Rückenschmerzen sind in Deutschland ein Volksleiden: Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung geht jeder fünfte gesetzlich Versicherte mindestens einmal pro Jahr deshalb zum Arzt, manche davon auch mehrmals. Bernd Kladny, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, erklärt, was Patienten für ihre Rückengesundheit tun können.

  • Oft verschwinden Rückenschmerzen nach einer Weile von allein. Woran erkennt man als Patient, dass man um einen Arztbesuch nicht herumkommt? Es gibt bestimmte Warnhinweise, die auf eine ernste Verletzung oder Krankheit hindeuten: etwa Fieber, Appetitlosigkeit, Gefühlsstörungen in den Beinen oder starke Schmerzen in der Nacht. Auch wenn Schmerzen nach einem Unfall auftreten oder wochenlang anhalten, sollte man zum Arzt gehen. „Gibt es solche Warnhinweise nicht, kann man durchaus erst mal zuwarten“, sagt der Orthopäde Bernd Kladny. „Nichtspezifische Kreuzschmerzen“, bei denen sich kein eindeutiger Auslöser erkennen lässt, sind in der Regel harmlos und verschwinden oft von selbst.“
  • Wann ist ein Röntgenbild, CT oder MRT angezeigt? Nur wenn der Arzt einen Hinweis auf einen gefährlichen Verlauf findet, ist eine bildgebende Untersuchung nötig. „Auch dann, wenn ein Patient mehrere Wochen an akuten nicht-spezifischen Schmerzen leidet, sollte man an Bildgebung denken“, sagt Kladny. Methode der Wahl sei in der Regel eine Magnetresonanztomografie (MRT). Einziger Nachteil: Die Untersuchung wird im Liegen durchgeführt. Das hat zur Folge, dass man die Statik der Wirbelsäule nicht gut erkennt. In diesem Punkt ist das Röntgenbild überlegen. „Darauf werden allerdings die Weichteile, also etwa die Bandscheiben, nicht dargestellt“, sagt Kladny. „Außerdem ist der Patient Strahlung ausgesetzt.“
  • Was tun bei einem Hexenschuss? Das hängt von Art und Stärke der Beschwerden ab. „Unter Hexenschuss versteht man einen plötzlich einschießenden Schmerz im Rückenbereich. Und der kann ganz verschiedene Ursachen haben“, erklärt Kladny. Zum Beispiel kann ein Gelenk zwischen zwei Wirbeln blockiert sein. Es kann sich aber auch um einen Bandscheibenvorfall handeln. Wenn die Schmerzen stark in die Beine ausstrahlen und man etwa Muskelfunktions- oder Gefühlsstörungen bemerkt, ist ein Arztbesuch nötig. „Auch dann, wenn die Schmerzen so stark sind, dass man im Alltag sehr eingeschränkt ist, sollte man zum Arzt gehen“, sagt der Orthopäde. In manchen Fällen kann er mithilfe Manueller Medizin, also dem „Knacksen“, rasch helfen. Oder er verschreibt schmerzlindernde Medikamente. Die meisten Hexenschüsse sind allerdings harmlos und verschwinden nach ein paar Tagen von allein. Wärme, sanfte Bewegung und Schmerzmittel (Ibuprofen, Diclofenac) können helfen, schneller wieder fit zu werden.
  • Wie sinnvoll sind Spritzen bei akuten Rückenschmerzen? „Das kommt darauf an, welches Mittel Ihnen wohin gespritzt wird“, sagt Kladny. „Kortison und entzündungshemmende Medikamente in den Gesäßmuskel zu injizieren, gilt jedenfalls als überholt.“ Gängige Schmerzmittel wie Diclofenac wirken genauso gut, wenn man sie einnimmt. „Wird die Injektion aber direkt an krankhaft veränderte Strukturen der Wirbelsäule gegeben, weil klar ist, dass die Schmerzen da herkommen, kann das sinnvoll sein.“ Grundsätzlich hält Kladny aber entzündungshemmende Medikamente zum Einnehmen, etwa Ibuprofen, für Mittel der ersten Wahl. Manche davon sind rezeptfrei. Wer ansonsten gesund ist, kann sie kurzzeitig auch auf eigene Faust einnehmen. Von Paracetamol raten Fachleute inzwischen jedoch ab: Neuen Studien zufolge hilft das Mittel nicht bei Kreuzschmerzen und kann außerdem die Leber schädigen.
  • Wie beugt man einem Hexenschuss vor? Eine schwache Rumpfmuskulatur steigert das Risiko für Rückenschmerzen erheblich. „Man muss sich den Rücken vorstellen wie ein Segelschiff“, sagt Kladny. „Die Wirbelsäule wird wie ein Mast von vielen Bändern und Muskeln gehalten.“ Um sie vor Belastungen zu schützen, ist eine gute Muskulatur wichtig. Sie lässt sich durch körperliche Aktivität aller Art stärken. Büromenschen sollten obendrein darauf achten, ihre Sitzposition immer wieder zu ändern und regelmäßig aufzustehen. Ansonsten gilt: Übergewicht reduzieren und keine schweren Gewichte schleppen! Wenn es sich nicht vermeiden lässt, sollte man Lasten immer aus der Hocke heben und dabei den Rücken gerade halten.

 

  • Welchen Einfluss hat die Psyche bei Rückenschmerzen? Stress, Probleme in der Partnerschaft oder Mobbing am Arbeitsplatz können Rückenschmerzen verstärken. Manchmal tragen sie auch dazu bei, dass die Schmerzen chronisch werden. Umgekehrt haben dauerhafte Schmerzen auch psychische Folgen: „Man neigt dann zu Ängstlichkeit und Depressivität.“ Bei chronischen Rückenschmerzen spielt die Psyche fast immer eine Rolle. Daher wird bei der Therapie chronischer Schmerzen in der Regel geklärt, ob eine psychologische Behandlung sinnvoll ist.
  • Was ist bei Rückenschmerzen besser: Schonung oder Bewegung? „Bei nicht-spezifischen Kreuzschmerzen gilt: immer in Bewegung bleiben!“, betont Kladny. Studien belegen, dass körperliche Aktivität plötzliche Rückenschmerzen meist lindert. Außerdem droht bei längerer Schonung ein Abbau der Rückenmuskulatur, die für die Stabilität der Wirbelsäule wichtig ist. Anders ist das bei spezifischen Kreuzschmerzen, also etwa, wenn eine Bandscheibe auf einen Nerv drückt. „Dann kann Ruhe notwendig sein“, sagt der Orthopäde. Ob und wie lange man sich schonen soll, muss der Arzt feststellen.
  • Wie viel bringt Physiotherapie? Wenn man weiß, was das Problem ist, kann Physiotherapie gut helfen. „Wenn man zum Beispiel verkürzte Muskeln hat, lässt sich gezielt daran arbeiten“, sagt Kladny. In solchen Fällen kann der Therapeut dem Patienten auch Übungen für daheim zeigen, die ihm langfristig helfen, mit seinen Rückenproblemen besser zurechtzukommen. „Manchmal gibt es auch Blockierungen, die man lösen kann. Dadurch ist den Menschen dann schnell geholfen.“
  • Kann Osteopathie helfen? Viele Menschen mit Rückenproblemen setzen auf dieses manuelle Verfahren, das den ganzen Körper miteinbezieht. Kladny äußert sich jedoch vorsichtig: „Das Problem ist, dass der Begriff Osteopathie nicht geschützt ist. Es gibt verschiedene Schulen, die zum Teil verschiedene Ausbildungskonzepte haben“, erklärt der Orthopäde. „Manche Ansätze sind durchaus sinnvoll, andere sind aber ärztlich nicht ganz nachvollziehbar.“ Für Patienten lässt sich schwer erkennen, was hinter den Angeboten steckt. Daher sollte man sich vorher bei seiner Krankenkasse erkundigen, ob eine Behandlung beim Osteopathen überhaupt bezahlt wird. Bei Privatversicherten ist diese Behandlung oft nicht im Tarif inbegriffen und muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden.
  • Wie wichtig ist die Matratze? Für einen gesunden Rücken ist es wichtig, dass die Wirbelsäule nachts entlastet wird. „Die Bandscheiben haben eine Stoßdämpferfunktion“, sagt Kladny. „Tagsüber werden sie zusammengedrückt. Nachts quellen sie wie ein Schwamm wieder auf.“ Es ist entscheidend, dass sie sich gut ausdehnen können, um Flüssigkeit und Nährstoffe aufzunehmen. Die Wirbelsäule sollte dazu annähernd so gebettet sein, wie es ihrer natürlichen Form entspricht. Für die Matratze gilt: Sie soll gut stützen, in der Schulter- und Beckenregion aber nachgeben. „Sonst kann es sein, dass die Wirbelsäule durchhängt“, erklärt er. Welcher Matratzentyp und welcher Härtegrad geeignet sind, ist unterschiedlich. „Man sollte sich beim Kauf gut beraten lassen und im Geschäft Probe liegen“, rät Kladny. „Der Mensch merkt, ob er gut liegt oder nicht.“

Sport nach Bandscheibenvorfall? Ja bitte!

Aquagymnastik kann nützlich sein, aber Gymnastik auf dem Trockenen hilft genauso.
Aquagymnastik kann nützlich sein, aber Gymnastik auf dem Trockenen hilft genauso. | Bild: Robert Kneschke/stock.adobe.com
  • Arztgespräch: Nach einem Bandscheibenvorfall sind körperliche Aktivitäten nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. „Bewegung ist das Mittel der ersten Wahl“, sagt Stefan Peters vom Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie. Bevor ein Patient aktiv wird, sollte er mit seinem Arzt sprechen. Vor allem nach einer Operation muss man sich beraten lassen. Ist alles verheilt, darf der Patient loslegen. „Es gibt keinen Sport, von dem wir grundsätzlich abraten“, sagt Peters. „Es kommt zum Beispiel darauf an, wie man ihn betreibt. Man sollte moderat einsteigen.“
  • Sportarten: Einige sind bei Rückenproblemen besonders empfehlenswert – nämlich solche, bei denen die Bewegungsabläufe harmonisch sind und die Rumpfmuskulatur gekräftigt wird. Dazu gehören Inline-Skaten, Schlittschuhlaufen, Nordic Walking und Skilanglauf. Für Menschen mit Gelenkproblemen ist Wassersport, etwa Schwimmen, Wassergymnastik oder Aquajogging, ideal. Beim Brustschwimmen lohnt es sich, auf die Technik zu achten: Wer den Kopf stets über Wasser hält, bekommt leichter Nackenverspannungen. Unproblematischer ist Rückenschwimmen. Ansonsten sind Reha-Sport oder Wirbelsäulengymnastik eine gute Wahl.
  • Davon ist abzuraten: Mit Risiken verbunden sind Volley-, Hand- und Fußball, aber auch Tennis, Squash und Badminton. Abrupte Stopp- und Drehbewegungen belasten die Wirbelsäule. Besonders kritisch ist aus orthopädischer Sicht der Aufschlag beim Tennis, bei dem die Wirbelsäule überstreckt und gedreht wird. Dennoch will Peters auch von diesen Sportarten nicht abraten: „Wer zum Beispiel sein Leben lang Tennis gespielt hat, darf das weiterhin tun. Aber er sollte es erst mal ruhig angehen lassen!“ (as)
Mit dem Tennisspielen sollte man bei Rückenbeschwerden vorsichtig sein.
Mit dem Tennisspielen sollte man bei Rückenbeschwerden vorsichtig sein. | Bild: Mojzes Igor/stock.adobe.com