Heimat? Wo ist das eigentlich? Dort, wo man fast sein ganzes Leben verbracht hat? Dann wäre Franz Franks Heimat Singen. Hier lebt der 82-Jährige seit mehr als 65 Jahren, hier hat er seine Kinder großgezogen, hier hat er als Friseur seine Kundschaft bedient. Doch Franks Herz sagt etwas anderes. Es schickt seine Gedanken immer wieder in die Ferne, nach Teplitz-Schönau, das schon lange nicht mehr so heißt und von den Tschechen den Namen Teplice bekam. Sudentenland nannten die Deutschen den von ihnen eroberten Reichsgau. „Das bleibt ewig meine Heimat“, sagt Frank und wischt sich die Tränen von den Wangen.

Wahrnehmung als Opfer blieb lange verwehrt

Seine Hände zittern, es ist ihm ein wenig unangenehm, aber er kann nicht anders. Franz Frank ist so genannter Heimatvertriebener. Seine Trauer durfte es im Deutschland der Nachkriegszeit lange nicht geben. Die Opferrollen waren klar verteilt, ebenso die Bilder von den Tätern. Erst in den vergangenen Jahren wurde der Umgang mit Schicksalen wie dem von Frank sensibler. Wurde anerkannt, dass tausende von Familien enteignet und brutal entwurzelt wurden, viele ihr Leben verloren, ihrer Selbstbestimmung beraubt wurden.


In Zahlen ausgedrückt sagen Krieg und Vertreibung wenig über das Leid Betroffener aus. Nach Schätzungen starben im Zweiten Weltkrieg etwa 50 Millionen Menschen. Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche wurden aus dem heutigen Polen, aus dem Sudetenland und anderen Regionen vertrieben, zwei Millionen überlebten das nicht. Jeder vierte Deutsche hat heute einen direkten familiären Bezug zum Thema Vertreibung – und dennoch gehört es nach wie vor zu den eher heiklen Bereichen der deutschen Geschichte. Gleichzeitig schwindet bei den jungen Menschen das Wissen um ehemalige deutsche Siedlungsgebiete in Ost- und Mitteleuropa.

Bei der ersten Reise nach Hause ist vieles doch fremd

Durch Franks Geschichte bleibt die Vergangenheit lebendig. Teplitz-Schönau ist eine dieser typischen böhmischen Kurstädte. „Goethe und Beethoven waren hier zur Kur“, erzählt Franz Frank und strahlt. Die Thermalbäder lockten einst eine illustre Gästeschar. Was für eine Ehre – die „Stars“ von damals gingen schließlich nicht irgendwo in Behandlung. Noch ein bisschen Glanz ist aus der Zeit des Kaiserreichs übriggeblieben, doch an vielen Fassaden bröckelt längst der Putz. Sozialistische Architektur mischt sich mit der vermeintlichen Moderne des Westens, die man nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eiligst importierte.

Am Elternhaus von Franz Frank hat der Zahn der Zeit genagt. Der neue Besitzer, ein Lehrer, hat kein Geld um es zu renovieren. „Das sind ganz nette Leute“, sagt der Rentner und streicht über das Foto in seinem Album. 1975 stand er das erste Mal nach so vielen Jahren wieder vor dem Gebäude. Vieles erschien ihm fremd. Aber nicht alles. Als ob die Seele weiß, woher sie kommt.  „Ich hab Herzklopfen gehabt, aber die Erinnerung war sofort wieder da.“ Wie er mit seinen Freunden Fußball gespielt hat, wie er in der deutschen Volksschule gebüffelt hat, die Eltern in ihrem Friseurgeschäft besucht hat. Die Kinderzeit war unbeschwert.

Auch noch als 1938 die deutschen Soldaten kamen und von der deutsch-böhmischen Bevölkerungsmehrheit mit Jubel begrüßt wurden. „Wir haben gerne ,Heil Hitler‘ gesagt – weil wir endlich wieder Deutsche sein durften“, sagt Frank. Was aus heutiger Sicht nach ideologischer Verirrung klingt, ist nur mit einem Rückblick auf die Verhältnisse jener Zeit vor Ort erklärbar. Nach dem ersten Weltkrieg waren im Osten die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen spürbar gewachsen. Wer öffentlich Deutsch sprach, wurde angefeindet. „Dabei waren wir doch deutsche Staatsbürger, konnten kein Wort Tschechisch“, sagt Franz Frank. Das durch Hitlers Truppen gewonnene Selbstbewusstsein währte nicht lange.

Eines Morgens werfen russische Offiziere sie aus ihrem Haus

1945, als der Krieg verloren ging, rückten die Sowjets an. Der Roten Armee stand der Sinn nicht nach Ausgleich, die Deutschen wurden enteignet und vertrieben. Am Morgen des 8. Mai klingelten drei russische Offiziere bei den Franks, ließen von ihrem Chauffeur deren Fahrräder rausschleppen. Sich zu wehren trauten sich die Deutschen nicht – wozu auch, sie brauchten sie ohnehin nicht mehr.

Ein Gepäckstück durfte jeder mitnehmen, dann ging es mit weißen Binden am Arm in Richtung Bahnhof. Die Mutter versteckte die Eheringe sicherheitshalber in einem Stück Butter, der Rest blieb zurück. Auch die Karl-May-Bücher, die der Halbwüchsige so gerne eingepackt hätte. „Wir dachten, in 14 Tagen sind wir wieder zurück, aber das war ein Irrtum. Die 14 Tage waren lang“, sagt Frank. Mit dem Zug reiste die Familie in Richtung Singen, ein Onkel lebte dort und konnte helfen.

Ein Glück, das viele andere Flüchtlinge in diesen Tagen nicht hatten und den Franks den Start in Baden-Württemberg erleichterte. Als Meister arbeitete der Verwandte bei Maggi, konnte nicht nur Herberge, sondern auch ein Zubrot organisieren. Schon bald mieteten sich die Eltern einen kleinen Friseursalon an, den Franz Frank später selbst übernahm. Inzwischen steht das Schaufenster leer, die eigenen Kinder haben andere Interessen, wollen das berufliche Erbe des Vaters nicht. Frank zuckt mit den Schultern. Soll er sie zwingen?

Er verlor die Kindheit, seine Eltern das halbe Leben

Er schaut wieder auf seine Fotos. Seiner Frau, die kürzlich verstorben ist, konnte er sie nicht zeigen, die Stadt, die ihn nicht loslässt. „Das war wunderschön“, erzählt er. Und weint. Ein halbes Dutzend Mal machte der zwischen den Welten Zerrissene sich schon auf die Reise in den Osten. „Jetzt gehe ich nicht mehr“, sagt er. Zu beschwerlich ist die Fahrt.

Anders als er selbst haben seine Eltern den Weg zurück nie gewagt. „Sie wollten es nicht mehr sehen.“ Franz Frank verlor seine Kindheitserinnerungen – seine Vater und seine Mutter aber mussten ihr halbes Leben zurücklassen. Die Wunde saß zu tief. „Ich habe mich akklimatisiert in Singen“, sagt Franz Frank heute. Politisch und gesellschaftlich brachte er sich für die Kleinstadt im Hegau ein. Doch abschließen kann er mit seiner Herkunft nicht. Das Sudetenland ist für ihn mehr als ein paar alte Schwarz-Weiß-Fotos in einem Album.