Franz Frank breitet das Fotoalbum vor sich aus. Seine Finger zittern leicht, als er über die Schwarz-Weiß-Bilder streicht. Immer neue Unterlagen und Schnipsel breitet der 82-Jährige auf der karierten Tischdecke auf seinem Wohnzimmertisch aus. Sie sind sein Leben. Diese Bilder, die seine Eltern zeigen, prachtvolle Häuser mit aufwändig gestalteten Fassaden, Stuck und allerlei Schnörkel, Kinder in kurzen Hosen. Es sind Bilder aus einer anderen Zeit. Als das Sudetenland deutsch und seine Heimat war und der Krieg noch nicht über Europa hinweggefegt war.

Zeitzeugen aus der Region blicken in ein dunkles Kapitel zurück

Auch Elmar Reisch aus Friedrichshafen hat solche Stapel, papierne Gefühle, Erinnerungen. Er erzählt von den Bombenangriffen auf seine Heimatstadt. Wie sie als Kinder mit Waffen hantiert haben und gedrillt wurden für einen Kampf, der nicht ihrer war. Schütteln möchte er all die Neonazis, die heute den starken Mann markieren und doch gar nichts wissen von der Brutalität, die ein Krieg über eine Gesellschaft stülpt. Die Vergangenheit treibt ihn um. Genauso wie die 93-jährige Margarethe Abele aus Radolfzell, deren Mann 1945 für vermisst erklärt wurde. Oder Hans Studinger, der in Schulen geht und dort nahebringen will, was Schulbücher nicht vermögen.


 

„Wir haben das 20. Jahrhundert verlassen, aber es hat uns nicht verlassen“, sagt die Konstanzer Professorin Aleida Assmann, die sich intensiv mit der Erinnerungsforschung beschäftigt. Doch der Blick auf die vom Alter gezeichneten Männer und Frauen macht deutlich: Irgendwann wird es wohl nur noch Ton- und Videoarchive geben, in denen Zeitzeugen ihre Stimme erheben können.

Diejenigen, die den Krieg maßgeblich mitprägten, sind längst gestorben. Zurückgeblieben sind die, die 1945 ihre Jugend erlebten – fast noch Kinder waren. Und denen sich das Erlebte doch ins Gedächtnis fraß wie Säure. Zu brutal war die Zeit zwischen Untergang und Neubeginn. Der Kampf gegen das Vergessen ist für viele Mitglieder der Kriegsgeneration eine Verpflichtung gegenüber den Toten und den Nachgeborenen. Es klingt ein „Nie wieder“ zwischen allen Zeilen. Aber es ist auch eine Form der Selbstheilung, und die ist nicht immer leicht.

Erinnerungen sollen der Aussöhnung dienen

Anton Jez zum Beispiel, einer der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Überlingen-Aufkirch, musste sich von dem Überlinger Berufsschullehrer und Historiker Oswald Burger regelrecht überzeugen lassen, sich seiner Erinnerung zu stellen. Ausgerechnet von Burger, Sohn eines Mitglieds der Waffen-SS, eines Kämpfers der Legion „Prinz Eugen“, die gegen die jugoslawischen Partisanen ins Feld gezogen war, Partisanen wie Jez. Als Oswald Burger das erste Mal in den Balkan reiste, um die Spur der Geschichte zu verfolgen, schlug ihm Misstrauen entgegen. „Die Männer haben ihre Erlebnisse lieber verdrängt“, sagt Burger.

Und ließ dem Vertrauen Zeit zum Wachsen. Mit Erfolg: „Meine Seele hat sich erholt, seit wir die Geschichte verarbeitet haben“, sagt der Slowene Jez heute. Auch er spricht vor Schülergruppen, stellt sich den Fragen von Studenten – und kommt regelmäßig an den Ort zurück, der sein Leben so maßgeblich geprägt hat. Um Freunde zu treffen – nicht um Feindschaften zu pflegen. Den meisten Alten ist eines gemein: Ihre Erinnerungen sollen der Aussöhnung dienen und nicht einer verspäteten Revanche genügen.

Auch Lisa Hayman, geborene Frank, will, dass in ihrer Heimatstadt Sigmaringen nicht vergessen wird, was ihrer Familie widerfuhr. Mit ihren 94 Jahren kam sie eigens aus Florida, um zu erleben, wie vor ihrem früheren Elternhaus Stolpersteine gesetzt wurden. Sie erinnern an die Geschichte einer jüdischen Familie, die in den 30er Jahren aus der Sigmaringer Gesellschaft herausgedrängt und bedroht wurde – und wohl nur durch ihr frühzeitiges Auswandern nach Amerika einem schlimmeren Schicksal entrann.

Gegen das Wegsehen, gegen das Vergessen

Die zunehmende Not jüdischer Mitbürger blieb den wenigsten Deutschen verborgen. Doch häufig hat ihr Erinnern etwas Distanziertes. Zeitzeugen, die wir danach befragten, erzählen von Schulkameraden, die verschwanden und jüdischen Geschäften, die geplündert wurden. In den Familien wurde darüber jedoch kaum gesprochen. „Die Bevölkerung tolerierte das“, sagt etwa Ingeborg Liebisch, die aus Brandenburg stammt und seit 50 Jahren am Bodensee lebt. Welche monströsen Züge das Verbrechen an den Juden annehmen würde, konnte sich ein Jugendlicher oder gar ein Kind jener Zeit gewiss nicht vorstellen.

„Wir waren so sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt“, blickt Margarethe Abele zurück. Sie denkt an die bange Hoffnung, mit Hitler dem durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Chaos der Weimarer Republik zu entkommen. Sie rückte bald in den Hintergrund und wurde ersetzt durch die aufkeimende Kriegsangst und schließlich durch die Sorge um den Bruder und den Ehemann an der Front.

Was wird passieren, wenn all dies nur noch aus den nüchternen Zeilen wissenschaftlicher Bücher spricht? Gespräche mit der Erlebnisgeneration machen Geschichte nachfühlbar. Nutzen wir die Zeit, die dafür noch bleibt.