Ruth Kracheel streicht mit der Hand über das glatte Porzellan. Das weiß-blaue Muster ist typisch für die russische Handwerkskunst, ein kleines Stück Luxus aus der kaiserlichen Porzellanmanufaktur St. Petersburg. Feine Linien, satte Farben. Die edlen Tee- und Kaffee-Service sind noch heute beliebt bei den Touristen, denen eine Matrioschka zu billig und ein gefälschtes Fabergé-Ei zu kitschig ist. Doch für die Überlingerin Ruth Kracheel ist die Kanne mehr als ein Souvenir, es ist eine Erinnerung an eine andere Zeit, eine andere Welt, die eigentlich gar nicht so voller zarenhaftem Prunk war. Eine Welt, deren Größe von Zäunen begrenzt war, in der fremde Mächte das Sagen hatten. „Wir sind von Deutschland geklaut worden“, sagt die 80-Jährige.

Menschliche Reparationsleistung an die Sowjets

Was klingt, wie ein böser Traum, ist Wirklichkeit: Als damals 14-Jährige wurde Ruth Kracheel, damals noch mit Mädchennamen Assel, gemeinsam mit Mutter und Vater nach Russland verschleppt. Menschliche Reparationsleistung war die kleine Familie, die Sowjets hatten sich den „Gebrauch der deutschen Arbeitskraft“ 1945 auf der Konferenz in Jalta zusichern lassen.

Präsent ist das in der breiten deutschen Öffentlichkeit, im kollektiven Gedächtnis der Nation bis heute kaum – dabei waren es Hunderttausende, die im Osten jahrelang die deutsche Kriegsschuld abarbeiten mussten. Als die Heimat schon längst das Wirtschaftswunder feierte, lebten sie – ungeachtet persönlicher Schuld – im Kriegszustand.


Ruth Kracheel erinnert sich genau an jene Zeit. In Dessau lebte sie damals, der Vater hatte seine Familie schon vor dem Krieg aus Baden-Württemberg nach Ostdeutschland geholt, weil er dort Arbeit bei den Junkers-Werken fand. Die Rote Armee übernahm nach Kriegsende das Gebiet. „Am 22. Oktober 1946 standen die Soldaten plötzlich an der Tür und klingelten.“ Bloß nicht aufmachen, war der erste Reflex, die Furcht vor den Besatzern saß den Menschen in den Knochen. Dabei wussten sie nicht im Entferntesten, was auf sie zukommen sollte.

Vater, Mutter, Kind, für keinen gab es Gnade

„Zum Arbeiten nach Russland – davon hatten wir noch nie gehört“, sagt Ruth Kracheel. Die Männer mit den geladenen Gewehren ließen sich nicht ignorieren oder gar abwimmeln. Lange Listen gaben ihre Aufgabe vor, auf einer stand Ruths Vater. Als Motorenschlosser im Flugzeugbau und damit Facharbeiter war er für die Sowjets viel zu nützlich, als dass sie Gnade hätten walten lassen. Weder für den Familienvater, noch für dessen Frau und Tochter. „Wenn zufällig meine Oma oder eine Tante in dieser Nacht zu Besuch gewesen wäre, hätten die sie auch mitgenommen“, sagt Ruth Kracheel.

Ihre Möbel durften die Deutschen zusammenpacken, Ruth holte ihr Zeugnis in der Schule ab und eine Uhr, die sie zur Reparatur gebracht hatte. Dann ging es mit dem Zug über Nebenstrecken in Richtung Moskau. Unterwegs versuchten die Frauen, aus ein paar Lebensmitteln, aus Mehl, Grieß und Bohnen, eine Verpflegung zuzubereiten, die Stimmung auf dieser Reise ins Ungewisse war gedrückt und kalt wie der russische Herbst, der sich mit seinen Minusgraden bereits ausgebreitet hatte.

Nicht nur die Gefangenen, auch die Einheimischen leiden Not

Kinder in zerlumpten Kleidern liefen durch die Dörfer, das riesige Reich war von den Wunden des Krieges gezeichnet. „Das war damals ein anderes Russland als heute“, erinnert sich Ruth Kracheel. Nicht nur die deutschen Gefangenen, auch die eigene Bevölkerung musste mit dem Nötigsten auskommen.

Zehn Kilometer vor Moskau stoppte schließlich der Transport mit den deutschen Spezialisten, in Holzhäusern wurden sie untergebracht, ein Zimmer plus Gemeinschaftsküche wurde der dreiköpfigen Familie zugewiesen, für das mitgebrachte Mobiliar war da kaum Platz. „Immer wenn das Geld knapp wurde, hat meine Mutter eines der Möbelstücke verkauft“, sagt Ruth Kracheel. Die Siedlung selbst war umzäunt, den Deutschen wurden die Ausweise entzogen, ein Entrinnen gab es nicht. Fluchtversuche habe es zwar gegeben, erzählt Ruth Kracheel, doch erfolgreich seien die nie gewesen.

Sie selbst, ein junges Mädchen, wurde jäher aus ihrem Leben gerissen, als es selbst der Krieg vermocht hatte. Für die Schule in Russland war sie zu alt, zum Arbeiten mit ihren 14 Jahren zu jung. „Ich hatte Ziele, und nichts davon konnte ich machen“, sagt Ruth Kracheel. „Ich weiß nicht was, aber irgendetwas wäre sicher aus mir geworden.“ Enttäuscht klingt die 80-Jährige, aber nach Verbitterung sucht man bei ihr vergeblich. Die Zeit ist ein gnädiger Weichzeichner.

Not macht erfinderisch

Bis 1948 lebte Ruth Kracheel mit ihren Eltern vor den Toren Moskaus, Kujbischew hieß die nächste Station, eine Industriestadt an der Wolga, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den Namen Samara bekam. Auch hier hatten die Sowjets wieder eine Siedlung für die 2000 deutschen Arbeiter gegründet, die in den Fabriken beschäftigt waren. Zwar bekamen die Männer dort einen Monatslohn, doch um eine Familie zu ernähren, reichte das nicht. Die Mutter hatte schließlich die Idee, in der Wohnung, die nicht viel mehr war als ein Zimmer ohne fließend Wasser, einen täglichen Mittagstisch für die Arbeiter anzubieten. „Einer der Tischherren wurde später mein Mann“, sagt Ruth Kracheel und schmunzelt.

Der Esstisch wurde ans Fußende des Ehebetts gestellt, Ruth zum Einkaufen auf den Markt geschickt. Mit Händen und Füßen, später mit dem erlernten russischem Kauderwelsch verhandelte sie mit den Frauen. Jahrzehnte später, Ende der 80er-Jahre, fuhr Ruth Kracheel mit einer Reisegruppe nach Moskau. „Als wir dann über einen Markt gelaufen sind, habe ich plötzlich wieder all diese vertrauten Wörter gehört.“

Doch mit der Vielfalt heutiger Märkte hatte das damalige Warenangebot nicht viel gemein. Ruth Kracheel erzählt: „Die Kartoffeln waren oft gefroren, und manchmal waren unten im Eimer nur Steine, nur oben Kartoffeln. Man hat sich ein Stückchen Butter gekauft, das handgemacht war, und wenn man dann nach Hause kam, stellte man fest, dass darin ein Stein war, die Butter nur außenrum.“ Doch die junge Frau lernte, hatte später immer ein Messer bei sich, um zu stochern.

Die große Liebe an einem lieblosen Ort

Normalität stellte sich mit den Jahren ein in der kleinen Gemeinde. Der Ausnahmezustand war längst Alltag geworden und wann und ob sie jemals wieder die Heimat sehen würden, wusste Anfang der 50er-Jahre niemand. Die deut schen Fachkräfte wurden nicht geschlagen, nicht gequält – aber es war eben nicht das Leben, das sie selbst gewählt hatten. Soweit es die Vorschriften erlaubten, unternahm man Ausflüge, feierte kleine Feste, es entwickelten sich Freundschaften – und Ruth Kracheel fand die Liebe.

Wie ihr Vater auch, war Kurt Kracheel als Fachmann nach Russland geholt worden, der Ingenieur stammte aus Berlin, war dort bei den Askania-Werken angestellt und verguckte sich in Russland in die elf Jahre jüngere Frau. Die war fortan nicht mehr „Spezialistenkind“, sondern „Spezialistengattin“. Zumindest fühlte sich Ruth so, heiraten konnte sie ihren Kurt erst Jahre später, als sie ihren Pass zurückbekam. Hochzeit in Weiß? Das blieb ein Traum. Die Trauung war nicht mehr als eine kurze Registrierung des Paares, ein bürokratischer Akt.

Knapp 18 Jahre war sie alt, als sie ihr Elternhaus verließ, um Kurt Kracheel an einen anderen russischen Fabrikationsstandort zu folgen. „Einmal wurde mein Mann für zwei Monate abkommandiert, ich wusste nicht, wo er war“, erinnert sie sich an die Zeit. Frei bewegen konnte sie sich nur innerhalb des umzäunten Gebiets, alle anderen Schritte bedurften der Erlaubnis der Kommandantur. Zu groß erschien den Russen die Gefahr, dass die deutschen Arbeiter Interna ausplaudern könnten.

Schließlich arbeiteten sie nicht in irgendeiner Fabrik, sondern waren an Raketentests beteiligt. Der kalte Krieg hatte die Welt zu dieser Zeit längst in Ost und West aufgeteilt, die Sowjetunion rüstete auf. „Wir konnten die Siedlung nicht ohne Begleitung verlassen“, erzählt Ruth Kracheel. „Nur einmal hat man mich alleine rausgelassen – als ich ein Kind bekam. Das war mir eine richtig Genugtuung.“ In der Poliklinik in Moskau kam ihr erster Sohn zur Welt, genau wie später das zweite Kind.

Gibt es eine Rückkehr in die Heimat Deutschland?

Fürchtete sie je, nie wieder zurück nach Deutschland zu kommen? „Die Angst hatten wir die ganze Zeit“, sagt Ruth Kracheel. „Was uns am meisten belastet hat, war die Angst, dass die Russen ihre Zusagen nicht wahrmachen und wir am Ende doch nicht nach Hause kommen.“ Wie Ertrinkende an einen Strohhalm klammerten die „menschlichen Reparationsleistungen“ ihre Hoffnungen an den Moskau-Besuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Jahr 1955.

Unbedingt wollte die Gruppe auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Das wussten auch ihre Bewacher: Zwei Tage vor der Ankunft des politischen Gastes wurde die Facharbeiter-Gruppe erneut umgesiedelt, diesmal ans Schwarze Meer. Adenauer legte eine Liste mit Namen der deutschen Wissenschaftler und der Anschrift in Moskau vor. Die Sowjets taten überrascht: Unter dieser Adresse lebten gar keine Deutschen. Doch Adenauer ließ sie nicht im Stich. Drei Jahre später, im Februar 1958 setzten sich die Züge mit den Heimkehrern in Bewegung.

„Die wichtigsten Phasen in meinem Leben wurden mir genommen“

„Ich war 14 Jahre als ich wegkam, und 26 als ich heimkehrte.“ Nach Dessau wollten die Kracheels nicht zurück. „Wir wollten nicht in die DDR, hatten eine regelrechte Abneigung gegen dieses Russische“, sagt Ruth Kracheel. Über Friedland und Frankfurt zog sie zur Großmutter nach Villingen, ehe Kurt Kracheel schließlich Arbeit bei den Bodenseewerken in Überlingen fand.

„Die wichtigsten Phasen in meinem Leben wurden mir genommen“, sagt Ruth Kracheel heute über ihre langen Jahre im Osten. Nicht alle haben die Zeit so gut überstanden wie sie. Die Selbstmord-Rate in der Gemeinschaft war hoch, die psychische Belastung enorm. Zurück in Deutschland zerstreuten sich die Spezialisten und ihre Familien in alle Himmelsrichtungen, zu lange hat man sich regelrecht auf der Pelle gesessen.

Irgendwann aber, da organisierte eine Bekannte ein Ehemaligen-Treffen. „Und dann war die Liebe wieder da“, sagt Kracheel und lacht. Die Vergangenheit verbindet die Gruppe, nur sie können das ganze Ausmaß verstehen, gemeinsam in Erinnerungen schwelgen. Und daheim in ihrer Wohnung in Überlingen, da serviert Ruth Kracheel ihren Gästen zu besonderen Anlässen russischen Borschtsch. Und Kaffee gibt es aus dem Petersburger Porzellan.