Petra Steidle stolziert mit kontrollierendem Blick und militärisch aufgerichtet durch ihr Klassenzimmer an der Gaienhofener Hermann-Hesse-Schule. Streng überwacht sie, ob die Schüler der Klasse 8b, die kerzengerade auf ihren Stühlen sitzen, genügend Disziplin an den Tag legen und stellt Fragen, die militärisch knapp beantwortet werden müssen. Das ist natürlich keine alltägliche Unterrichtsszene an der Werkrealschule in Gaienhofen, sondern Teil einer Einheit über den Ersten Weltkrieg. Petra Steidle will, dass die Schüler am eigenen Leib erfahren, wie Erziehung vor etwa 100 Jahren abgelaufen sein könnte, einen kleinen Eindruck vom Leben in der militarisierten Gesellschaft der Zeit um den Ersten Weltkrieg vermitteln. „Es ist ganz schön anstrengend, den ganzen Morgen aufrecht zu sitzen“, sagt Maximilian Auer dazu.

Steidle will den Ersten Weltkrieg und seine Zeit für ihre Schüler plastisch machen und dabei hilft ihr das Sonderheft unter dem Titel „1914-1918. So war das bei uns“, das beim SÜDKURIER erschienen ist. Es beruht auf Geschichten und vor allem Fotos, die über 150 Leser an die Redaktion weitergegeben haben. Die ausdrucksstarken Fotos sind es denn auch, die für die Schüler in Gaienhofen die Geschichte besonders lebendig machen. Sie zeigen zum Beispiel, welche Ausmaße ein Kampfzeppelin hatte, was Jan Soltys besonders interessierte.

Die Fülle an anschaulichen und authentischen Bildern, die noch dazu einen Bezug zur eigenen Region haben, sei auch ein entscheidender Vorzug des Sonderhefts im Vergleich zum Schulbuch, sagt Lehrerin Petra Steidle. „Wie der Krieg aussah, wird in dem Heft deutlicher als im Buch, wo das nur in Texten erklärt ist“, sagt Schüler Robin Bretzke dazu. Die Anschaulichkeit des Sonderhefts wissen auch die Schüler des Geschichte-Leistungskurses am Friedrich-Hecker-Gymnasium in Radolfzell zu schätzen. Sie haben zwar noch nicht im Unterricht mit dem Heft gearbeitet, das ihr Lehrer Jochen Bedenk für die Schule gekauft hat, sie haben aber vorab hereingeschaut. „Durch die Fotos werden lokale Zusammenhänge klar“, sagt etwa Alexander Lübben. Die Fotos gäben gute Einblicke, wie das Leben in dieser Zeit war, meint auch Nicole Ehnert, das werde im Unterricht nur selten behandelt.

Die Gaienhofener Lehrerin Steidle hebt während des Besuchs im Unterricht hervor, dass die Schüler durch das Sonderheft erfahren haben, was der Krieg für die Menschen in ihrer Heimatregion bedeutete. Manche ihrer Schüler hat das dazu angeregt, auch in der eigenen Familie nachzuforschen. Besonders weit sei sie aber nicht gekommen, sagt etwa Samea Onken: „Die Erinnerung geht eher zum Zweiten Weltkrieg zurück“, erzählt sie. Michelle Schneble hat immerhin erfahren, dass ihr Urgroßvater im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Von einer konkreten Spurensuche im eigenen Umfeld versprechen sich auch die Radolfzeller Leistungskurs-Schüler wenig: „Der Zweite Weltkrieg ist hier eher präsent“, sagt etwa Alexander Lübben. Doch sie sehen den Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt. Jannick Seide: „Da werden häufig Szenen aus dem ganz normalen Leben abgebildet und der Vergleich mit heute zeigt sehr deutlich, wie anders die Zeit damals war.“

So anders, dass sich Schüler von heute nicht mehr vorstellen können, dass in Mitteleuropa ein ähnlicher Krieg nochmals ausbrechen könnte. Das meint zumindest Fine Skirde, die in die Hermann-Hesse-Schule geht. Für die Gaienhofener Schüler war es umso erschreckender, dass sich vor etwa 100 Jahren sogar 15-Jährige – also Menschen etwa in ihrem Alter – für den Fronteinsatz meldeten, freilich ohne genau zu wissen, was sie dort erwarten würde.

Was kann man heute noch aus einem Krieg lernen, der vor fast 100 Jahren zu Ende gegangen ist? Joel Jurenka, Hecker-Gymnasium Radolfzell: „Man muss sich erst einmal in die Position des anderen hineindenken und die Gründe für dessen Handeln verstehen, statt aus reiner Meinung heraus etwas zu verurteilen.“ Also: Erst kommunizieren, dann handeln. Sein Geschichtslehrer Jochen Bedenk sagt dazu: „Gerade die Ukraine-Krise zeigt, dass globale Probleme von damals auch heute noch nicht gelöst sind.“ Und: „Große weltpolitische Ereignisse haben immer auch eine direkte Auswirkung auf das Leben vor Ort.“

 

Hintergrund: Das Sonderheft

Das 50-seitige Sonderheft „1914 – 1918. So war das bei uns“ wurde inzwischen über 2300 Mal verkauft. 400 Exemplare gingen an elf Schulen im ganzen Verbreitungsgebiet des SÜDKURIER, die es im Unterricht der höheren Klassenstufen benutzen. Das Sonderheft aus der Buchreihe edition SÜDKURIER ist in allen Service-Centern des SÜDKURIER erhältlich. Es kostet 9,90 Euro, Abonnenten bezahlen 7,90 Euro. Das Heft kann auch im Internet bestellt werden unter www.shop.suedkurier.de und telefonisch unter (08 00) 999 68 88 (gebührenfrei montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr). Die zusätzliche Versandgebühr beträgt 4,95 Euro, für Abonnenten ist der Versand kostenlos. (eph)