In den Schulbüchern steht es so, und auch in diesen Wochen wird es immer wieder nachgebetet: Im August 1914 stürzte das Deutsche Kaiserreich in einen kollektiven Rausch, die Kriegsbegeisterung tobte auf jedem Marktplatz und in jeder Kneipe. Dass sich diese überholte Ansicht zäh hält, hat mehrere Gründe. Die in die Luft geworfenen Hüte nach der Ansprache von Kaiser Wilhelm II. im Berliner Lustgarten und die Menschenaufläufe in den Großstädten zeichneten das Bild einer vermeintlich ungetrübten Massen-Euphorie. Die langen Warteschlangen der Kriegsfreiwilligen vor den Meldestellen und hunderte hurrapatriotischer Stegreif-Gedichte vieler Schriftsteller und Winkelpoeten vervollständigten den Eindruck vom großen Kriegstaumel.

Die Wirklichkeit war dagegen vielschichtig, widersprüchlich und regional verschieden. Man vertraute der Stärke der deutschen Armee und bildete gleichzeitig – auch in Südbaden – Bürgerwehren. Sie sollten eingesickerte „Spione“ und „Saboteure“ stellen. Es kam zu Hamsterkäufen und zum Leerräumen von Konten, obwohl die Zeitungen Zuversicht nährten und die ersten kleinen „Waffenerfolge“ deutscher Soldaten meldeten. Man predigte keinen Angriffskrieg, sondern verstand Mobilmachung und Kriegserklärung als gerechte „Notwehr“ gegen Russland und Frankreich, die Deutschland in die Zange genommen hatten.

Die Eskalation wurde allenfalls in dem Sinne begrüßt, dass die Zeit der „furchtbaren Ungewissheit“ einer „wohltuenden Klarheit“ gewichen sei, wie die „Konstanzer Zeitung“ am 3. August 1914 schrieb. Aber der Übermut der zu Propagandazwecken auf Waggons gepinselten „Spazierfahrt nach Paris“ fehlt: „Jeder kennt den Ernst zu genau, und neben aller Begeisterung steht Schmerz und Trauer in engster Nachbarschaft.“ Das Fazit des Freiburger Historiker Jörn Leonhard: „Es kann gar keine Rede davon sein, dass sich alle Deutschen für diesen Krieg begeistert haben.“

 

Was wird aus Ernte und Vieh? Warum die Leute auf dem Land vom Krieg wenig wissen wollten

Der Freiburger Professor und Historiker Jörn Leonhard beantwortet exklusiv für diese SÜDKURIER-Serie Fragen zum Ersten Weltkrieg.
Der Freiburger Professor und Historiker Jörn Leonhard beantwortet exklusiv für diese SÜDKURIER-Serie Fragen zum Ersten Weltkrieg.

 

1Wie kam die Nachricht von Krieg und Mobilmachung zu den Menschen? Sie verbreitete sich auf mehreren Wegen. In den Haupt- und Residenzstädten, später auch in den kleineren Städten, gaben die Zeitungen Extrablätter heraus. Dazu kam die große Dichte an Telegrafen-Stationen in vielen Teilen Deutschlands, über die Nachrichten übermittelt wurden. Auf dem Land nutzte man das ganz traditionelle Mittel des Glockenläutens, um den Menschen zu sagen: Kommt auf dem Dorfplatz zusammen, es gibt wichtige Neuigkeiten.

2Wie wussten die Männer, wie sie Anschluss an die Truppe finden konnten? Für die Männer, die Wehrdienst geleistet hatten und die Reservisten gab es genaue Angaben darüber, was sie im Mobilmachungsfall zu tun hatten. Jeder wusste, wo er sich in welcher Kaserne bei zu melden hat. Die Schlangen von Kriegsfreiwilligen, die sich etwa direkt von der Abiturklasse oder vom Hörsaal zu den Rekrutierungsstellen begaben, waren eher ein Phänomen in den Großstädten. Die Bauern auf dem Land standen im August vor dem Problem, die Ernte einbringen zu müssen. Daher meldeten sich von ihnen zunächst nur wenige freiwillig, und die Einziehung von Reservisten beunruhigte viele Bauernfamilien sehr – von einer allgemeinen Kriegseuphorie konnte daher keine Rede sein.

3Warum konnte die Mobilmachung wie ein Uhrwerk ablaufen? Die Pläne für die Mobilmachung waren zum Teil schon Jahre vorher entwickelt und immer mehr verfeinert worden. Man hatte genau ausgerechnet, wie viel Soldaten, Munition und Verpflegung man zur Umsetzung des Schlieffen-Plans gegen Frankreich wo brauchen würde. Das Ganze wurde in engen Zeitfenstern geplant, um den Transport von Hunderttausenden von Soldaten und Ausrüstungen innerhalb kurzer Zeit zu bewältigen. In den Zeitungen wurde daher ein erster Mobilisierungs-Tag festgelegt, zu dem die Rekruten in den Kasernen sein mussten. Und mit diesem Tag wurden die Aufmarschpläne in Gang gesetzt. Ohne diese Eisenbahn-Logistik hätte es diesen massiven Aufmarsch im Westen nicht gegeben.

4Wie stand es mit der allgemeinen Kriegsbegeisterung im Reich? Flächendeckenden Enthusiasmus gab es nicht. Die Begeisterung konzentrierte sich auf die größeren Städte und dort vor allem auf die bürgerlichen Wohnquartiere und die städtischen Zentren, die großen Plätze und Residenzen. Aber in den Kleinstädten und auf dem Land waren die Menschen viel zurückhaltender. Das galt auch für die Arbeiterquartiere der Großstädte, von wo bis in die letzten Julitage immer wieder Friedenskundgebungen ausgegangen waren. Die Bauern fragten sich: Was passiert mit der Ernte, was mit dem Vieh? Wie lange wird der Krieg dauern?

6Wie reagierten die Menschen auf diese Unsicherheit? Auch hier zeigte sich kein flächendeckender Patriotismus. Viele fingen an, Lebensmittel zu horten oder sie räumten ihre Bankkonten leer. Das deutet auf ein weit verbreitetes Gefühl von Angst und Unsicherheit hin. Es kann also gar keine Rede davon sein, dass sich alle Deutschen für diesen Krieg begeistert haben.

7Hatten die Südbadener wegen der Nähe zu Frankreich ein anderes Verhältnis zum Krieg? Ja, und zwar vor allem wegen des nahen Reichslands Elsass-Lothringen, das seit 1871 zum Deutschen Reich gehörte. Hier regierte auf der Seite der deutschen Militärbehörden bald das Mißtrauen, wie sich die französisch-stämmigen Elsässer und Lothringer verhalten und ob sie loyal und zuverlässig sein würden. Zudem kam es zu einer regelrechten Spionagehysterie am Oberrhein und an den Grenzen zu Frankreich und der Schweiz. Grund war: Es gab zu wenig handfeste Nachrichten, aber einen enormen Erwartungsdruck. An die Stelle belastbarer Nachrichten traten immer mehr Gerüchte. Ein Beispiel waren Gerüchte von Trupps französischer Soldaten, die längst ins Reich eingedrungen seien, um im Hinterland Sabotage-Anschläge zu verüben. Solche Gerüchte verstärkten die Herrschaft des Verdachts: Wer nicht als zuverlässiger Deutscher galt, konnte schnell als Spion verdächtigt werden. Das war im Grenzland am Oberrhein besonders stark ausgeprägt. (mic)

 

Buchtipp: Neu erschienen ist der Band von Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, Beck-Verlag, 1157 Seiten, 62 Bilder, 14 Karten, 38 Euro, als E-Book 31,99 Euro.