Wir posten Bilder, liken Beiträge, nutzen Online-Banking und an unser E-Mail-Passwort erinnern wir uns wesentlich leichter als an den Platz des Briefkastenschlüssels: Unsere Lebenswelt verändert sich, die digitale Realität nimmt immer weiter zu. Noch nicht dauerhaft, noch nicht für jeden, aber die Tendenz ist deutlich: Laut der JIM-Studie 2014, die das Mediennutzungsverhalten der Zwölf- bis 19-Jährigen abbildet, haben schon 88 Prozent der Jugendlichen in Deutschland ein Smartphone. Ständig online – das wirft ganz neue Fragen auf. Eine lautet: „Was passiert eigentlich mit unserer ganzen digitalen Existenz nach unserem Tod?“


Während viele hier noch ratlos mit den Schultern zucken, reagiert José Morla aus Murg am Hochrhein ganz entspannt: „Meine Familie und ich wissen genau, welche Online-Zugänge wir haben und meine Frau und ich kennen auch sämtliche Passwörter.“ Was beeindruckend klingt, verdankt die sechsköpfige Familie Morla einer vorbildlichen Organisation. „Wir haben jetzt ungefähr ein Jahr einen Passwortmanager in Betrieb. Nach und nach wurden hier die wichtigsten Passwörter und Log-Ins ergänzt.“ Einen besonderen Anlass gab es nicht und das Thema Nachlass stand bei dieser Entscheidung auch nicht im Vordergrund. Ein Passwort ist schnell vergessen, ebenso wie die Registrierung bei einem Online-Shop.
Der 37-Jährige erklärt: „Meine Frau und ich hatten einfach das Gefühl, dass irgendwo alles zentral zusammengestellt sein sollte, so dass jeder von uns beiden auch wirklich auf alles Zugriff hat.“ Aber sonst niemand: „Das Masterpasswort für diese Datenbank kennen nur meine Frau und ich, und ich denke hinsichtlich der Nachlassregelung ist es sinnvoll, dieses bei einem Anwalt oder Notar zu hinterlegen.“ Im Testament könnte Morla dann auch festlegen, ob alle oder nur einzelne Familienmitglieder Zugang zu den Daten bekommen und ob einige Konten direkt gelöscht werden sollen.

Die Passwörter zu kennen, um Daten abzurufen und Accounts löschen zu können, kann im Ernstfall für die Hinterbliebenen ein entscheidender Vorteil sein. Ohne die Passwörter wird es zum Teil sehr kompliziert bis unmöglich, an die Daten des Verstorbenen zu kommen. Manchmal braucht es einen Erbschein, manchmal bringt selbst dieser nichts.

Doch welche Daten kursieren überhaupt im Netz? José Morla ist Datenschutzbeauftragter beim Deutschen Roten Kreuz und kennt sich hier bestens aus: „Alle Online-Dienste müssen auf Nachfrage angeben welche Daten sie von mir für welchen Zweck wann gespeichert haben und natürlich für wie lange.“ Es gibt gesetzliche Löschfristen, denn was viele Online-Anbieter machen, sei leut Morla nichts anderes als eine Vorratsdatenspeicherung. „Und hier habe ich natürlich ein Mitspracherecht, auch wenn das manchmal auf den ersten Blick nicht der Fall zu sein scheint.“ Die Sache mit dem Datenschutzrecht hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: „Es gilt nur für lebende Personen und kann nicht übertragen werden.“ Das heißt, wenn Erben nur wenig über die digitalen Fußspuren des Verstorbenen wissen, kann das spätere Regeln sehr schwierig werden.

Bestes Beispiel ist das soziale Netzwerk Facebook. Der Anbieter lässt es gar nicht zu, den eigenen Zugang zu löschen. Der Status kann nur auf „inaktiv“ gesetzt werden. Im Todesfall wird das für die Erben kompliziert: Bisher wurde das Profil in eine Gedenkseite umgewandelt, wenn Sterbeurkunde und Erbschein vorlagen. Demnächst soll es möglich sein, das Profil des Verstorbenen entweder zu deaktivieren oder weiter zu pflegen – sofern der Facebook8nutzer einen entsprechenden Kontakt benannt hat. Derzeit gilt diese Regelung nur in den USA. Die Voraussetzungen zur nachträglichen Organisation der digitalen Spuren unterscheiden sich übrigens von Anbieter zu Anbieter. Und das können schnell viele sein.

Für Familie Morla kam bei ihrer Online-Inventur einiges zusammen: Um den Überblick behalten zu können, musste José Morla eine entsprechende Struktur schaffen: „Die Passwörter sind gegliedert in verschiedene Rubriken.“ Und das gut durchdacht: Unter „Internet“ finden sich alle Online-Shop-Zugänge, unter „E-Mail“ die Passwörter für alle bestehenden Postfächer. Daneben richtete Morla die Rubriken „Zahlungsverkehr“ für Online-Banking, Paypal oder kostenpflichtige Softwareupdates und die Kategorien „Mobilfunk“ mit allen Zugangsdaten rund um Handys und mobile Endgeräte, sowie „Kinder-Accounts“ ein. Hier merkt man, dass Morla sich intensiv mit der digitalen Welt auseinandersetzt.
 
Doch während sich ganz langsam erst wenige Internetnutzer mit dem digitalen Nachlass beschäftigen, sind einige Firmen bereits einen Schritt weiter. Sie bieten an, den digitalen Nachlass zu regeln. Kostenpflichtig und auf Wunsch bereits zu Lebzeiten. Was Experten kritisch sehen, gibt auch Morla zu denken. Er sagt: „Ich stelle es mir schwierig vor, solche sensiblen Daten auf einem Webserver abzuspeichern. Diese sind deutlich reizvoller zu hacken.“ Doch auch private PCs werden gehackt und hier liegt doch der Passwortschatz der gesamten Familie? Morla bringt die Frage nach dem Schutz dieser hochsensiblen Daten vor Angriffen nicht aus der Ruhe.

Die Sicherung reicht von der Firewall des Routers über eine möglichst gute und aktuelle Virensoftware bis hin zum richtigen Verhalten im Netz. Wer sich mit Datensicherung nicht so gut auskennt, kann das Problem durch Datenspeicherung auf externen Datenträgern, wie beispielsweise einem USB-Stick, umgehen. Bis Morlas jüngster Sohn – er ist zwei Jahre alt – online surfen kann, wird es noch etwas dauern. Aber: „Das Thema digitale Welt, und alles was dazugehört, wird immer wichtiger werden.“

So fortschrittlich wird an offizieller Stelle noch nicht überall gedacht. Der Landesbeauftragte für den Datenschutz Baden-Württemberg, Jörg Klingbeil, sagte auf Anfrage, dass das Thema „digitaler Nachlass“ wohl nur für kleinere Gesellschaftsgruppen interessant, im Großen und Ganzen aber eher unwichtig sei. Immerhin in Berlin wurde das Thema jüngst von der Verbraucherzentrale-Bundesverband aufgegriffen. Seit Oktober vergangenen Jahres soll die Kampagne „#machtsgut“ sensibilisieren und zum Nachdenken anregen: Was wird aus unserer Existenz in der digitalen Welt, wenn es uns nicht mehr gibt? Eine bunte Kampagne mit unterhaltsamen Grafik-Effekten. Während davon vor allem normale Internetnutzer angesprochen werden sollen, machen sich die echten Netzprofis schon seit einiger Zeit Gedanken. Deutschlandweit kursierte kürzlich ein so genanntes „Blogstöckchen“ zum Thema digitaler Nachlass. Eine Art Kettenbrief im Internet: Eine Sammlung von Fragen wird an Blogger verschickt, die auf ihren Seiten diese Fragen beantworten und weitere Personen nominieren. Aber so ein Blogstöckchen bekommt nicht jeder zugeworfen.
 
Was das Thema Nachlass angeht, so sieht Morla wenig Nachholbedarf: „Es ist ein Thema mit dem wir von Anfang an sehr offen umgegangen sind. Wir haben darauf geachtet, dass alles so angelegt ist, dass der Ehepartner auf alles Zugriff hat und überall drankommt – und das nicht nur digital, sondern auch im realen Leben.“
 

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