenig zum Leben.

Ein weiteres Loch im Absicherungssystem klafft bei Selbstständigen, die in einem zulassungsfreien Handwerksberuf ohne Meisterpflicht arbeiten. Sie unterliegen gar keinem Versicherungszwang. Theoretisch könnten Bogenmacher, Vergolder oder Siebdrucker Zeit ihres Lebens auf eine Rentenversicherung pfeifen – und im schlimmsten Fall im Alter merken, dass sie pleite sind.

Die Organisation der Handwerker-Rentenversicherung ist innerhalb der Branche daher auch hoch umstritten. Während der Spitzenverband ZDH die Zwangsbeiträge grundsätzlich in Frage stellt und voll auf Freiwilligkeit setzt, sieht man es andernorts differenzierter. Die aktuellen Regeln ergäben zumindest „nicht tierisch viel Sinn“, sagt etwa Sonja Zeiger-Heizmann, die sich bei der Handwerkskammer Konstanz um Versicherungsthemen kümmert. „Warum gibt es für gut ausgebildete und oft einkommensstarke Handwerkermeister eine Versicherungspflicht, für die oft schlechter qualifizierten und daher oft einkommensschwächeren Selbstständigen in Nicht-Meisterberufen aber nicht?“, fragt sie. Eher das Gegenteil wäre angebracht.

Von der Hand zu weisen ist dieses Argument nicht. Der Grund: Seit Jahren steigt innerhalb der Handwerkerschaft die Zahl der Betriebe im zulassungsfreien Bereich überproportional an. Damit steigt auch die Zahl der potenziell nicht-rentenversicherten Handwerker.

Eine besondere Problemgruppe stellen nach Ansicht von Fachleuten Ein-Mann-Betriebe – sogenannte Solo-Selbstständige – dar. Sie sind rein zahlenmäßig der Boom-Faktor im Handwerker-Universum, stehen aber meist auf wackeligen Füßen. Während die Zahl der Mehr-Personen-Betriebe wie Werner Demmler einen gegründet hat, sinkt, ist die Zahl der Kleinstunternehmen seit Anfang des Jahrtausends regelrecht explodiert.
 

Mittlerweile 42 Prozent aller deutschen Handwerksbetriebe sind Ein-Mann-Firmen. Ihr Anteil an den Umsätzen im 93 Milliarden Euro starken Handwerk im Südwesten ist mit gerade einmal 3,6 Prozent allerdings verschwindend gering. Nicht selten kommen diese Mini-Firmen – klassisch sind Fließenleger oder Gebäudereiniger – gerade mal so über die Runden. Sich in so einer Situation freiwillig rentenzuversichern, käme vielen Solo-Selbstständigen da nicht in den Sinn, umschreibt Zeiger-Heizmann das Problem. „Altersarmut ist hier eine echte Gefahr“, sagt sie.

Werner Demmler sieht das ähnlich. Bei vielen jungen Selbstständigen im Handwerk laute die Bilanz am Ende des Monats „Einnahmen gleich Ausgaben“. Dass das nicht funktioniere, müsse doch jedem klar sein, sagt er und greift erneut zur Marlboro-Schachtel. Und an eine teure Rentenversicherung sei in so einer Situation auch nicht zu denken. „Wie auch, ohne Rücklagen?“

Immerhin ist Südbaden kein Brennpunkt der Altersarmut. Wie kaum eine zweite Ecke Deutschlands profitiert die Region von der Kaufkraft der naheliegenden Schweiz. Die hohe Nachfrage nach Handwerks-Dienstleistungen reicht aus, damit alle etwas davon abbekommen. Und auch bei den jungen Menschen und Berufseinsteigern erkennt Expertin Zeiger-Heizmann eine „zunehmende Sensibilität für das Rententhema“. Für diese hat Werner Demmler auch bei seinem Sohn gesorgt, als der vor vier Jahren seinen Betrieb übernommen hat. „Bleib bodenständig und versichere dich“, hat er ihm gesagt.

Be · steu · er · ung

Es gibt 21 Millionen Bezieher einer gesetzlichen Rente. 2005 betrug der steuerpflichtige Rentenanteil 50 Prozent. Ist also jemand vor 2006 in die Rente gegangen, werden nur 50 Prozent seiner Renten in die Besteuerung einbezogen. Dieser Prozentsatz steigt mit jedem weiteren Rentnerjahrgang: für Neurentner im Jahr 2017 auf 74 Prozent. Somit bleiben also 26 Prozent der ersten vollen Bruttojahresrente steuerfrei.

Wit · wen · ren · te

Durch die Witwen- oder Witwerrente werden Ehepartner oder eingetragene Lebenspartner eines Versicherten nach seinem Tod unterstützt. Diese Rente soll den Unterhaltsverlust zumindest zum Teil ausgleichen, und als finanzielle Hilfe den Hinterbliebenen dienen. Witwen/Witwer haben entweder Anspruch auf eine sogenannte kleine oder große Witwen- beziehungsweise Witwerrente. Die große Rente beläuft sich auf 55 Prozent der Bezüge des Verstorbenen, die kleine auf 25 Prozent.

Die große Witwenrente bekommen nur Hinterbliebene, die älter als 45 Jahre und 4 Monate sind oder ein minderjähriges Kind erziehen. Wer wieder heiratet, muss dies der Versicherung melden.

So viel Geld bleibt im Alter

Einkommenssituation: Selbstständigen ab 65 Jahren verdienen sehr unterschiedlich, was mit der breiten Spanne an Berufen zusammenhängt, die Selbstständige ausüben – vom Gebäudereiniger bis zum Staranwalt. Landwirte müssen nach Daten der Studie Alterssicherung in Deutschland (ASID) mit 926 Euro (Frauen: 738 Euro) pro Monat mit am wenigsten Geld auskommen. Handwerker sind mit 1250 Euro (Frauen 1201 Euro) nicht viel besser dran. Top-Verdiener sind Rechtsanwälte, Steuerberater und Architekten, die durchschnittlich 3265 (Frauen: 2684 Euro) einstreichen. Dabei gliedern sich die Einkommen in Leistungen aus Rentenversicherungen sowie Erwerbseinkommen.

Handerker: Rund ein Drittel der Handwerker über 65 Jahre verdient sich durch Erwerbsarbeit etwas hinzu – ein auch unter Freiberuflern sehr hoher Wert, der auch darin begründet liegen mag, dass einige selbstständige Handwerker in jungen Jahren zu wenig für die Rente vorgesorgt haben und deswegen auch noch im hohen Alter zupacken müssen.

Zuverdienst: Rund ein Drittel der deutschen Handwerker bezieht Geld aus Vermietungen oder Verpachtungen. Ein weiteres knappes Drittel hat monatliche Zinseinkünfte im niederen dreistelligen Euro-Bereich pro Monat. Gerade der Kauf von Immobilien, um sich im Alter abzusichern, gilt seit jahren als typisches Handwerker-Phänomen. (wro)

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  1. .Müssen sich Handwerker überhaupt rentenversichern? Für angestellte Handwerker ist diese Frage klar: Für sie gelten dieselben Regeln wie für Angestellte in anderen Branchen auch, die ganz natürlich Teil der Solidargemeinschaft der Rentenversicherungspflichtigen sind. Und auch als selbstständiger Handwerker gehört man zum Kreis der Pflichtversicherten in der gesetzlichen Rentenversicherung. Allerdings gibt es hier Ausnahmen, die zusammengenommen recht umfassend sind. Verrichtet man einen zulassungspflichtigen Handwerksberuf, also etwa als Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Straßenbauer oder Karosserie- und Fahrzeugbauer, gilt die Versicherungspflicht.
  2. .Gibt es Ausstiegsmöglichkeiten? Die gibt es schon. Nach 18 Beitragsjahren besteht beispielsweise die Möglichkeit, sich von der Pflichtversicherung befreien zu lassen. Sonja Zeiger-Heizmann von der Handwerkskammer Konstanz gibt allerdings zu bedenken: „Je länger man in die Versicherung einbezahlt hat, desto sinnvoller ist es, dies beizubehalten.“ Zur Not mit einem reduzierten Satz.
  3. .Gibt es weitere Ausnahmen? Übt man als Selbstständiger ein zulassungsfreies Handwerk oder ein handwerksähnliches Gewerbe aus, etwa als Gebäudereiniger, besteht keine Versicherungspflicht. Führt man als geschäftsführender Gesellschafter eine Kapitalgesellschaft (GmbH, AG, KGaA) im Handwerksbereich, ist man ebenfalls vom Versicherungszwang befreit und sollte sich auf die private Vorsorge fokussieren.
  4. .Wie sollte man privat vorsorgen? Handwerkertypisch sei es, in Immobilien zu investieren, sagt Expertin Zeiger-Heizmann. Der Grund: Handwerker können im Baubereich viel in Eigenleistung erledigen, was die Kosten für eine Anschaffung am Ende senkt. Die Fakten bestätigen diese Wahrnehmung. Laut der General-Studie Alterssicherung in Deutschland (ASID) beziehen 31 Prozent der Handwerker Einnahmen aus Vermietung oder Verpachtung – durchschnittlich sind das immerhin 925 Euro im Monat. Nur sogenannte Verkammerte Freiberufler, also Steuerberater oder Anwälte, schneiden hier noch besser ab.
  5. .Gibt es die Rürup-Rente noch? Wer als Selbstständiger nicht von der Riester-Förderung profitieren kann, hat die Möglichkeit, sich über die sogenannte Rürup-Rente zu versichern. Mit dieser staatlich geförderten privaten Vorsorge will der Staat vor allem Selbst­ständigen beim Sparen fürs Alter helfen. Es winken staatliche Zuschüsse und – in bestimmten Konstellationen – auch satte Steuerersparnisse. Allerdings bewerten Verbraucherschutzorganisationen viele Policen als zu teuer. Interessenten sollten sich daher ein genaues Bild vom Markt verschaffen, bevor sie sich für die Rürup-Rente entscheiden.
  6. .Welche Arbeitnehmer sollten verstärkt auf Versicherungsschutz achten? Insbesondere Ein-Mann-Unternehmer, sogenannte Solo-Selbstständige, gelten als armutsgefährdet. Oft haben sie in der Gründungsphase ihrer Firmen nicht das Geld, privat für die Rente vorzusorgen. Später wird das Thema oft vergessen. Als Folge sind rund 50 Prozent der Solo-Selbstständigen in Deutschland über alle Branchen hinweg nicht ausreichend rentenversichert. (wro)
  • Einkommenssituation: Selbstständige ab 65 Jahren verdienen sehr unterschiedlich, was mit der breiten Spanne an Berufen zusammenhängt – vom Gebäudereiniger bis zum Staranwalt. Landwirte müssen nach Daten der Studie Alterssicherung in Deutschland (ASID) mit 926 Euro (Frauen: 738 Euro) pro Monat mit am wenigsten Geld auskommen. Handwerker sind mit 1250 Euro (Frauen 1201 Euro) nicht viel besser dran. Top-Verdiener sind Rechtsanwälte, Steuerberater und Architekten, die durchschnittlich 3265 (Frauen: 2684 Euro) einstreichen.
  • Handwerker: Rund ein Drittel der Handwerker über 65 Jahre verdient sich durch Erwerbsarbeit etwas hinzu – ein auch unter Freiberuflern sehr hoher Wert, der auch darin begründet liegen mag, dass einige selbstständige Handwerker in jungen Jahren zu wenig für die Rente vorgesorgt haben und deswegen auch noch im hohen Alter zupacken müssen. (wro)
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.Die Serie im Internet auf einen Blick. Außerdem die Video-Umfrage: Das sagt die junge Generation zum Thema Rente: www.suedkurier.de/rente