Es war an Weihnachten. Der Konstanzer Gerhard Schlegel ist ein geselliger Mensch, der gerne erzählt. „Wir sind eine große Familie“, freut er sich, „und an den Feiertagen kommen alle zusammen“. Und wie das manchmal so ist bei Familienfesten schaut man zurück, erinnert er sich, plaudert über „Damals“. In der Generation des 79-Jährigen sind das häufig Geschichten von Krieg, von Verlust und Vertreibung. So kam an jenem Weihnachtstag die Sprache auf das „Sudetenland“, Opa Schlegels Heimat, die er einst als Elfjähriger mit seiner Familie hinter sich lassen musste.

„Mir sagte das gar nichts“, räumt der heute 19-Jährige Dennis Hauser freimütig ein. In seiner Schule im schweizerischen Kreuzlingen war die Vertreibung der Deutschen am Kriegsende nie ein Thema gewesen. Was der Enkel an diesem Weihnachtstag aufschnappte, weckte seine Neugier: „Ich wollte wissen, was damals genau passiert ist – und wie es heute dort aussieht“, erinnert sich Dennis Hauser. Ohnehin stand der Schüler gerade vor der Themenfindung für seine Abschlussarbeit an der Kantonsschule. Es reifte der Entschluss: Er wollte mit seinem Großvater in die Heimat von einst fahren, mit ihm gemeinsam den Weg der Vertreibung noch einmal zumindest teilweise zurücklegen, und die ganze Geschichte schriftlich aufarbeiten.

Familienausflug in die Vergangenheit

Die Augen des 79-Jährigen strahlen, wenn er von der Reise mit dem Enkel berichtet: „Wir haben uns richtig viel Zeit genommen. Für mich war das wie eine Zeitreise in meine Kindheit.“ Schlegels Tochter – die Mutter von Dennis – half bei der Vorbereitung und stand als Fahrdienst bereit, wenn größere Distanzen zu überbrücken waren, oder Wege nicht so verliefen wie gedacht. Dennis' kleiner Bruder begleitete die Tour mit der Fotokamera. Ein Familienunternehmen in Sachen Vergangenheit. „Es war intensiv, spannend und anstrengend“, bilanziert der 19-Jährige Dennis. 60 Gesprächsstunden hat er in einer Woche des Unterwegsseins mit seinem Opa aufgezeichnet.



Aus der Auswertung der Gespräche und eigenen Tagebüchern hat er eine gleichermaßen anrührende wie informative Geschichte entwickelt. Er selbst nennt es einen „historischen Roman“, denn zuweilen modifizierte er den Gang der Geschichte leicht oder veränderte Namen. Dabei verwob er zwei Erzählstränge miteinander. Er beschreibt zum einen die Geschichte des damals elfjährigen Gerhard, der von den Tschechen aus seinem Zuhause verjagt wird. Es ist die Wahrnehmung eines Jungen, der die Tragweite des Erlebten nicht im ganzen Ausmaß erfasst. Begleitend beschreibt Dennis Hauser die Erinnerungsreise mit seinem Großvater als Ich-Erzähler. Entstanden ist dabei ein feinfühlig geschriebenes, eindrückliches Stück Geschichtsunterricht.

Dennis Hauser schafft einen historischen Roman

Für Gerhard Schlegel war es nicht der erste Kontakt mit der Heimat von einst. Schon 1968 war er dort und empfand das einst heimelige Dorf seiner Kindheit als trostlos und leer. „Hier möchte ich nicht mehr leben“, hatte er schon damals gedacht. Bei der jüngsten Visite verstärkte sich dieser Eindruck. Die beiden Zeitreisenden trafen auf einen nahezu ausgestorbenen tschechischen Ort in Grenznähe. Sie fanden das Geburtshaus des Großvaters und das Haus, in dem er in den ersten Lebensjahren aufwuchs. Sie gingen durch jede Gasse, schauten sich jedes Gebäude im ehemaligen Lindenau an. „Für mich war das wie ein Erinnerungsschub“, sagt Gerhard Schlegel. „Vor Ort kamen plötzlich Namen und Ereignisse zurück, die ich längst vergessen hatte.“

Seinem Enkel ist eindrücklich der Besuch auf dem einstigen, heute weitgehend zerstörten deutschen Friedhof von Lindenau in Erinnerung. Zufällig entdeckte er auf der verwahrlosten Fläche das Grab seiner Urgroßeltern Marie und Laurenz Schlegel. Er war einst Bürgermeister von Lindenau gewesen. Mit Taschentüchern begannen Opa und Enkel den Grabstein zu säubern und die Schrift wieder leserlich zu machen. „Das war ein komisches Gefühl. Hätte es die Vertreibung nicht gegeben, wäre ich heute vielleicht hier zu Hause, wer weiß“, sinniert Dennis Hauser.

Aus der Ferne sah er Dresden

So aber berichtet sein Text über den damals mehrere Wochen andauernden Weg des elfjährigen Gerhard nach Westen. Der Vater war irgendwo im Fronteinsatz. Mit Mutter, Oma und zwei jüngeren Geschwistern ging es in Richtung Dresden. Die Eindrücke aus dem durch mehrere Bombardierungswellen schwer zerstörten Elbflorenz und dem Leichengeruch über der ganzen Stadt hat Gerhard Schlegel nie vergessen.



Auch nicht, wie fasziniert er Wochen zuvor gewesen war, als er in seinem Heimatdorf beobachtete, wie eines Abends riesige Bombergeschwader der Alliierten über den Abendhimmel zogen. Und wie er dieses intensive nächtliche Leuchten sah. Dort, wo Dresden lag.

Die Familie Schlegel, glücklich über die baldige Rückkehr des schon beinahe totgeglaubten Vaters, blieb zunächst in Linz bei Dresden, siedelte dann nach Thüringen um. Seine Kenntnisse als Schreiner gab Vater Schlegel an seinen Sohn Gerhard weiter. Der flüchtete schließlich mit 18 Jahren nach West-Berlin. Er ließ die DDR und seine Familie hinter sich und zog an den Bodensee, wo eine Tante auf der Halbinsel Höri lebte. Nach einiger Zeit wechselte er nach Konstanz, wo er noch heute mit seiner Frau Hildegard lebt. 44 Jahre arbeitete er als Schreiner in der Schweiz. Seine Tochter heiratete über die Grenze nach Kreuzlingen. Enkel Dennis ist ein deutsch-schweizer Doppelstaatler.

Arbeit erhält Auszeichnung

Für seine Matura-Arbeit bekam er übrigens die Note 6, die Bestnote im eidgenössischen Schulsystem. Die „Stiftung für Jugendförderung im Thurgau“ zeichnete sein Werk aus. Das freut den Autor zu Recht. „Die Reise mit meiner Familie in die ehemalige Heimat meines Großvaters war für mich ein unvergessliches Erlebnis“, schreibt Hauser am Schluss seiner Arbeit. Er ist sich zugleich darüber bewusst, dass die Familiengeschichte, die er beschreibt, zwar dramatisch ist, aber eben nicht in der völligen Katastrophe endet – wie die von Millionen anderen Vertriebenen.