Als ob die Zeiten nicht schon hart genug waren. Für den kleinen Uhrenfabrikanten Hermann Schwer in Triberg kam es kurz vor Kriegsausbruch knüppelhart: Ein Feuer vernichtete Fabrik, Maschinen und Anlagen. Und anstatt von der Versicherung Geld reinholen zu können, musste Schwer auch noch in den Krieg ziehen. Dümmer hätte es nicht laufen können für ihn und seine 20 Mitarbeiter.

Hermann Schwer (1877-1936): Der Chef der "Schwarzwälder Apparatebauanstalt" (später: Saba) hatte im August 1914 Pech: Erst brannte seine Fabrik ab, dann musste er als Soldat in den Krieg, obwohl er mit 37 nicht mehr der Jüngste war.
Hermann Schwer (1877-1936): Der Chef der "Schwarzwälder Apparatebauanstalt" (später: Saba) hatte im August 1914 Pech: Erst brannte seine Fabrik ab, dann musste er als Soldat in den Krieg, obwohl er mit 37 nicht mehr der Jüngste war. | Bild: SABA. Bilanz einer Aufgabe

Nicht nur die Versicherung kam Schwer quer, und er musste drei Jahre lange seinem Geld nachlaufen. Auch die Behörden machten Ärger.

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Eine Genehmigung für den Wiederaufbau gab es nur, wenn die Firma – wie viele Metallbetriebe der Region – in die Produktion von Teilen für Granaten einstieg. Dafür durfte Schwer seine Uniform wieder ausziehen.

Entmachtete Unternehmer

Die Wirtschaft im Ersten Weltkrieg war gelenkt. Denn anders hätte man diesen jahrelangen Krieg mit seinem riesigen Bedarf an Material gar nicht führen können. Behörden sagten den Unternehmern, was zu produzieren war und wie viel. Das System wurde mit dem "Hindenburg-Programm" 1916 noch weiter zentralisiert.

Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847-1934) war seit 1916 Chef der Obersten Heeresleitung. Nach ihm wurde das Programm zur totalen wirtschaftlichen Mobilmachung für den Krieg benannt.
Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847-1934) war seit 1916 Chef der Obersten Heeresleitung. Nach ihm wurde das Programm zur totalen wirtschaftlichen Mobilmachung für den Krieg benannt. | Bild: dpa

Nachdem am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet war und das Deutsche Reich damit quasi kapituliert hatte, stornierten die Kriegswirtschaftsbehörden alle Aufträge. Hermann Schwer konnte wieder handeln. Zunächst verabschiedete er sich aus der Enge der Täler seiner Heimat Triberg und zog mit seiner "Schwarzwälder Apparatebauanstalt" nach Villingen um.

Die alte Waldmühle in Villingen im Jahr 1919. Hier fing Hermann Schwer mit seiner "Schwarzwälder Apparatebauanstalt" quasi nochmal von vorne an.
Die alte Waldmühle in Villingen im Jahr 1919. Hier fing Hermann Schwer mit seiner "Schwarzwälder Apparatebauanstalt" quasi nochmal von vorne an. | Bild: Stadtarchiv Villingen

Schwer kaufte ein altes Mühlen-Anwesen, das vor dem Krieg zu einem Ferien- und Landgasthaus umgebaut und dann als Lazarett genutzt worden war. "Zunächst musste er sich mit dem vorhandenen Provisorium und einigen ausgedienten Militärbaracken begnügen", erinnerte sich sein Enkel Hermann Brunner-Schwer (1929-1988), später Chef von Saba. Die Firma hielt sich mit dem Bau von Fahrradglocken, Briefwaagen, Rasierapparaten und anderen Metallwaren über Wasser.

Bei Saba in Villingen nach dem Ersten Weltkrieg: Mitarbeiterinnen schrauben Fahrradglocken zusammen. Die Nachfrage nach Rädern war groß.
Bei Saba in Villingen nach dem Ersten Weltkrieg: Mitarbeiterinnen schrauben Fahrradglocken zusammen. Die Nachfrage nach Rädern war groß. | Bild: Aus SABA. Bilanz einer Aufgabe, von Hermann Brunner-Schwer und Peter Zudeick, Elster Verlag

Doch Hermann Schwer stand das Wasser bis zum Hals. Gegen große Hersteller konnte sein Kleinbetrieb nicht bestehen, die Käufer blieben weg, die Banken sagten Nein zu Krediten. Schwer musste zwei Investoren ins Boot holen und machte 1922 einen neuen Geschäftszweig auf, der mit Schwachstrom zu tun hatte: Die Herstellung von Klingeltransformatoren und Magnetspannfuttern, die im Maschinen- und Werkzeugbau gebraucht werden.

Beengte Verhältnisse unter dem Dach: Mitarbeiter, darunter auch Frauen, unterziehen die Kondensatoren einer Funktionsprüfung. Aufnahem von 1924.
Beengte Verhältnisse unter dem Dach: Mitarbeiter, darunter auch Frauen, unterziehen die Kondensatoren einer Funktionsprüfung. Aufnahem von 1924. | Bild: Stadtarchiv Villingen

Aber so richtig zufrieden scheint Schwer nicht gewesen zu sein. Während einer Geschäftsreise nach Zürich macht er Bekanntschaft mit dem damals noch jungen Radio-Apparat. Das zündet, obwohl die Technik nach heutigen Maßstäben sehr primitiv war.

Auf der neuen Radio-Welle

Schwer stieg ein und profitierte von der wachsenden Radio-Begeisterung der Deutschen. Aufwändige Geräte gab es noch nicht. Gefragt waren daher simple Rundfunkempfänger, sogenannte Detekorenempfänger, bei denen man über Kopfhörer die Sendungen verfolgte. Schwers SABA lieferte den Radio-Enthusiasten, was sie zum Zusammenbau brauchten.

Eine praktische Handreichung für die Selbstbastler von Radios: Eine SABA-Bauanleitung um 1924.
Eine praktische Handreichung für die Selbstbastler von Radios: Eine SABA-Bauanleitung um 1924. | Bild: SABA. Bilanz einer Aufgabe

Der Aufbau eines Rundfunk-Netzes in Deutschland ab 1924 brachte SABA weiteren Auftrieb. Denn die Zahl der Hörer wuchs. Allein in Berlin waren im Februar 1925 schon 292 000 Rundfunkteilnehmer gemeldet. Bald waren es im ganzen Land rund eine Million. Und als die technische Entwicklung das Röhrengerät zum Standard machte, stand SABA in den Startlöchern.

Musik von der Schellackplatte

Parallel dazu ging im Nachbarort St. Georgen der Fortschritt weiter. Bei Gebrüder Steidinger und Perpetuum war man auf Federlaufwerke für Grammophone spezialisiert. Die Grundversorgung mit Musik aus der Konserve war (noch) nicht das Radio, sondern die Schellackplatte.

Im Deutschen Phonomuseum in St. Georgen: Hier erwartet Besucher ein Spaziergang durch die Geschichte der Unterhaltungsindustrie. Im Bild Grammophone mit Schalltrichter, wie sie meist vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurden. Später fiel der Blech-Schalltrichter weg und man baute ihn aus Holz im Grammophon-Kasten direkt ein.
Im Deutschen Phonomuseum in St. Georgen: Hier erwartet Besucher ein Spaziergang durch die Geschichte der Unterhaltungsindustrie. Im Bild Grammophone mit Schalltrichter, wie sie meist vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurden. Später fiel der Blech-Schalltrichter weg und man baute ihn aus Holz im Grammophon-Kasten direkt ein. | Bild: Alexander Michel

Die Drehung an einer Kurbel am Grammophons spannte ein Federlaufwerk. Das musste die gespeicherte Kraft gleichmäßig an den Plattenteller weitergeben, damit die Musik nicht leiernd rüberkam. Das war aufwändiger als es auf den ersten Blick scheint. Jürgen Weisser vom Deutschen Phonomuseum in St. Georgen erklärt die Funktion:

Video: Michel, Alexander

Wenn mit der Kurbel die Feder im Laufwerk gespannt ist (Vorsicht! Nicht überdrehen, sonst reißt sie), hört sich die alte Schellackplatte ganz passabel an. Und alles ohne Strom!

Video: Michel, Alexander

Die Rille der Platte wird nicht wie bei einem modernen Plattenspieler von einem Saphir abgetastet, sondern von einer einfachen Stahlnadel. Die muss man nach zwei abgespielten Plattenseiten wechseln, denn die Nadel wird stumpf. Aber kein Problem: Grammophon-Nadeln werden wie vor 100 Jahren im Handel angeboten.

Getriebebauer am See denken neu

Im Gegensatz zu den Schwarzwälder Uhrenfabriken wurde die Zahnradfabrik (ZF) in Friedrichshafen erst im Krieg 1915 gegründet. Damals bildete sich am Bodensee – wie man heute sagen würde – ein militärisch-industrieller Komplex.

Da wird sofort klar, um was es geht: Werbeanzeige der Zahnradfabrik GmbH in Friedrichshafen 1917.
Da wird sofort klar, um was es geht: Werbeanzeige der Zahnradfabrik GmbH in Friedrichshafen 1917. | Bild: Archiv ZF

Bis es zur Auslieferung der ersten Getriebe für den Antrieb der anfänglich gefeierten Wunderwaffe, des Luftschiffs und speziell des Zeppelins, kam, dauerte es allerdings bis 1917. Da war bereits klar, dass die empfindlichen Luftschiffe keine Kriegswende erzwingen würden.

Das Luftschiff L30 (LZ 62) gehörte ab Juli 1916 zu den Super-Zeppelinen. Es wurde als Bomber und Aufklärer eingesetzt und besaß sechs Motoren. 1917 ausgemustert, wurdes es 1920 zerlegt und als Reparationsleistung an Belgien ausgeliefert. Dort wurde alles verschrottet.
Das Luftschiff L30 (LZ 62) gehörte ab Juli 1916 zu den Super-Zeppelinen. Es wurde als Bomber und Aufklärer eingesetzt und besaß sechs Motoren. 1917 ausgemustert, wurdes es 1920 zerlegt und als Reparationsleistung an Belgien ausgeliefert. Dort wurde alles verschrottet. | Bild: Fliegerhorst Ahlborn

Das lange Erproben der anspruchsvollen Zahnradtechnik bei ZF hätte die Firma fast die Anerkennung als kriegswichtigen Betrieb gekostet. Das hätte die Schließung bedeutet. Aber es gab einen Ausweg: Auch Flugzeuge, deren Bau im Ersten Weltkrieg enorme Ausmaße annahm, brauchten Getriebe. Bis Mitte 1918 war man soweit und konnte liefern. Abnehmer gab es genug. Bei der jungen Firma Dornier – die unter Leitung von Claude Dornier zum Zeppelin-Konzern gehörte – wurde in Lindau etwa der Aufklärer Cl 1 produziert.

Rumpf an Rumpf: Produktionslinie des Aufkärungsflugzeugs Dornier Cl 1 in Lindau am Bodensee während des Ersten Weltkriegs.
Rumpf an Rumpf: Produktionslinie des Aufkärungsflugzeugs Dornier Cl 1 in Lindau am Bodensee während des Ersten Weltkriegs. | Bild: Archiv Airbus

Auch die Firma Flugzeugbau Friedrichshafen, gegründet von Theodor Kober, war für Motoren auf Getriebe angewiesen.

Wurde auch am Bodensee gebaut: Der schittige Kampfeinsitzer des Herstellers Flugzeugbau Friedrichshafen.
Wurde auch am Bodensee gebaut: Der schittige Kampfeinsitzer des Herstellers Flugzeugbau Friedrichshafen. | Bild: Archiv Engelsing

Alle Rüstungsgeschäfte endeten am Bodensee wie im Schwarzwald Ende 1918 abrupt. Die Aufträge wurden storniert, Flugzeuge und Bauteile an die Kriegsgegner ausgeliefert oder zerstört. Die ZF sattelte 1919 um und entdeckte das Automobil, denn dessen rasante Fortentwicklung versprach gute Geschäfte. Schon 1920 zählte man 600 Beschäftigte und lieferte komplette Getriebe für die Industrie aus.

Verkaufsschlager aus dem Jahr 1919: Ein von ZF entwickeltes 3-Gang-Getriebe. Es zeichnete sich durch eine kompakte Bauform aus. Das war ein Markenzeichen vieler ZF-Entwicklungen und entsprach den Anforderungen des Aufschwungs im Autobau mit seinen wachsenden Stückzahlen – auch in Deutschland.
Verkaufsschlager aus dem Jahr 1919: Ein von ZF entwickeltes 3-Gang-Getriebe. Es zeichnete sich durch eine kompakte Bauform aus. Das war ein Markenzeichen vieler ZF-Entwicklungen und entsprach den Anforderungen des Aufschwungs im Autobau mit seinen wachsenden Stückzahlen – auch in Deutschland. | Bild: Archiv ZF

Auch Claude Dornier gehörte zu denen, die sich nicht entmutigen ließen. Er knüpfte an die Erfahrungen aus dem Krieg an und entwickelte 1919 ein kleines Wasserflugzeug, das im Herbst 1920 erprobt wurde.

Gehört dem Wasserflugzeug die Zukunft? Das jedenfalls glaubte Claude Dornier (1884-1969), hier mit Technikern, Piloten und dem "Delphin 1" im November 1920.
Gehört dem Wasserflugzeug die Zukunft? Das jedenfalls glaubte Claude Dornier (1884-1969), hier mit Technikern, Piloten und dem "Delphin 1" im November 1920. | Bild: Archiv Airbus

Zunächst konstruierte man in Seemoos. Da der im Juni 1919 unterschriebene Versailler Vertrag den Deutschen aber die Entwicklung von Militärflugzeugen und bald darauf sogar von allen Flugzeugmustern verbot, wich Dornier ins Schweizer Rorschach aus, später nach Marina di Pisa an der italienischen Mittelmeerküste. Dort wurde der später weltberühmt Dornier "Wal" entwickelt, mit dem etwa der Forscher Roald Amundsen als Erster über den Nordpol flog.

Der Dornier "Wal", mit dem 1924 von Pisa aus der Versuch unternommen wurde, nach Amerika zu fliegen. 500 Kilometer vor der US-Küste mussten die Piloten wegen Nebels auf dem Atlantik wassern.
Der Dornier "Wal", mit dem 1924 von Pisa aus der Versuch unternommen wurde, nach Amerika zu fliegen. 500 Kilometer vor der US-Küste mussten die Piloten wegen Nebels auf dem Atlantik wassern. | Bild: imago

Ein Nachbau des legendären Wasserflugzeugs steht heute im Dornier-Museum in Friedrichshafen. Wie die Zeppeline, die um die ganze Welt flogen und überall begeistert gefeiert wurden, war auch der "Wal" ein Botschafter des technisch-kulturellen Wiederaufstiegs Deutschlands in den Goldenen Zwanziger Jahren.

Bild: Dornier Museum