„Vom Krieg hat er nie erzählt“, erinnert sich Uwe Achilles an seinen Großvater: Eduard Anders, der mit 17 Jahren freiwillig in den Krieg zog – in den ersten der beiden Weltkriege. Doch bevor der gelernte Kaufmann tatsächlich an die Front kam, musste er zunächst das Kriegshandwerk erlernen. Das heißt in seinem Fall: das Absetzen und Empfangen von Funksprüchen, natürlich auch das Schießen. Und zumindest vom Reiten gibt es ein Dokument. Eine leicht vergilbte Fotografie zeigt Eduard Anders hoch zu Pferd in voller Montur.

Dieses Bild habe in der Wohnung seines Großvaters gehangen, erklärt Uwe Achilles. Sonst bezeugte nichts die soldatische Phase, die sein Ahne von Mai 1915 bis zum Ende des Weltkriegs durchlebt habe. „Ich bin auch nie auf die Idee gekommen, ihn irgendetwas von den Feldzügen zu fragen“, erklärt Achilles. Weder von den Einsätzen in Ostpreußen, noch in Russland, noch von denen in Rumänien oder zuletzt in der französischen Champagne habe er etwas erfahren. Uwe Achilles wusste nicht einmal, dass sein Großvater überhaupt dort gewesen war.

Das erfuhr er erst nach dem Tod von Eduard Anders. Achilles erinnert sich dass ihm sein Vater ein altes Fotoalbum sowie ein Bündel mit Schwarzweiß-Aufnahmen, in Zeitungspapier eingeschlagen, überreicht habe, zudem eine kleine blaue Tüte mit dem Eisernen Kreuz und einige wenige andere Requisiten aus des Großvaters Militärzeit.

„Heute hätte ich ihn so viel zu fragen“, sagt Achilles. „Warum hast du diesen gefallenen Rumänen fotografiert – wer waren diese vier jungen Damen, die da so freundlich in die Kamera lächeln?“ Versonnen blickt Uwe Achilles auf die sorgsam eingeklebten Fotos in dem bunt eingeschlagenen Album, dessen freundlicher Umschlag so gar nicht zum bisweilen recht finsteren Inhalt zu passen scheint. Oder doch? Schließlich gibt es nicht nur Fotos von Soldaten in Uniform, von Waffen – was selten vorkommt – und – noch seltener – von den Schlachtfeldern an der Ostfront. Viel häufiger hat Eduard Anders den Truppenalltag festgehalten. Einige Feste, eine Zirkustruppe, die Gulaschkanone der Küchen-Soldaten, ein Konzert, aber auch Kriegsgräber und eine zerstörte Kirche irgendwo im Westen.

Der Großvater von Uwe Achilles hat die meisten der Fotografien in seinem Album selber aufgenommen. Nur wenige gehören zu jenen Feldpostkarten, die seit Beginn der Kampfhandlungen im August 1914 einen ungeahnten Aufschwung erfuhren. Förderte die Heeresleitung doch die Korrespondenz zwischen Front und Heimat bewusst, um die Beziehung zu den Familien zu unterstützen – und damit auch den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Feldpostkarten kursierten gratis. Wie es in einer Veröffentlichung des Deutschen Historischen Museums Berlin heißt, wurden im „rückwärtigen Heeresgebiet“ sogar provisorische Fotoateliers errichtet, damit sich auch die einfachen Dienstgrade angemessen darstellen konnten. Auch solche Motive tauchen in den beiden Alben auf, in denen Enkel Achilles die Kriegsbilder von Eduard Anders bewahrt.

Anders als viele andere Fotografen, die ihren privaten Fotoapparat mit an die Front nahmen, lichtete Eduard Anderss kaum Schreckensszenarien ab. Seine Schlachtfelder wirken leer. Gewiss, es gibt Leichen, die werden eher beiläufig ins Bild gerückt – gewissermaßen pietätvoll. Auch dies eine häufig zu beobachtende Gepflogenheit: Fotografiert werden stets die toten Gegner. Eigene Verluste erscheinen fast immer im geordneten Kontext eines Friedhofs oder einer Grabstätte.

Uwe Achilles irritiert, dass sein Großvater überhaupt Tote abgelichtet hat. Das scheint ihm kaum zu jener Herzlichkeit und Anteilnahme zu passen, „mit der mir mein Opa immer begegnet ist.“ Heute würde er Eduard Anders auch dazu gern befragen. Sich erklären lassen, ob die Fronterlebnisse den jungen Mann verändert, geprägt haben. Und es klingt traurig, wenn Achilles bedauert, seinen Großvater nie zum Krieg befragt zu haben. Die Fotos zeigen den Truppenalltag. Das innere Erleben können sie nicht widerspiegeln.