Was wäre gewesen, wenn? Wenn die junge Familie keinen Urlaub in der alten Heimat geplant hätte? Wenn sie ein halbes Jahr früher gereist wären? Wenn Hitler nicht diesen verdammten Krieg angefangen hätte? Werner Fischer lehnt sich in seinem Stuhl zurück und denkt nach. Wenn, wenn, wenn. „Vielleicht wäre ich heute Großkaufmann. Oder Arzt. Oder sogar Minister.“ Fischer lächelt. Minister in Bolivien, das hätte seinen Vater beeindruckt.

Natürlich, es ist kein schlechtes Leben, das er heute führt. Im Gegenteil. Er wohnt gemeinsam mit seiner Frau in einem schmucken Häuschen in Heudorf (Meßkirch), eine Neubausiedlung wie aus dem Bilderbuch. Jahrzehntelang hat er als Lehrer in Meßkirch den Schülern sein Wissen weitergegeben, es bis zum Studiendirektor gebracht. Aber es ist eben ein Leben, das so nicht geplant war.



Der Entwurf seiner Familie wurde jäh durchbrochen – wie der so vieler anderer, die in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hineingeboren wurden. Hitlers Streben nach der europäischen Vorherrschaft durchdrang die privatesten Ecken, ließ Pläne und Ziele und Träume zerbröseln wie altes Brot zwischen den Fingern. Wenn Werner Fischer heute als Organist in seiner Kirchengemeinde auf Trauerfeierlichkeiten spielt, hört er so manche Biografie, die brutal zerrissen wurde. Die einen flohen aus ehemals deutschen Gebieten, andere wurden als Soldaten ins Badische gespült. Die Kriegsgeneration, die in diesen Jahren zu Grabe getragen wird, kennt noch viele schwierige Lebensläufe.

Reiches Leben als Deutsche in Bolivien endete jäh

Bei Werner Fischer und seinen Eltern war es die neue Heimat Bolivien, die ihnen geraubt wurde. Jenes Land mit den heißen Sommern und der dünnen Luft im Hochland. Mitte der 20er Jahre hatte es den Vater, Karl Fischer, dorthin gezogen. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihn arbeitslos gemacht, aber da gab es ja noch diesen Schulfreund, der selbst ausgewandert war und ihm helfen konnte. Aus Müllheim, 40 Kilometer südwestlich von Freiburg gelegen, ging es nach La Paz. 1927 folgte ihm die Verlobte Gertrud, im April 1931 kam der Erstgeborene Werner zur Welt. „Meiner Mutter hat das Leben auf der Hochebene zu schaffen gemacht, sie musste sich an die Hitze gewöhnen“, erinnert sich Werner Fischer.

Er selbst liebte die Freiheit. Bubenträume eben. Fischer strahlt noch heute, wenn er all die Anekdoten erzählt, aus Bolivien, aus seiner Kindheit, aus dieser ganz anderen Welt, wo es an Weihnachten 40 Grad hat und er von seinem Kindermädchen ein paar Brocken in deren Indianersprache gelernt hat. Seine Zeitmaschine ist ein Album mit alten Fotos. Auf denen sieht man die unbefestigten Straßen, die exotischen Pflanzen, das herrschaftliche Anwesen, das sein Vater als Generalvertreter der IG Farben aufgebaut hat. „Es war ein Leben im Wohlstand, wir hatten eine Köchin, Bedienstete“, sagt Fischer. Ewig hätte es so weitergehen können. Die Ewigkeit endete im Jahr 1938.

Stolz auf Hitler-Deutschland wich dem Schock

„Als Europäer bekam man alle drei Jahre für sechs Monate Heimaturlaub“, erzählt der 81-Jährige. Das traf sich gut, schließlich hatte die Oma in Baden-Württemberg die Enkel noch nie im Arm halten können. Per Flugzeug, mit der Eisenbahn und schließlich mit dem Schiff ging es in Richtung Deutschland, es war eine Reise über die Kontinente hinweg, wie sie im Zeitalter der Billigflieger kaum mehr vorstellbar ist. An einen Zwischenstopp erinnert sich Fischer ganz genau: In Madeira waren die Schaufenster der Geschäfte mit Bildern von Hitler geschmückt. Von dem hatten die Fischers über Kurzwelle schon in Südamerika gehört, mit der Hakenkreuz-Fahne waren die Jungen aus der deutschen Schule durch die Straßen von La Paz gelaufen.

„Wir haben an eine deutsche Revolution geglaubt, in den ersten Jahren sah ja auch alles ganz wunderbar aus“, sagt Fischer. Endlich konnten die Deutschen der Welt zeigen, dass sie doch Helden waren. Ein Irrtum, wie er heute weiß. Im März 1940 sollte es zurück nach Bolivien gehen, die Rückfahrkarte für einen schwedischen Dampfer war schon gekauft. „Aber als der Krieg ausbrach, durfte mein Vater als Leutnant aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr ausreisen und wurde eingezogen“, erzählt Werner Fischer. „Und so blieben wir hier hängen.“ Er streicht mit der Hand über einen schweren braunen Koffer aus glattem Leder. Der steht heute in seinem Flur, neben der Eingangstür. Eine Dekoration, vollgepackt mit Gedanken an früher. Viel mehr ist ihm nicht geblieben aus diesem „alten“ Leben.

Das Vermögen in Bolivien war spätestens mit der Kriegserklärung gegen Deutschland am 7. April 1942 verloren, statt eines prachtvollen Anwesens teilten sie sich nun das Haus mit den Großeltern in Müllheim. Eine eigene Wohnung konnte sich die einst so wohlhabende Familie nicht mehr leisten.

Schwer war das vor allem für die Eltern, die sich doch so fleißig emporgearbeitet hatten. Und nun sollte alles weg sein? Nur wegen dieses Kriegs? „Wir saßen jahrelang auf gepackten Koffern“, sagt Fischer. Berühmt-berüchtigt war die deutsche Armee doch für ihren „Blitzkrieg“ – warum also sollte nicht alles bald wieder so sein wie vorher?

Nachkriegszeit für Kinder ein "großes Abenteuer"

Vor allem der Vater konnte sich nie von seinem gesellschaftlichen Absturz erholen, suchte Halt in der Religion, wurde Mormone, tingelte als Handelsvertreter durch die Orte, dreimal musste er Insolvenz anmelden. Er, der Gründer einer deutschen Schule, der Ehrenkonsul, der Lenker und Entscheider. Die Kinder hatten es da einfacher. „Die Erwachsenen waren verängstigt, aber für uns war das ein großes Abenteuer.“ Im Jungvolk fand er schnell neue Freunde. Es war eine Kriegskindheit, wie sie hunderttausendfach durchlebt wurde. Wolfgang Fischer erinnert sich: „Wir waren so geimpft: Deutschland kann nicht untergehen, es muss ein Wunder geschehen.“

Nach Bolivien, sein Geburtsland, ist Fischer nie zurückgekehrt. Einmal war es, als er eine Stellenausschreibung für die dortige deutsche Schule las. Kurz hat er überlegt, ob das nicht etwas für ihn wäre. „Vielleicht hätte ich sogar gute Chancen gehabt, immerhin hat mein Vater die Schule mitgegründet“, sagt er – und ließ es beim Gedanken.