Es sind nur alte Bilder, schwarz-weiß, mit Jahreszahlen wie 1916, Ortsnamen aus Frankreich, mit Männern, die in die Kamera blicken. Doch wenn Regina und Thomas Forberg von ihren Vorfahren erzählen, werden die Menschen auf den Fotos wieder lebendig, ihre Hoffnungen, ihr Leid, ihre kleinen Freuden – und dem Betrachter wird bewusst: Das waren Menschen wie du und ich, die aus Überlingen in den Ersten Weltkrieg zogen, der vor 100 Jahren begann – mit der spannenden Geschichte von Paul Hoch und Max Kohler.

Stolz steht er da mit dem Gewehr in der Hand und der Pickelhaube auf dem Kopf. So hängt das gerahmte Bild von Paul Hoch im Wohnzimmer von Familie Forberg. Paul stammt aus einer alten Überlinger Familie. Sein Vater Hermann war Stadtgärtner und hat Überlingens Stadtgarten angelegt. Paul erblickte als zweites von neun Kindern 1895 in Überlingen das Licht der Welt. 1910 ging er bei der Firma Gebrüder Mezger in die Lehre als Maler und Vergolder. Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich freiwillig. Am 20. Dezember 1914 kam er als Soldat bei der Ersten Kompanie, Reserve-Infanterie-Regiment 109 zum Einsatz an der Somme in Nordfrankreich. Aus dieser Zeit datiert ein Brief seiner Schwester, in dem sie schreibt: Sie freue sich, dass er sich freiwillig gemeldet habe. „Wer hätte letztes Jahr gedacht, dass Du dieses Jahr am Fest im Feld bist. Wir wollen Weihnachten nachfeiern, wenn Du zurückkommst und Deutschland gesiegt hat. Dann trinken wir einen Sekt.“ Dazu schickt sie ihm ein Stück Schokolade und wünscht ihm alles Gute. Dass er beim „Herr Leutnant“ zur Kaffeevisite gewesen sei, freue sie, denn dann habe er einen schönen Tag gehabt.

„Den Sekt haben sie wohl nie getrunken“, sagt Regina Forberg und betrachtet die Zeichnungen, die Paul im Krieg gemalt hat. Es sind beeindruckende Zeichnungen von schlafenden Kameraden im Schützengraben, von Arbeiten an Unterständen. Auch witzige Rätselbilder sind darunter. Ein Jammer, welches künstlerische Talent – wie so viele – in diesem Krieg unterging. Vom 23. bis 25. Dezember 1915 durfte Paul auf Heimaturlaub Weihnachten in Überlingen feiern. Weihnachten 1916 hat er nicht mehr erlebt. Er fiel bei Mametz in der Sommeschlacht.

Ein komisches Gefühl

Heute steht sein Name im Münster in Überlingen auf der Kriegertafel. „Das ist ein komisches Gefühl, wenn dort jemand steht, den man zwar nicht kennt, aber der zur Familie gehört“, sagt Regina Forberg. Denn Pauls Schwester heiratete später Max Kohler, den Großvater von Regina Forberg. „Paul und Max stammten zwar beide aus Überlingen hatten sich aber durch Zufall im Krieg in Frankreich kennengelernt“, erzählt Thomas Forberg. Max war auch derjenige, der das Foto von Paul geschossen habe. Denn er besaß einen Fotoapparat, damals eine große Seltenheit. Thomas Forberg hält ihn noch heute in Ehren. „Das ist toll, wenn man solche Erinnerungsstücke besitzt. Gerade aus der Anfangszeit des Kriegs hat Max unzensierte Fotos mit Beschriftung als Karten nach Hause geschickt. Wer hat das schon“, sagt er stolz.

Wer durch das Fotoalbum blättert, für den wird der Krieg plötzlich im Kopf nacherlebbar. Max wurde im Alter von 30 Jahren als Reservist eingezogen und überlebte mehrfach verwundet vier Jahre Schrecken und unmenschliches Leid. Seine Fotos zeigen Schützengräben, zerstörte Gebäude, Granattrichter, Soldaten und Tote. Auf einem Foto ist ein abgestürzter Aufklärungsflieger zu sehen: „Bei seinem ersten Flug wurde ein deutscher Beobachter von drei englischen Fliegern ins Feuer genommen. Der Tank explodierte und der Beobachter stürzte aus 150 Metern ab. Ich habe dem grausigen Schauspiel aus 130 Metern Entfernung zusehen müssen.“

An alte Geschichten aus dem Krieg von ihrem Opa kann sich Regine Forberg nicht erinnern. „Über so etwas wurde nicht gesprochen“, erzählt sie. Sie habe ihren Großvater nie fragen können, denn er starb 1961 vor seinem Gewächshaus, da war sie erst ein Jahr alt. „Früher hatten viele für solche alten Bilder kein Interesse, die wurden einfach weggeworfen“, erinnert sich ihr Mann. Gemeinsam haben beide anhand des Soldbuchs die Einsätze des Großvaters nachvollzogen und die Originalschauplätze in Frankreich besucht. „Das war tief beeindruckend. Die Spuren der Schlachten sind heute noch zu erkennen. Was hat mein Großvater damals nur erlebt und empfunden?“, fragt sich die Überlingerin und betrachtet die Fotos, bis sie das Album zuschlägt und wieder in den Schrank räumt. Alles unter den Augen von Paul Hoch, der fröhlich von seinem Bild in den Raum blickt, als spürte er, dass er nicht vergessen ist.