Es ist einer dieser schönen Tage im Mai, an denen die Temperaturen schon am Vormittag auf angenehme 20 Grad steigen. Die Sonne lässt den Bodensee blitzen, die Menschen flanieren an der Promenade entlang. Ein herrlicher Freitag, längst hat sich Wochenendstimmung breit gemacht. Überlingen lockt um diese Jahreszeit die ersten Urlauber an. Anton Jež stützt sich auf seinen hölzernen Stock und trippelt in kleinen, vorsichtigen Schritten. Mit seinen 86 Jahren fällt ihm das Gehen zunehmend schwer. Vielleicht sollte er erst einmal in sein Hotel gehen, sich einen Augenblick hinlegen. Aber da warten noch all die Menschen, die ihn unbedingt treffen wollen. Anton Jež macht schließlich keine Ferien am See, er leistet Erinnerungsarbeit. Für sich und für andere.

Zwangsarbeit im heutigen Touristengebiet

Wenn der Slowene nach Baden reist, reist er stets auch in die eigene Vergangenheit: In die Zeit, als er als Häftling im Konzentrationslager Überlingen untergebracht war und im Stollen von Goldbach schuftete. Wo heute Besuchergruppen durch steinerne Gänge laufen, mussten er und andere Zwangsabeiter des NS-Regimes sich in Zwölf-Stunden-Schichten plagen. In die mächtigen Felsen am Bodenseeufer haben sie sich gegraben mit ihren Werkzeugen, die Produktion von Rüstungsgütern sollte dorthin verlagert werden – alliierte Luftangriffe auf das nahe Friedrichshafen bewogen die Nationalsozialisten zu diesem radikalen Schritt.



An Arbeitskraft mangelte es nur bei den Männern im Ort, die zu den Waffen gerufen worden waren – die KZ, wie das in Überlingen, hingegen waren voll. Anton Jež war einer von ihnen. Er trug den roten Winkel an seiner gestreiften Häftlingskleidung, der stand für politische Gefangene. In Dachau, wo er vorher war, hatten sie ihm die Nummer 66836-J gegeben. J wie Jugoslawe.

Jež unterstützt die Partisanen - das kommt ihm teuer zu stehen

Der Krieg hatte sich in den 40er Jahren längst bis an die Adria vorgefressen. Die Achsenmächte Deutschland und Italien überfielen Jugoslawien. Als 16-Jähriger unterstützte Jež die Partisanen in seiner Heimat, versorgte sie mit Lebensmitteln und anderen Schmuggelgütern. Im Februar 1944 wurden die jugendlichen Aktivisten verhaftet und den Deutschen übergeben. Der junge Anton, fast noch ein Kind, landete im Hamsterrad der Nazis.

„Der Stollen war gleichzeitig unser Unglück und auch unser Glück“, sagt Jež im Rückblick. Da war die Plagerei unter härtesten Bedingungen, der Staub, immer wieder explodierten Sprengladungen. Doch der Stollen bewahrte die „Schutzhäftlinge“ im Winter auch vor der klirrenden Kälte: Leicht bekleidet und unterernährt, hätte die wohl für die meisten den Tod bedeutet.

Ausbeutung vor den Augen der Überlinger

Was ihm am meisten im Gedächtnis blieb? Es ist ein Gefühl: Hunger. „Das Essen war so schlecht, so wenig.“ Krankheiten breiteten sich aus, Ungeziefer plagte die Häftlinge. „Uns hat nicht der Stollen kaputtgemacht, uns hat der Hunger kaputtgemacht“, erinnert sich Anton Jež. Reihenweise starben die Insassen, er selbst überlebte.

Nur zweimal erhielt er Essenspakete von seiner Tante aus Zagreb, der Rest war Darben. Und das bei schwerster körperlicher Arbeit. An sechs Tagen die Woche waren die Männer in Zwölf-Stunden-Schichten eingeteilt. Vor den Augen der Überlinger marschierten sie vom Aufkircher KZ zum Stollen und wieder zurück.

Grete Leutz - damals 14 - hakt als Erwachsene nach

Grete Leutz hat das Klappern der Holzschuhe noch heute in den Ohren. Als 14-jähriges Mädchen wohnte sie in der Uhlandstraße und sah vom Garten aus die Häftlinge, wie sie tagtäglich zu dem Felsvorsprung getrieben wurden. Eine Szene hat sich ihr besonders eingeprägt: „Vier Häftlinge trugen einen fünften Häftling bäuchlings auf ihren Schultern liegend zur Arbeit“, erzählt die 82-Jährige. „Er war vielleicht schon tot, bis sie unten ankamen.“

Hunde hetzten die Schwachen, Wachleute schrieen. „Es war furchtbar, wir haben in der Familie über nichts anderes mehr gesprochen“, sagt Leutz. Bilder, die sich dem Kind einbrannten und denen sie als erwachsene Frau unbedingt nachgehen wollte. Als Grete Leutz Anton Jež Mitte der 90er Jahre kennenlernte, musste sie ihm vor allem eine Frage stellen: Ob er die Menschen in den Fenstern, an der Straße wahrgenommen hat? Ob er sie selbst vielleicht auch beobachtet hat? Inzwischen weiß sie: Der junge Mann, der nur wenig älter war als sie selbst, konnte sie nicht sehen. Jeder falsche Blick hätte ihn das Leben kosten können. Wie auf einem Reißbrett entworfen musste die Formation aussehen, die an ihr vorbeizog, kerzengerade, flankiert von scharfen Hunden.

Belastend war die Situation für die Anwohner – auch, weil sie Furcht hatten, über ihre Beobachtungen zu reden. Würde man bei einem falschen Wort mit dem gleichen Schicksal bestraft? „Meine Mutter hat sogar überlegt, ob wir wegziehen sollen“, erinnert sich Grete Leutz. Die Kinder waren mit dem Krieg und seiner Brutalität aufgewachsen, die Erwachsenen haderten.

Mitgefühl tut gut

„Nachgeborene können das gar nicht verstehen“, sagt die alte Dame immer wieder. Umso wichtiger ist ihr die freundschaftliche Beziehung zu Anton Jež. Die Erlebnisse verbinden – auch wenn die Perspektiven nicht unterschiedlicher sein könnten. Es gibt immer wieder Fragen, die Grete Leutz stellen möchte. „Und es ist gut für ihn zu wissen, dass es Leute gibt, die mitfühlen“, sagt die Überlingerin.

Anton Jež hat seinen Frieden gemacht mit der Vergangenheit. Das KZ sei die kalkulierte Folge seines Tuns gewesen, sagt er. Nicht vergleichbar mit der wahllosen Vernichtung von Juden. Vielleicht macht es ihm diese Haltung heute leichter, ohne Verbitterung nach Überlingen zurückzukehren und die Erinnerung wachzuhalten. Und doch sind Gespräche mit ihm bisweilen irritierend.

Trotz der Qual weigert sich Jež, zu hassen

Warum will ein Mann wie Anton Jež im Zusammenhang mit seiner Vergangenheit von „Glück“ sprechen? Darf ausgerechnet er, das Opfer, Verständnis zeigen für die Situation der Nazi-Wächter und Aufseher – also für die Täter? Man möchte ihn rütteln, wenn er von einer Situation im Lager erzählt: Der Befehl an die Gefangenen lautete – Augen geradeaus. Einmal nur drehte Jež den Kopf, ein Gewehrkolben landete brutal in seinem Genick. „Ich war selbst Schuld, was musste ich auch den Kopf bewegen?“, sagt er in seinem slowenisch gefärbten Deutsch.

Selbst Schuld? Der alte Mann mit den weißen Haaren bleibt dabei. Er lässt sich nicht vorschreiben, wie er sein eigenes Leben zu empfinden hat, wen er hassen soll. Er will die Nachgeborenen seine Welt nicht in schwarz und weiß teilen lassen. „Ohne Verzeihen kann man nicht zusammenleben“, erklärt er mit dem Wissen eines langen Lebens. „Mehr als 30 Jahre brauchte ich, um die bösen Bilder aus meinem Gehirn weit weg verdrängenund ein normales unbelastetes Leben führen zu können.“

Überlinger Historiker spürt Opfer auf

Einer, der ihm dabei geholfen hat, ist Oswald Burger, Historiker und Berufschullehrer in Überlingen. Die Hintergründe des zerbombten Stollens hatten ihn schon immer interessiert. Aber wer waren die Menschen, die darin zur Arbeit gezwungen worden waren? „Das war ein Rätsel, das einer Erklärung bedarf“, sagt Burger.

Namen und Adressen der Männer fand er, es entspann sich ein Briefwechsel, doch der Zugang zu ihnen war schwer. Bei einer Reise in die slowenische Hauptstadt Ljubiljana trat er mit Herzklopfen vor – und wurde mit großem Misstrauen empfangen. „Oft hatte ich den Eindruck: Oh Gott, was habe ich da angerichtet“, sagt Burger und muss lachen. Er weiß: Es war richtig und wichtig, was er getan hat. Die früheren Zwangsarbeiter hatten sich in ihrer Gegenwart eingerichtet, wollten die Kriegsjahre verdrängen. Und dann kam dieser Burger, ausgerechnet einer, dessen Vater Mitglied der Waffen-SS war und in der Legion Prinz Eugen gegen die jugoslawischen Partisanen gekämpft hat.

Er bohrte in Wunden, die bei manchem noch schmerzten. „Das Vertrauen musste erst wachsen“, sagt Jež. „Viele Verfolgte hatten genug damit zu tun, ihre Traumata zu bewältigen und in den normalen Alltag wieder hineinzufinden.“ Die ersten Einladungen zu einem Gedenken in Überlingen schlugen sie aus, ließen Oswald Burger einfach sitzen. Erst Jahre später wagten sie gemeinsam die Reise an den Bodensee. Aus dem Wagnis wurde eine innere Verpflichtung, die über viele Jahre trug.

Der letzte Überlebende, ein lebendiges Mahnmal

Heute ist Jež ein unermüdlicher Aufklärer, gibt Interviews für Studenten, betreut Schulklassen. Erst vor kurzem wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz für diesen Einsatz ausgezeichnet. Jež ist der letzte Überlebende der slowenischen Zwangsarbeiter aus dem Überlinger Stollen. Ein lebendiges Mahnmal für den Frieden.