Es geht kräftig den Berg hinauf zu den Mariaberger Heimen in Gammertingen. Ein hübsch sanierter Innenhof nimmt den Besucher im einstigen Benediktinerinnen-Kloster in Empfang. Zwischen zwei Gebäuden ragen fünf grob gehauene Stelen in den Himmel über der Schwäbischen Alb. Gerhard Stumpp legt die Hand auf den rauen Untergrund. „Furchtbar“, seufzt er. Der 81-Jährige zählt, wie auch die ein Jahr jüngere Anna Wolf, zu den wenigen Menschen, die sich noch an jene Tage erinnern können, die zu den bittersten zählen, die man in der Behinderteneinrichtung im Kreis Sigmaringen in 150 Jahren Geschichte erlebt hat.

Anstaltsleiter wollten helfen - und machten alles schlimmer

Am 1. Oktober und am 13. Dezember 1940 arbeiteten sich die Busse der Gemeinnützigen Krankentransport GmbH (Gekrat) den Berg hinauf. „Selber gesehen habe ich die grauen Busse nicht“, sagt Anna Wolf. „Wir waren ja eingesperrt in der Turnhalle.“ Sieben Jahre war sie damals alt. In den Tagen zuvor sei von einem Ausflug die Rede gewesen – für einen Teil der Heimbewohner. Alle anderen, vor allem Kinder, wurden von ihren Betreuern gleich am Morgen in die damalige Turnhalle gebracht. „Da waren schwarze Vorhänge und wir sahen einen Film“, erinnert sich Gerhard Stumpp. Sehr lange dauert es – nach der Erinnerung der heutigen Senioren – bis sie wieder raus durften an die frische Luft.

Während Anna, Gerhard und die anderen im verdunkelten Raum ausharrten, wurde in den angrenzenden Gebäuden und auf dem Hof um jedes Leben gefeilscht. Wie in allen Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien wurden auch in Mariaberg im Vorfeld der Transporte Fähigkeitsberichte über die Betreuten verfasst. Vielerorts wussten selbst die Anstaltsleiter nicht, zu welchem Zweck. Es gab Befürchtungen, es gehe um Arbeits- oder gar Fronteinsätze. Um ihren Schützlingen dies zu ersparen, neigten die Erzieher dazu, deren Zustand eher etwas negativer darzustellen. Mit verheerenden Folgen.

70 000 Behinderte sterben in den Gaskammern

Wer von den grauen Bussen mit den Vorhängen vor den Fenstern abgeholt wurde, kam nicht mehr zurück. Die „Verlegung“ endete in Grafeneck, etwa 30 Kilometer von Mariaberg entfernt. Dort mussten die Ankömmlinge ihre Kleidung ausziehen. Nach der oft kaum eine Minute dauernden Untersuchung durch einen Arzt wurden sie in einen Raum mit Duschen gedrängt. Tödliches Gas wurde eingeleitet und die Tür erst wieder geöffnet, nachdem von drinnen kein Laut mehr zu hören war.

Anschließend wurden die Leichen in einem fahrbaren Krematoriumsofen direkt neben der Todesbaracke verbrannt. Mit der ihnen eigenen Akribie der Grausamkeit notierten die NS-Mörder 10 654 getötete Behinderte und Kranke – allein in Grafeneck. Im gesamten Deutschen Reich fielen 70 000 Menschen der sogenannten Euthanasie-Mordaktion T4 zum Opfer, oder fanden im Jargon Hitlers „den Gnadentod“.

Zeitzeugen: "Das ist unnützes Leben und fertig war's"

„Der wollte nur Blonde und Blauäugige, die alles können“, schüttelt Anna Wolf den Kopf. „Aber so sind wir halt nicht“. Dass man deswegen einfach Menschen umbringt, macht sie bis heute fassungslos: „Die Leute konnten doch nichts dafür, dass sie so schwach waren.“ Die rüstige 80-Jährige kann sich noch an manchen erinnern, der für immer verschwand.


Ob Gerhard Stumpp und Anna Wolf damals schon wussten, was die Abgeholten erwartet, lässt sich nicht mehr genau klären. Sie waren Kinder und im Rückblick verschmelzen Selbsterlebtes und Dinge, die man später von anderen gehört hat, zuweilen untrennbar miteinander. In Stumpps Erinnerung ging es stets darum, „wer noch etwas schaffen kann“. Ansonsten habe es geheißen „das ist unnützes Leben und fertig war's“.

Obwohl eine zentrale Stelle in Berlin schon nach Aktenlage den Daumen gesenkt hatte, versuchte die Pflegeleitung vor Ort noch mit dem Transportleiter zu verhandeln. Wenn der Nachweis gelang, dass ein Behinderter doch noch in der zur Einrichtung gehörenden Landwirtschaft einsetzbar war, konnte die Streichung des Namens erreicht werden. Das umständliche Prozedere erklärt, warum die Kinder, unter ihnen Anna und Gerhard, vermutlich recht lange in ihrem Versteck ausharren mussten.

Angehörige erfuhren erst danach vom Massenmord

Die Angehörigen der Abgeholten erfuhren erst im Nachhinein von der „Verlegung“. Wenig später ging bei ihnen eine Todesmeldung ein, die einen erfundenen Grund für das Ableben des Betroffenen angab. Der Todesort wurde verschleiert, um Nachfragen skeptischer Eltern ins Leere laufen zu lassen. Dennoch erreichten die T4-Mordplaner in Berlin immer öfter kritische Nachfragen.

Auch die Kirchen wurden auf das Thema aufmerksam und prangerten das Töten zum Teil in mutiger Offenheit an. Waren die ein Jahr zuvor begonnenen Zwangssterilisierungen an Kranken und Behinderten von der Bevölkerung noch weitgehend toleriert worden, sah es jetzt anders aus. Trotz massiver Propaganda gegen die „unnützen Esser“ und der unermüdlich wiederholten Formel vom „lebensunwerten Leben“ häuften sich Proteste. Dass der Staat zum Mörder seiner schwächsten Bürger wird, stieß auf Unverständnis, wenn nicht Entsetzen.

Opfer von Mariaberg bleiben in Gedenken

Der Unmut war bis zu Hitler-Stellvertreter Heinrich Himmler durchgedrungen, der im Dezember 1940 schrieb: „Wie ich höre, ist auf der Alb wegen der Anstalt Grafeneck eine große Erregung.“ Schließlich wurde die Einrichtung geschlossen, wie auch die sechs anderen Tötungsanstalten im Deutschen Reich. Die NS-Spitze wollte angesichts des noch jungen Krieges keine Demoralisierung der heimischen Bevölkerung riskieren. Das Töten ging nun unauffälliger weiter. Tausende Behinderte starben auch in den Jahren nach 1940 durch gezielten Nahrungsentzug oder durch Überdosierung von Medikamenten.

Die beiden Mariaberger Heimbewohner erzählen wie ihr Anstaltsleiter mit ihnen nach Kriegsende eine Busfahrt nach Grafeneck unternahm. „Da sind alle vergast und verbrannt worden“, habe er gesagt. Oben auf dem Mariaberg weisen seit 1990 die Gedenkstelen für die Mord-Opfer Richtung Grafeneck. „Es war furchtbar“ sagt Gerhard Stumpp immer wieder. Und Anna Wolf treibt unverändert die Frage um, warum Hitler ihre Mitbewohner ermorden ließ. „In den Himmel gekommen ist der deshalb bestimmt nicht, oder?“