Unter der Schneedecke zeichnen sich die Umrisse der einstigen Synagoge nur unscharf ab. Mitten in Gailingen am Hochrhein klafft bis heute eine Lücke, wo sich einst die jüdischen Bewohner des Ortes versammelten. Leo Schreiber kann sich noch gut erinnern an jene Zeit. „Ich war mit meinem Vater öfter hier. Er hat sich um das Elektrische in der Synagoge gekümmert“, erinnert er sich an seine Kindheit. Der 83-Jährige gehört zur letzten Generation, die noch davon erzählen kann, dass es in Gailingen einst ein lebendiges christlich-jüdisches Miteinander gab. „Wir hatten ein gutes Verhältnis zu den Juden im Ort. Sie waren natürlicher Teil der Gemeinde“, denkt er zurück.


Die Zeit, in der sogar die Mehrzahl der Bewohner jüdischen Glaubens war, lag in seiner Kindheit zwar schon etliche Jahrzehnte zurück. Aber die Juden spielten in den 20er- und Anfang der 30er-Jahre noch immer eine große Rolle im Ort. Die Gailinger Kinder gingen gemeinsam zur Schule. „Es gab kein gegenseitiges Abschotten“, sagt Schreiber, der aufgrund vielfältiger Aktivitäten im Ort heute Ehrenbürger der Gemeinde ist. Er kann noch erzählen vom Purim in Gailingen, der jüdischen Fastnacht. Auch nicht jüdische Bürger feierten hier herzlich gerne mit.

Zwei Stelen erinnern heute an die beim Novemberpogrom zerstörte Synagoge. „Man hat gehört, wie es kracht, und dann brannte es“, erinnert sich Schreiber an den Morgen des 10. November 1938. Neugierig rannte der Neunjährige zum Ort des Geschehens. Aus der Radolfzeller SS-Kaserne ausgerückte Trupps hatten Sprengsätze gezündet und drängten die Dorfjungen ruppig beiseite. Die örtliche Feuerwehr schützte anliegende Gebäude vor dem Übergreifen der Flammen. Jubler gab es in Gailingen kaum. „Wir waren schockiert“, sagt Schreiber.

Tagebücher erzählen vom unmöglich gemachten Leben

Wie sich in den Jahren zuvor die Situation der Juden im Ort Stück für Stück verschlechterte, hat er als Kind noch nicht aktiv wahrnehmen können. Davon erzählen im ehemaligen jüdischen Schulhaus gegenüber des Synagogenplatzes Tagebuchauszüge von Heinz Heilbronn. Als Zwölfjähriger hatte der jüdische Gailinger mit seinen Aufzeichnungen begonnen. Sie dokumentieren auf erschütternde Weise, wie Menschen jüdischen Glaubens das Leben schwer und schwerer und schließlich unmöglich gemacht wurde.

An Heinz Heilbronn, der neun Jahre vor ihm zur Welt kam, kann sich Leo Schreiber nicht mehr erinnern. An dessen Vater, den einzigen Arzt im Ort, jedoch sehr gut. „Er war ein sehr angesehener Mann“, weiß er noch und auch, dass er ihm einst eine Verletzung an der Hand nähte. Der Arzt wanderte schließlich verzweifelt über die Lage in seiner Heimat nach Kenia aus. Sein Sohn Heinz lebte später in der Schweiz, wo er 1970 starb.

Die Juden waren respektierte Mitbürger in Gailingen und oft auch wohlhabend. Sie besaßen die imposantesten Häuser im Ort. „Viele verdienten gut mit dem Handel über die Grenze“, so Schreiber. Ansonsten war Gailingen eher landwirtschaftlich geprägt. „Ein bisschen Neid gab es da zuweilen bei der Bauernjugend schon“, räumt er ein. Aber Hass? Nein. Schließlich habe der Ort zugleich profitiert von der Kaufkraft der Juden. „Im Elektrogeschäft meines Vaters zählten sie zu den besten Kunden“, denkt Leo Schreiber zurück. Schmunzelnd erinnert er sich an einen wohlhabenden Unternehmer mit Faible fürs Technische, der stets unbedingt das allerneueste Radiogerät zu Hause haben wollte.

„Gailinger haben Judenverfolgung als großes Unrecht empfunden“

Viele Bilder aus dieser Zeit hat der 83-Jährige noch im Kopf. Zum Beispiel jene von den großen Holzkisten, die immer öfter auf Lastwagen verladen wurden und das Eigentum emigrierender Juden enthielten. Als die Familie einer Mitschülerin gerade abfahren wollte, nutzte er noch schnell die Gelegenheit zum Abschiednehmen. Zur Mutter sagte er „Auf Wiedersehen“ und diese entgegnete „Wir kommen nicht mehr zurück“. Das habe ihn damals erschüttert, weiß er bis heute. „Das konnte ich mir gar nicht vorstellen.“

Traurige Bilder auch jene vom 22. Oktober 1940. Da wurden sogar die Gebrechlichen aus dem jüdischen Altenheim auf Lastwagen gepfercht und ins französische Gurs deportiert. „Es war ein deprimierender Anblick“, sagt Schreiber kopfschüttelnd. Auch daheim bei den Eltern war das Entsetzen riesengroß. „Die Gailinger Bevölkerung hat die Judenverfolgung als großes Unrecht empfunden“, da hat der 83-Jährige keinen Zweifel.

Gegenüber des verschneiten Synagogenplatzes zeigt sich das frühere jüdische Schulhaus in schönster Pracht. Im Obergeschoss, wo früher Rabbiner und Lehrer wohnten, ist heute die Erinnerung an ein Jahrhunderte währendes hitorisches Kapitel Gailingens Zuhause, das für immer verloren ist.