Ab Anfang des Jahres 1945 bangten und hofften die Menschen in unserer Region, dass einrückende alliierte Truppen dem Krieg endlich ein Ende machen. In den letzten beiden Aprilwochen rückten französische Soldaten im Schwarzwald und am Bodensee ein. In vielen Dörfern und Städten rangen Bürger mit den bewaffneten Kräften des alten Regimes um eine friedliche Übergabe der Ortschaften an die Franzosen. Es galt, die unabwendbare Niederlage im Blick, weiteres Blutvergießen zu vermeiden.
 


Unser Leser Hermann Schweikart beschreibt, wie in seinem Heimatort Sentenhart bei Stockach der damalige Bürgermeister Wehrmachtsangehörige überredete, den Ort zu verlassen, um ihn vor Unheil zu bewahren. Drei Tage später seien die französischen Truppen angerückt. „Der Mesner hisste auf dem Kirchturm eine weiße Fahne und der Bürgermeister schickte einen polnischen Kriegsgefangenen mit einer weißen Fahne zum Ortseingang als Zeichen der Kapitulation“, berichtet Hermann Schweikart, der damals elf Jahre alt war. Vielerorts liefen den Soldaten befreite Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter entgegen. Sie sollten offenkundig bezeugen, dass keine deutschen Kampftruppen mehr in den Orten waren und damit zerstörerische Angriffe verhindern.

Nicht überall gelang die Übergabe so friedlich, wie sich das die Zivilbevölkerung mehrheitlich wünschte. Unser Leser Horst Seeger erinnert an die Ereignisse in Waldshut-Tiengen. „Ein Dachdecker hatte auf dem Kirchturm die weiße Flagge gehisst, aber der NS-Bürgermeister zwang ihn mit vorgehaltener Waffe, sie wieder abzunehmen“, weiß er.

 


Die Folge war ein französischer Bombenangriff, den mehrere Menschen nicht überlebten. Der damals siebenjährige Horst Seeger überstand die Einschläge mit seiner Mutter in einem Gewölbekeller. „Als die Franzosen später die Hauptstraße herunterkamen, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Schwarzen gesehen. Das werde ich nie vergessen“, erzählt Seeger. Ähnliche Erlebnisse berichten viele Zeitzeugen. Im rassistischen Nazideutschland waren die aus französischen Kolonien rekrutierten Truppenteile ein höchst ungewohnter Anblick.

Unvergessen ist für Horst Seeger auch die Angst seiner Mutter vor Übergriffen der fremden Soldaten. „Ich weiß noch wie meine Mutter und ihre Nachbarin sich an den Händen hielten, während ein französischer Soldat auf einem Wehrmachtfoto meines Vaters herumtrampelte“, erzählt er. Die Soldaten hätten angekündigt zum Übernachten wiederzukommen. „Sie kamen dann aber zum Glück doch nicht.“ Seines Wissens habe es aber damals mehrere Vergewaltigungen in Tiengen gegeben. „Es hieß damals, die Sieger hätten sozusagen ein Recht auf eine sogenannte Freinacht, in der sie tun konnten, was sie wollten.“

Rita Grumpp aus Konstanz teilt mit vielen anderen unserer Leser die Erinnerung daran, dass französische Soldaten Kinder mit Schokolade oder Corned Beef beschenkten. „Ab 18 Uhr gab es wochenlang eine Ausgangssperre, aber tagsüber waren wir Kinder ohne Angst draußen unterwegs“, weiß sie noch. Edwin Allgaier aus Friedrichshafen erlebte als Zehnjähriger das Kriegsende in Aulendorf. Zunächst sei dort eine Fahrradkompanie mit Marokkanern eingerückt, erzählt er. Die nachrückenden Panzereinheiten hätten dann Geschenke an Kinder verteilt. „Wir durften sogar auf den Panzern sitzen“, erinnert sich Allgaier. Ähnliche Szenen sind auch aus Konstanz überliefert. Alexander Weber, damals acht Jahre alt, sagt heute sogar: „Die Stimmung beim Einmarsch war toll – aus unserer kindlichen Sicht.“ Ein Eindruck, den Volker Bosse nicht teilen kann. Sein Vater war im Dienste der SS gestorben. Gegenüber den einmarschierenden Franzosen wurden Bosse und seine Mutter als SS-Familie denunziert. „Wir wurden sofort aus unserer Wohnung geworfen“, erinnert er sich bitter an den Tag des Einmarsches.

Dass sich die Versorgungssituation in der Besatzungszeit deutlich verschlechterte, war für alle spürbar. Die Franzosen hätten gar keine eigene Truppenversorgung gehabt, erzählt Ernst Fischer aus Donaueschingen. „Die haben das Vieh mitgenommen und unseren Hof regelrecht geplündert“, schildert der damals Zehnjährige. „Die Franzosen haben uns hungrig gefressen“, ist auch die Erinnerung der Konstanzerin Rita Grumpp. Die Zweitklässlerin hatte nach dem Einmarsch Zwangsferien, weil in ihrer Schule Soldaten Quartier bezogen hatten.

In Sentenhart, dem 300-Seelen-Heimatdorf von Hermann Schweikart, quartierten sich Anfang Mai 600 französische Soldaten ein. „Die Marokkaner mussten in Scheunen auf Heu und Stroh kampieren, während die Franzosen für sich Wohnungen requirierten“, erzählt er. Entsprechend schlecht sei die Stimmung zwischen den Soldaten gewesen. Immerhin aber habe ein strenger Ortskommandant dafür gesorgt, dass es zu keinen Übergriffen gegenüber Zivilisten kam, wie sie aus den Nachbargemeinden gemeldet wurden.