Bei der Verlegung der Stolpersteine sprachen der Sigmaringer Bürgermeister Schärer und Kreisarchivar Edwin Ernst Weber. Und viele Stadträte, historisch Interessierte, aber auch erstaunlich viele junge Leute kamen, um die Rückkehr von Lisa Heyman an jenen Ort mitzuerleben, der einst ihre Heimat war.

Sie wohnte während ihres Urlaubs im Josefinenstift mitten in der alten Residenzstadt. Bevor wir uns auf den Weg machten, schmückte sie sich mit ihrer goldenen Kette, legte die silbernen Ohrringe an, schminkte ihre Lippen. Sie wurde unterwegs von vielen Passanten erkannt und begrüßt, sie ist eine lokale Berühmtheit. Unterwegs zeigte sie die Volksschule, die sie ihrerzeit besuchte, sie kennt sich immer noch gut aus. In einem Café erzählte sie von ihrem Leben.


Dass Lisa Heyman zurückkehrte, ist dem Historiker und Kreisarchivar Weber zu verdanken, der seit Jahren die Spuren des Dritten Reichs in seinem Landkreis aufarbeitet. Er hielt einen Vortrag und publizierte eine Studie mit dem Titel „Geraubte Heimat. Zum bitteren Schicksal der jüdischen Familie Frank aus Sigmaringen in der NS-Zeit“, in der er die Geschichte der Franks nacherzählt von der Hochzeit von Siegfried und Emma Frank, geborene Rieser 1909 bis zu ihrer Vertreibung 1938.

Die Gebrüder Frank übernahmen die bedeutende Löwenbrauerei Laiz und das Sigmaringer Hofbräuhaus in der Karlstraße, seit Mitte der zwanziger Jahre führten sie eine Möbelfabrik, sie waren am Automobilhandel, einer Reparaturwerkstatt und einer Tankstelle beteiligt und waren sehr erfolgreich im Immobilienhandel. Die Familie Frank mit den drei Kindern Kurt (*1911), Werner (*1913) und Lisa (*1918) führten ein normales bürgerliches Leben in ihrem Wohnhaus in der Karlstraße 31. Die Familie war reich, aber ganz selbstverständlich auch hilfreich und wohltätig. Die Franks waren nicht religiös, obwohl sie immer noch im Traditionsbezug zum jüdischen Glauben und dessen Gebräuchen lebten.

Plötzlich mieden Lisa Franks Mitschüler sie

Bis 1933 hatte Lisa Frank viele Freunde in ihrer Heimatstadt, deren Mundart in ihrer Sprache heute noch erkennbar ist. Ganz sorgenfrei war das Leben der Franks aber schon vor 1933 nicht, weil die Geschäfte rückläufig waren. Plötzlich mieden Lisas Mitschüler sie, die Schule musste sie 1935 ein Jahr vor dem Abitur verlassen. Danach besuchte sie in Stuttgart das jüdische Bloch-Institut für Heilgymnastik und erlernte dort ihren Beruf als Physiotherapeutin.

„Mit der sozialen Isolation und Ächtung sowie dem Entzug der Bürgerrechte einher geht der sukzessive Ausschluss der Juden aus dem Wirtschaftsleben und damit die Zerstörung ihrer ökonomischen Lebensgrundlage“, fasst Edwin Ernst Weber die erschreckende weitere Geschichte der Franks zusammen: es kam zum Ausverkauf des Grund- und Hausbesitzes, zur „Judenvermögensabgabe“ nach dem November 1938. Nutznießer waren der NS-Staat, die Kommunen, Unternehmer, Bauern und andere Privatleute. Nach den Novemberpogromen wurde der Bruder von Lisa Heymans Mutter, der Rechtsanwalt Leopold Rieser aus Augsburg, von der Gestapo verhaftet, ins KZ Dachau eingeliefert und dort derart misshandelt, dass er am 13. November 1938 seinen Verletzungen erlag.

Narrenzeitung feierte 1938 über die Judenauswanderung

Zu dem Zeitpunkt waren die Kinder Kurt, Werner und Lisa bereits in Louisville in Kentucky in den USA, wo ein Bruder ihrer Mutter lebte. Die Eltern verließen Europa mit dem Dampfer von Rotterdam nach New York im Dezember 1938. Die Sigmaringer Narrenzeitung „Donau-Bote“ enthielt 1939 einen mit „Judenauswanderung“ überschriebenen Artikel, der triumphierte: „Unsere Gemeinde ist nun wieder ganz frei von Juden … Die Einwohnerschaft ist froh über ihren Weggang“.

Mittellos und ohne englische Sprachkenntnisse war der Neuanfang in Amerika schwierig. Lisa heiratete 1940 den ebenfalls aus Deutschland emigrierten Julius Heyman, dessen Eltern, die er zurück ließ, 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.

Trotz der Demütigungen kehrten Lisa und Julius Heyman in den siebziger Jahren zu einem ersten Besuch in ihre alten Heimatstädte Sigmaringen und Augsburg zurück, wo es noch Menschen gab, die Kontakt zu ihnen gehalten hatten. Nach dem Tod ihres Mannes war sie mit ihrer Tochter Patsy 1995 ein zweites Mal in Sigmaringen, als zu ihren Ehren sogar ein Klassentreffen ihres Volksschuljahrgangs stattfand. Alle Klassenkameradinnen seien erfreut gewesen, sie zu sehen: „Das in den 30er-Jahren Geschehene hat ihnen sehr leid getan.“

Heute erzählt sie von ihrem Leben aus Exil-Sigmaringerin

Und nun kam Lisa Frank in diesem Jahr anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Familie offiziell als Gast der Stadt nach Sigmaringen. Alle Menschen, die ihr im Josefinenstift oder in der Stadt begegneten, begrüßten sie freundlich. Sie erzählte von ihrem Leben während ihrer Jugend, von ihren Besuchen am Bodensee, in Überlingen, wo die Verwandten Levi in der Münsterstraße ein Textilgeschäft hatten, die ebenfalls nach Kentucky auswanderten, oder von Ausflugsfahrten nach Konstanz.

Ohne die beständige Freundschaft ihrer Klassenkameradinnen, der Ärztin Lotte Kurfess, der Freundinnen Anna Engel, Hannelore Zekorn und des Rechtsanwalts Fidelis Ott wären diese Wiederbegegnungen nicht möglich gewesen. Ohne die Großherzigkeit von Lisa Heyman, die es wagte, dorthin zurück zu kehren, von wo man sie vertrieb, kann unsere Versöhnung mit der Vergangenheit nicht gelingen.