Herr Katus, beim Herzinfarkt denkt man immer noch in erster Linie an den Mann. Doch in letzter Zeit hört man auch öfter vom weiblichen Infarkt. Sind Frauen denn wirklich in gleichem Maße durch den Infarkt gefährdet?

In jüngeren Jahren haben zwar Männer das größere Risiko, weil Frauen in dieser Lebensphase – vor allem aufgrund ihrer Östrogene – noch über einen effektiven Gefäßschutz verfügen. Doch mit den Wechseljahren endet dieser Schutz, und dann ist ihr Infarktrisiko ähnlich hoch wie beim Mann.

Hugo Katus stammt aus Rheinland-Pfalz, studierte Medizin an der Universität Heidelberg, danach forschte er in den USA an neuen Enzym-Markern zur Diagnose des Herzinfarkts. Über das Uni-Klinikum Lübeck ging es 2002 zurück zum Universitätsklinikum Heidelberg, als Ärztlicher Direktor der dortigen Kardiologie. Von 2016 bis 2019 war Katus Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Zurzeit ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung.
Hugo Katus stammt aus Rheinland-Pfalz, studierte Medizin an der Universität Heidelberg, danach forschte er in den USA an neuen Enzym-Markern zur Diagnose des Herzinfarkts. Über das Uni-Klinikum Lübeck ging es 2002 zurück zum Universitätsklinikum Heidelberg, als Ärztlicher Direktor der dortigen Kardiologie. Von 2016 bis 2019 war Katus Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Zurzeit ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung. | Bild: Katus

Der Unterschied besteht also weniger in der Häufigkeit als vielmehr darin, dass Frauen ihren Infarkt zu einem späteren Zeitpunkt bekommen?

Genau. Die meisten Frauen bekommen ihn etwa zehn Jahre nach ihrer Menopause und damit sieben Jahre später als der Mann.

Wie sieht es mit den Risikofaktoren aus? Allgemein zählt man dazu ja solche Dinge wie Übergewicht, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und Rauchen. Trifft das auf Männer und Frauen gleichermaßen zu?

In der Regel schon. Früher war zwar Rauchen in erster Linie ein Männerproblem. Doch diese Zeiten sind vorbei, da haben die Frauen leider aufgeholt. Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings: Die Anti-Baby-Pille. Sie erhöht die Blutgerinnung und damit das Infarktrisiko. Und wenn die Frau dann auch noch raucht, nimmt dieses Risiko noch einmal zu.

Insgesamt ist also der Infarkt genauso ein Männer- wie ein Frauenphänomen. Aber der Mann hat den Infarkt ja auch – zumindest ab einem gewissen Alter – als Gefahr auf dem Schirm. Die Frauen auch?

Nein, oft eben nicht und das ist ein Problem. Die meisten denken nicht daran, dass sie am Herzinfarkt sterben könnten. Die Folge ist, dass sie etwa bei Beschwerden im Brustkorb eher an Brust, Wirbelsäule oder Lunge denken als an ihr Herz. Und bei solchen Krankheiten wird ja bekanntlich nicht unbedingt der Notruf gewählt, so dass möglicherweise wichtige Minuten oder sogar Stunden vergehen, bis die Infarktpatientin endlich in der Notaufnahme ist.

Was ist zu tun, wenn plötzliche Schmerzen im Brust- und Bauchbereich eintreten? Ernst nehmen muss man das auf jeden Fall.

Man hört ja auch immer wieder, dass Frauen beim Infarkt andere Symptome als Männer haben. Stimmt das überhaupt?

Ja, das stimmt. So tritt bei ihnen die Brustenge und auch der starke Vernichtungsschmerz im Brustkorb seltener oder in geringerer Ausprägung auf. Stattdessen stehen bei ihnen unspezifische Symptome wie Schwitzen, Bauchschmerzen und Übelkeit im Vordergrund.

Warum ist das so?

Weil Frauen bei ihren Infarkten eben meistens älter sind und deshalb öfter unter Polyneuropathie, also unter einer Erkrankung im peripheren Nervensystem leiden. Dadurch gelangen weniger Schmerzsignale zum Gehirn. Außerdem haben Frauen generell eine andere Schmerzwahrnehmung. So finden wir bei ihnen, wenn sie mit den typischen Beschwerden einer Angina pectoris zu uns kommen, deutlich seltener eine Durchblutungsstörung im Herzen als bei Männern. Warum das allerdings so ist, wissen wir nicht.

Kommen wir zur Therapie. Gibt es Unterschiede in der Behandlung von männlichen und weiblichen Infarkten?

Die sollte es eigentlich nicht geben. Denn wenn – wie es beim klassischen Infarkt passiert – eine Plaque an der Gefäßwand aufreißt und sich ein Gerinnsel festsetzt, müsste man das bei Frauen und Männern auf gleiche Weise behandeln, weil es sich ja um ein identisches Krankheitsbild handelt. Aber unsere Daten zeigen, dass man Frauen, die mit einem Herzinfarkt in die Klinik kommen, seltener ins Katheterlabor bringt, um nach verengten Herzkranzgefäßen zu suchen und diese gegebenenfalls zu beheben. Und Frauen werden auch in der begleitenden Medikation zurückhaltender behandelt als Männer.

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Woran liegt das denn? Existiert auch bei den Ärzten eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Herzinfarkt bei Frauen?

Das wissen wir nicht. Aber es fällt schon auf, dass man auch bei jüngeren Frauen, die in der Regel ja noch deutlichere Infarktsymptome zeigen als ältere, zurückhaltender in der Behandlung vorgeht.

Das müsste dann ja logischerweise Auswirkungen auf den Therapieerfolg nach dem Infarkt haben.

Ja, und die gibt es auch. Tatsächlich haben mit Infarkt eingelieferte Frauen im Krankenhaus eine höhere Sterberate als Männer. Und auch in der Folgezeit danach haben sie eine schlechtere Überlebensrate. Das darf natürlich nicht so bleiben, und die Fachverbände arbeiten auch daran, dass sich da etwas ändert.

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Aber möglicherweise erklären sich die unterschiedlichen Überlebensraten der Geschlechter ja daraus, dass die Medikamente nicht auf gleiche Weise bei ihnen wirken?

Das wäre denkbar, aber es gibt keine Hinweise darauf. Egal, ob Gerinnungshemmer, Betablocker oder Cholesterin-Senker – sie wirken offenbar bei Männern und Frauen gleich. Es gibt also keinen objektiven Grund, die beiden im Falle eines Infarkts unterschiedlich zu behandeln. Sie weichen zwar im Hinblick auf dessen Symptome voneinander ab, doch in der Therapie sollte man keine unterschiedlichen Maßstäbe bei ihnen anlegen.