Wer Angela Ihle in ihrer Überlinger Wohnung gegenüber sitzt, erlebt eine fröhliche, eine lebensbejahende Frau. Ihre Augen blitzen hinter der goldumrahmten Brille, das Lachen ist hell und ansteckend. Es wird erst leiser, als sie von ihrem Stuhl aufsteht. Mit der linken Hand hält sie sich am Tisch fest, die rechte angelt nach der wuchtigen Gehhilfe. Jede Bewegung strengt an. Seit Jahrzehnten schon wird die heute 84-Jährige von ihrer Hüfte geplagt. Es ist eine Verletzung, die sie körperlich quält – aber auch an den schlimmsten Tag ihres Lebens erinnert. Angela Ihle wurde von russischen Soldaten niedergeschossen. 16 Jahre war sie damals alt. Mit schweren Verletzungen überlebte das Mädchen. Mutter, Vater und der Bruder starben eine Armlänge von ihr entfernt.


Dies ist eine Geschichte von Leid und Schmerz, wie der zweite Weltkrieg sie schrieb. Es sind Menschen wie Angela Ihle, die mit ihrem Leben die Erinnerung an diese Zeit wach halten. Auch wenn die Zeitreise schmerzt. Mehr als 65 Jahre ist der Krieg jetzt her, losgelassen hat Angela Ihle die Vergangenheit nie.

Über den Tag im Jahr 1945 schweigt die Familie

Doch diese Erinnerung in Worte zu fassen, fällt der Seniorin nicht immer leicht. „Es ist doch alles rum“, meint sie. So eng das Verhältnis zu ihren überlebenden Geschwistern bis heute ist – über den Tag im Jahr 1945 schwieg man lieber. Leichter fällt es ihr, mit anderen darüber zu sprechen, mit denen, für die Geschichte ein Schulfach ist und kein Steinbruch der eigenen Gedankenwelt. „Das ist alles vorbei“, sagt sie und wischt mit der Hand durch die Luft.

Ein Schutzreflex. „Früher hat keiner nachgefragt, da gab es keine psychologische Betreuung.“ Einen seelischen Panzer musste sie sich selbst zulegen, vielleicht hat ihr dabei auch ihr Haus am Bodensee geholfen. Es ist so etwas wie die Trutzburg ihrer Familie, weit weg von all den Geistern der Vergangenheit.

Die Bombennächte in Berlin sind schmerzlich unvergessen

Nach Berlin hatte es die Eltern von Angela Ihle in den 20er Jahren gezogen. Der Vater wurde ins dortige Finanzministerium versetzt, die große Kinderschar besuchte die katholische Volksschule. Mit Kriegsbeginn veränderte sich die Hauptstadt. „Das können Sie sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Angela Ihle.

Zu seiner Welthauptstadt „Germania“ wollte Adolf Hitler Berlin machen. Hier hielt er seine Aufmärsche ab, hier sprach er zum Volk. Der Großmachtwahn hatte Folgen für alle: Das politische Zentrum wurde zur Zielscheibe. Die Bombennächte zerrten an den Nerven der Menschen, zwangen sie in die Bunker und Keller. „Meine Mutter hat dann immer eine Kerze angezündet, wir haben Psalmen gebetet, das hat eine gewisse Ruhe rein gebracht“, erinnert sich die 84-Jährige.

Überlinger Haus der Familie beschlagnahmt

Fast schon idyllisch war es dazu im Vergleich in Überlingen. Auch hier hatte der Krieg bis 1944 seine Spuren hinterlassen, die Nähe zur Rüstungsindustrie in Friedrichshafen machte sich bemerkbar. Und doch ging das Leben weiter. Eine Tante wohnte noch im alten Haus. Mitsamt den Kindern machte sich die Familie auf den Weg zurück nach Baden-Württemberg – doch das Schicksal hatte seine eigenen Pläne.

Wohnraum war knapp. Der Chef des Überlinger Wohnungsamtes hatte ohnehin eigene Pläne mit den Zimmern, die gefielen nämlich auch einem ranghohen Nationalsozialisten. Das Haus wurde beschlagnahmt und unter anderem als Eingangsbüro für den Bau des KZ-Stollens genutzt. Also schickte man die Ihles schon nach wenigen Monaten zurück in die Hauptstadt. Sie hätten dort doch ein Haus, war die knappe Antwort auf ihre Bitte, bleiben zu dürfen.

„Die haben uns buchstäblich auseinandergeschossen“

„Die Russen standen schon kurz vor Berlin“, erzählt Angela Ihle. Als Teenager war sie längst alt genug, um zu verstehen, was um sie herum geschah und doch eigentlich viel zu jung, um die große Verantwortung zu tragen, die ihr schon bald aufgebürdet wurde. Es war 1944, der Krieg eigentlich längst verloren, die Siegermächte rückten vor.

Zu zweit stolperten die Soldaten der Roten Armee in den Luftschutzkeller. Angelas tauber Bruder Clemens erregte zuerst ihre Aufmerksamkeit. Ein 20-Jähriger ohne Waffe? Die Männer wurden nervös. Und dann war auch noch der Vater dabei, lag mit Grippe darnieder.

Die Stimmung wurde aggressiv, die Männer packten die Mutter und zerrten an ihr. „Das konnte ich nicht ertragen und habe nach meine Mutter gegriffen“, sagt Angela Ihle. Sie hält inne. „Die haben uns buchstäblich auseinandergeschossen.“ Ihle streicht mit der Hand über das blaue Tischtuch. Der Bruder wollte nun eingreifen, auch auf ihn richteten die Soldaten ihre Waffe. Und schossen.

Sie stellt sich tot, ganz allein mit der Angst

Der Vater starb, die Mutter starb, der Bruder musste sein Leben lassen. „Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als mich auch tot zu stellen – mit offenen Augen lag ich da, sonst hätten sie es vielleicht gemerkt, dass ich nur verletzt war.“ Angela Ihle stockt. Es ist eine gedankliche Zeitreise zurück in die Minuten, die ihr ganzes Leben verändert haben. „Es war so furchtbar schwer, die Atmung zu unterdrücken“, erzählt Ihle.

Ein Schuss steckte in der Hüfte, das Zwerchfell war verletzt. Sie lag zwischen den Toten, selbst voller Blut – und vor allem war sie ganz allein mit der ganzen Angst, mit den Schmerzen. Innerhalb von Minuten war die Familie zerstört, die drückende Last der Verantwortung für die kleinen Geschwister ging auf Angela Ihle über.

Die Kinder kämpfen ums Überleben

Erst reichte es den fünf Kindern noch, sich mit dem zu begnügen, was im Garten wuchs. Doch die Ernte war bald erschöpft. Die Schwester konnte mal einen Zentner Zuckerrüben auftreiben, mal tischte sie Gras und Löwenzahn auf. Hauptsache, der Magen war gefüllt. Sie waren nicht die einzigen, die ums Überleben kämpften. „Wenn irgendwo ein Pferd verendet ist, sind alle hingerannt“, erzählt Ihle. Eine Irrfahrt durch Deutschland unternahmen die Halbwüchsigen, von Nord nach Süd. Erst im Jahr 1952 konnten sie das Haus in Überlingen wieder beziehen. Es war 1945 bei einem Luftangriff stark beschädigt worden. Ein Onkel hatte den Waisen beim Wiederaufbau geholfen.

Trotz allem sagt Angela Ihle: „Ich habe immer viel Glück gehabt.“ Man schaut sie an und staunt. Angela Ihle lacht wieder. Aus allen Geschwistern ist etwas geworden, sie selbst machte eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Nur eine eigene Familie, die konnte sie nie gründen. „Meine Geschwister waren für mich wie meine Kinder – mit ihnen hatte ich meine Familie.“