Das Papier der kleinen Karte hat sich über all die Jahre kaum verfärbt. Kurt Kaltenbach hütet es wie ein wertvolles Museumsstück, hat es sorgfältig eingehüllt in eine Plastikfolie. Der graue Zettel trägt einen Stempel vom 29. Oktober 1945 und einen Vordruck: „Dienstgrad, Name, Vorname“. Handschriftlich ist in Großbuchstaben eingetragen: Sold. Kurt Kaltenbach, Nr. 702722 Camp 186, Grait Britain.

Dass Großbritannien falsch buchstabiert ist, war nicht wichtig. Der Dienstweg war klar. Auf der Rückseite die knapp bemessenen Sätze, getippt mit einer Schreibmaschine. „Lieber Kurt! Glücklich über deine erste Nachricht, senden herzliche Grüsse, Eltern, Geschwister. Sind alle gesund zu Hause, auch die Stuttgarter! Grossvater Februar gestorben. Auf Wiedersehen!“ Wenige Worte, hinter denen eine bewegende Geschichte steckt: Die Karte erreichte Kaltenbach in britischer Kriegsgefangenschaft und erinnert ihn an eine schwere Zeit – aber auch daran, welch tiefe Gräben Freundschaft überwinden kann.

Kaltenbach: "Ich hatte noch nie solche Angst"

Kurt Kaltenbach sitzt in seinem Wohnzimmer in Frickingen, einer kleinen Gemeinde im Linzgau. Seine Frau Hedwig werkelt in der Küche, sie kennt seine Erzählungen in- und auswendig. Wer mit Kaltenbach spricht, ahnt, wie sehr ihn die Vergangenheit noch immer beschäftigt, wie sehr sich die Ereignisse dieses Krieges eingebrannt haben. Es ist das ewige Trauma einer Generation: Kein Konflikt in der Geschichte war auch nur annähernd so verheerend wie der Zweite Weltkrieg.

Kurt Kaltenbach hatte Glück – er überlebte. Und doch brannte sich etwas in ihm ein. Kaltenbach spricht von seiner „Nacht der Erkenntnis“. Noch ein Teenager war er, als er gemeinsam mit einem Kameraden – nicht älter als er selbst – nahe der holländischen Grenze einen Graben ausheben musste. Eine Granate schlug ein, Kaltenbach bekam nur eine Ladung Dreck ab – seinen Kameraden riss das Geschoss aus dem Leben. „Ich hatte noch nie solche Angst“, erinnert sich Kaltenbach. „Die wollten uns umbringen. Und man selbst ist so wehrlos.“

Vom begeisterten Hitlerjungen zum Deserteur

Er schleppte den sterbenden Jungen zu den Sanitätern, doch statt Mitgefühl erntete er dort nur den eiskalten Befehl: Zurück in den Graben! „In dieser Nacht habe ich mir gesagt: Jetzt ist Schluss.“ Das war nicht sein Krieg, für den er sich opfern sollte. An einen Sieg glaubte Anfang 1945 ohnehin niemand mehr; die Euphorie des einstigen begeisterten Hitlerjungen Kurt Kaltenbach war einer tiefen Enttäuschung und Verachtung gewichen. Was sollte schlimmer sein, als selbst als Kanonenfutter verheizt zu werden?

Heimlich stahl sich der junge Mann davon, versteckte sich in einem Schuppen. Natürlich blieb er dabei nicht unbeobachtet. Ein Holländer entdeckte den Fahnenflüchtigen. An seine Worte erinnert sich der heute 84-jährige Kaltenbach noch ganz genau: „Dass sie euch Kinder noch zu Soldaten gemacht haben.“

Am 1. April 1945 wurde er als Kriegsgefangener der Alliierten in Gewahrsam genommen, am 1. Mai 1945 in ein Lager in England gebracht. In einer stürmischen Seefahrt ging es in einem kleinen Landungsboot über den Kanal. Kaltenbach erzählt: „Ich war das erste Mal auf See, bei den meterhohen Wellen war mir sterbenselend.“ Die Briten gingen gesittet mit ihren Gefangenen um: Kurt Kaltenbach besuchte die Schule, lernte Englisch und Demokratie. Auf alliierte Werte sollten die Deutschen eingeschworen werden. Zwar wurden sie auf dem Land zu Arbeitsdiensten eingesetzt, aber sie hatten doch auch gewisse Freiheiten, hatten Ausgang, durften sogar ins Kino. Abends wurde durchgezählt, aber wo hätten sie auch hingehen sollen, dort in der Fremde?

Aus den Wirren des Krieges wächst eine ungewöhnliche Freundschaft

Ein Kriegsleben von vielen, und doch war das, was für den Frickinger daraus folgte, etwas ganz Besonderes: eine Freundschaft fürs Leben. Walter Goodchild hieß der Mann, den er im Lager kennenlernte und der ihn wie selbstverständlich in seine Familie aufnahm – ihn, den Feind. Das Bild der Engländer von den Deutschen ist nicht gerade weichgezeichnet. „Aber wir haben uns gut verstanden“, sagt Kurt Kaltenbach über den Engländer. Gemeinsam gingen sie in Vergnügungsparks, ins Pub, kauften neue Kleidung, auch wenn es nicht immer einfach war.

„Einmal wurde Walter in einer Kneipe angepöbelt, weil er mir als Kriegsgefangenen ein Bier ausgegeben hat“, sagt Kaltenbach. Walter Goodchild ließ sich nicht beeindrucken, er entschuldigte sich für seine Landsleute und ging. Nach und nach stellte er dem jungen Deutschen seine ganze Familie vor. Sogar Weihnachten durfte der mit ihnen verbringen. „Als Kriegsgefangener – das muss man sich einmal vorstellen“, sagt Kaltenbach und schmunzelt. Es war die menschliche Seite eines Krieges, dessen Spaltung bis heute nachwirkt.

So innig die Beziehung zwischen Kurt Kaltenbach und den Goodchilds auch war – er sehnte sich nach seiner Heimat, seinen Eltern. „Aber ich war jung, noch nicht lange in Gefangenschaft, nicht verheiratet“, erzählt der Frickinger. Also musste er warten. Bis zum 26. Mai 1948, Mutters Geburtstag. 22 Jahre war er inzwischen. „Nach fast vier Jahren war der Bahnhof in Triberg Endstation für mich“, erinnert sich Kaltenbach. In Deutschland ging das Leben seinen Gang, der Alltag hielt Einzug, der anfängliche Kontakt zu den Bekannten auf der Insel schlief ein.

Dankbarkeit verbindet über Grenzen hinweg

Bis im Jahr 1975 ein Brief ankam. Absender: Familie Goodchild. Sie hatten ihn in all den Jahren nicht vergessen. Seither ist der deutsch-englische Brückenschlag nie wieder abgerissen. Auf Besuche in Großbritannien folgten Gegenbesuche in Deutschland, Walters Tochter Joan schreibt regelmäßig Briefe und E-Mails, er kennt die Enkeltochter und interessiert sich für Freud und Leid seiner Bekannten. „Die Dankbarkeit dafür, wie mich Familie Goodchild damals aufgenommen hat, das verbindet“, sagt Kurt Kaltenbach. Ob sie sich noch einmal sehen, das weiß er nicht. Mit seinen 84 Jahren traut er sich die Reise über den Ärmelkanal nicht mehr zu. „Aber wir werden in Verbindung bleiben, solange wir leben.“