Nazi-Gold und herrenlose Vermögen in den Tresoren, abgewiesene Flüchtlinge an den Grenzen oder Schweizer Unternehmen, die Zwangsarbeiter einsetzten. Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg – das ist ein Kapitel mit vielen Facetten. Dass manche Schweizer vom Dritten Reich profitierten, ist von der Bergier-Kommission inzwischen historisch umfangreich aufgearbeitet. Dass es aber auch in der Schweiz Nazis gab, ja rund 1000 Schweizer Dienst taten in Hitlers Waffen-SS, wissen viele Menschen im Grenzgebiet – und zum Teil auch in der Schweiz selbst – bis heute nicht.

Versprechen für Aufschwung lockt auch im Thurgau zu den Nazis

Curt Schwizer war 1930 acht Jahre alt. Damals hörte er in seinem Heimatdorf Utzwil im Thurgau durchaus Gutes über Adolf Hitler. „Man hat die NSDAP begriffen als Möglichkeit für einen deutschen Aufschwung“, sagt der heute 92-Jährige. Den sehnte man auch im Thurgau herbei. Denn, wenn es dem großen Nachbarkanton, wie die Schweizer gerne sagen, nicht gut geht, hat es eben auch die kleine Eidgenossenschaft nicht leicht. Die Weltwirtschaftskrise machte keinen Bogen ums Alpenland. Die Arbeitslosigkeit war hoch und nicht anders als in Deutschland tobte ein recht aggressiver Lagerkampf zwischen Linken und Rechten.

„Auch mein bester Lehrer war nazifreundlich“, weiß Curt Schwizer noch. Er hatte Hitlers „Mein Kampf“ gelesen. Das Buch lag auch in Schweizer Läden umfangreich aus, ebenso wie NS-Zeitungen an den Kiosken. „Mein Lehrer teilte ganz offen Hitlers Ansicht, dass nur Lebenswertes in der Gesellschaft Platz habe“, so Schwizer. Ein Schulkamerad mit einem angeborenen Buckel habe es sehr schwer gehabt bei ihm. „Irgendwann wurde er aus unserer Klasse genommen.“

 Mit Hitlers Machtübernahme jubelten 1933 auch seine Anhänger jenseits der Grenze. Sie hatten sich in sogenannten Fronten zusammengeschlossen, deren Mitglieder sich etwa mit erhobener Hand und dem Ausruf „Harus“ begrüßten. Auch in Schwizers Heimatort Utzwil. Zunächst seien das Deutsche gewesen, die in der Schweiz arbeiteten, dann schlossen sich ihnen Schweizer an. Oft Arbeitslose oder Geringqualifizierte, die auf eine bessere Zukunft hofften. Die sogenannten „Fröntler“ waren eine kleine Minderheit in der Schweiz. Daran kann kein Zweifel sein. Doch insbesondere unter den Mitgliedern des „Bundes nationalsozialistischer Eidgenossen“, deren Abzeichen das Hakenkreuz war, gab es etliche Überläufer zur Waffen-SS.

„Über vieles wurde viel zu lange geschwiegen“

Curt Schwizer, der heute in einem Seniorenheim in Rorschach am Bodensee lebt, war nicht immer einverstanden mit der Zurückhaltung, in der sein Heimatland das Vergangene aufgearbeitet hat. „Über vieles wurde viel zu lange geschwiegen“, sagt er. Das Reden strengt den 92-Jährigen an, aber noch einmal Zeugnis abzulegen über diese Zeit der Verstrickungen bedeutet ihm viel.

Der studierte Volkswirtschaftler und Soziologe erarbeitete sich viele Hintergründe selbst und schrieb seine Erkenntnisse nieder in dem Büchlein „Die stumme Generation“. Durchaus nicht wenige Schweizer seien damals der Nazi-Propaganda erlegen, berichtet Schwizer. Und auch in seinem Heimatort Utzwil gab es den einen oder anderen Überläufer. „Sicher kann man sich heute fragen, ob diese Menschen eigentlich Täter oder Opfer waren“, sinniert der 92-Jährige. Die auch in die Schweiz dringende Propaganda rief schließlich grenzüberschreitend zum Kampf gegen den Bolschewismus.

Bis zu 1000 Schweizer bei der Waffen-SS

Heute gehen Historiker davon aus, dass bis zu 1000 Schweizer in Hitlers Waffen-SS Dienst taten. Würde man Auslandsschweizer und jene Schweizer mit einem zweiten Pass dazurechnen, erhöht sich die Zahl auf knapp 2000.

Jene, die illegal die Grenze ins Reich überquerten, waren meist sehr jung, zum Teil minderjährig. Eine Mischung aus Perspektivlosigkeit und falsch verstandenem Abenteurertum lockte junge Männer an, die nicht oder noch nicht Fuß gefasst hatten im Leben. Bei manchem spielte der Einfluss eines deutschen Elternteils eine Rolle. Immerhin knapp 50 SS-Leute mit Schweizer Pass errangen höhere Dienstgrade, nach dem sie zum Beispiel eine Junkerschule durchlaufen hatten.

Roman über Schweizer Überläufer

So wie Walter Grimm. Er ist die Hauptfigur eines Romans, den die Schweizerin Gerlinde Michel Ende vergangenen Jahres vorlegte (Frei Willig, edition 8). Die Figur selbst ist zwar fiktiv, aber die Autorin hat ihr Thema gründlich recherchiert. Und sie stellte fest, dass trotz offen zugänglichen Archiven viele Schweizer nicht wissen, dass Landsleute von ihnen bei der SS Dienst taten. Auch Michels Geschichte beginnt im Thurgau.

Walter Grimms Mutter ist Deutsche und glühende Hitler-Anhängerin. Der Sohn ist unzufrieden, weil er trotz guter Leistungen nicht die höhere Schule besuchen darf. Die Eltern sind zu arm. Wohl wissend dass seine Mutter stolz auf ihn sein würde, überquert er gemeinsam mit einem Freund heimlich die Grenze nach Deutschland. Er meldet sich zur Waffen-SS und bringt es dort bis zum Untersturmführer. Als die Front bröckelt, nutzt er seinen Schweizer Pass und schlägt sich bis zum Bodensee durch. Beim Grenzübertritt wird er festgenommen. Ein Militärgericht verurteilt ihn zu neun Monaten Haft. Danach beginnt die Zeit des Vertuschens.

Die Eidgenossen waren bei Weitem nicht die einzigen Nicht-Deutschen der NSDAP-Kampftruppe. 24 Nationen taten hier Dienst – ein Resultat von Hitlers ausdrücklicher Ermutigung „germanische Freiwillige“ anzuwerben. Die Schweiz pendelte in den finsteren Jahren zwischen Angst und Kooperation. Die Furcht vor einem deutschen Einmarsch begleitete auch den kleinen Curt Schwizer. Als er Ende der 30er-Jahre mit den Pfadfindern zu einem Pfingstcamp am Rhein aufbrach, war seine Mutter entsetzt, „weil doch jederzeit die Deutschen kommen können.“