Für die meisten Deutschen ging dieser Krieg schockierend plötzlich zu Ende. Man glaubte den Sieg zum Greifen nahe. War nicht Russland 1917 niedergerungen und zum Diktatfrieden von Brest-Litowsk gezwungen worden? Deutsche Soldaten standen im Osten – vom Baltikum bis zum Kaukasus. Im Westen zog sich die Front noch immer vom Ärmelkanal durch Belgien und Frankreich bis zur Schweizer Grenze. Was die Menschen daheim nicht wussten: Nach der gescheiterten Frühjahrs-Offensive 1918 war das Heer im Westen abgekämpft und am Ende.

Für sie ist der Krieg vorbei: Eine Gruppe deutscher Soldaten, die während der großen Offensive im April 1918 an der Westfront in Frankreich in britische Kriegsgefangenschaft gerieten.
Für sie ist der Krieg vorbei: Eine Gruppe deutscher Soldaten, die während der großen Offensive im April 1918 an der Westfront in Frankreich in britische Kriegsgefangenschaft gerieten. | Bild: dpa

Die Armee hielt an der "Siegfriedlinie" den Alliierten zwar noch stand. Aber wie lange noch? Engländer und Franzosen stießen mit immer mehr Panzern gegen die deutschen Linien, die Amerikaner hatten bereits fast zwei Millionen Soldaten nach Frankreich gebracht, auf dem Balkan lag der Verbündete Bulgarien am Boden, Österreich-Ungarn stand kurz vor dem Kollaps.

Offenbarungseid der Generäle

Angesichts der desaströsen Lage musste die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff Farbe bekennen. Der Krieg war verloren – auch wenn die Front noch hielt.

Kaiser Wilhelm II. (Mitte) und seine Generäle der Obersten Heeresleitung (OHL). Links Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, rechts General Erich Ludendorff über einer Landkarte.
Kaiser Wilhelm II. (Mitte) und seine Generäle der Obersten Heeresleitung (OHL). Links Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, rechts General Erich Ludendorff über einer Landkarte. | Bild: dpa

Aber die Generäle überkam Panik. Sie befüchteten den alliierten Durchbruch durch die Front mit einem Vormarsch auf Deutschland. Am 29. September 1918 forderte Erich Ludendorff daher die Reichsregierung auf, unverzüglich Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit dem US-Präsidenten Woodrow Wilson zu beginnen.

Thomas Woodrow Wilson, von 1913 bis 1921 Präsident der USA. Auf ihm ruhten die deutschen Hoffnungen auf einen milden "Wilson"-Frieden.
Thomas Woodrow Wilson, von 1913 bis 1921 Präsident der USA. Auf ihm ruhten die deutschen Hoffnungen auf einen milden "Wilson"-Frieden. | Bild: dpa

Warum wollte man sich nicht an Franzosen und Briten wenden? Weil Wilson im Januar 1918 eine viel beachtete Rede gehalten hatte, die darauf hoffen ließ, dass die USA als Garant eines für Deutschland milden Friedens auftreten würden.

Kolonien weiter bei Deutschland?

So hoffte man, die Kolonien behalten zu dürfen und das Reich relativ unversehrt – vielleicht sogar mit dem Kaiser an der Spitze – in den Frieden retten zu können. Daher bildete man die Regierung um und machte Prinz Max von Baden am 3. Oktober zum Reichskanzler. Er war nicht mehr dem Kaiser, sondern dem Parlament Rechenschaft schuldig.

Prinz Max von Baden (1867-1929) wurde am 3. Oktober 1918 Reichskanzler, bleib es aber nur bis zur Revolution am 9. November.
Prinz Max von Baden (1867-1929) wurde am 3. Oktober 1918 Reichskanzler, bleib es aber nur bis zur Revolution am 9. November. | Bild: SÜDKURIER Archiv

Aber es kam anders. Erst nach längeren Verhandlungen wurde am 11. November 1918 – in Deutschland war bereits Revolution – der Waffenstillstand unterzeichnet. Die deutsche Delegation unter dem Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger musste nach Nordfrankreich reisen, in den Wald von Compiègne.

Matthias Erzberger
Matthias Erzberger | Bild: Archiv

Dort, auf einer Lichtung, hatten die Franzosen einen Eisenbahn-Salonwagen abgestellt, wo die Unterschrift unter den Waffenstillstand ohne weitere Verhandlungen fällig war.

Postkarte vom kühlen Empfang der Deutschen durch alliierte Vertreter im Salonwagen von Compiégne. Links stehen mit runder Mütze der französische Marschall Georges Foch. Auf der rechten Seite Matthias Erzberger (links neben dem Offizier mit Pickelhaube).
Postkarte vom kühlen Empfang der Deutschen durch alliierte Vertreter im Salonwagen von Compiégne. Links stehen mit runder Mütze der französische Marschall Georges Foch. Auf der rechten Seite Matthias Erzberger (links neben dem Offizier mit Pickelhaube). | Bild: Stadtarchiv Radolfzell

Wie Historiker heute betonen, handelte es sich um nichts anderes als eine Kapitulation der Deutschen. Sehr gut zeigt dies eine französische Farbpostkarte vom Inneren des Waggons. "Deutschland hat kapituliert", heißt es dort auf einem Schild vorne links.

Hier der Waggon von Compiègne in einer Farbaufnahme. Genau hier ließ Adolf Hitler 1940 die französischen Generäle die Kapitulation Frankreichs unterzeichnen. Dann wurde der Waggon nach Berlin gebracht und ausgestellt. 1944 wurde er nach Thüringen gebracht und in den letzten Kriegstagen vermutlich von der SS zerstört. Der Unterbau wurde später in der DDR genutzt und 1986 verschrottet.
Hier der Waggon von Compiègne in einer Farbaufnahme. Genau hier ließ Adolf Hitler 1940 die französischen Generäle die Kapitulation Frankreichs unterzeichnen. Dann wurde der Waggon nach Berlin gebracht und ausgestellt. 1944 wurde er nach Thüringen gebracht und in den letzten Kriegstagen vermutlich von der SS zerstört. Der Unterbau wurde später in der DDR genutzt und 1986 verschrottet. | Bild: Archiv Engelsing

Der Waffenstillstand von Compiègne wurde zwischen 5 und 6 Uhr in der Frühe unterzeichnet und trat um 11 Uhr französischer Zeit in Kraft (12 Uhr deutscher Zeit). Er galt zunächst für 30 Tage, also bis zum 12. Dezember, und musste dreimal verlängert werden, bevor man im Juni 1919 in Versailles bei Paris den Friedensvertrag unterzeichnete.

Waffenruhe nach 52 Monaten Krieg

Bis kurz vor dem Inkrafttreten des Waffenstillstands wurde an der Front noch geschossen, dann herrschte nach 52 Monaten Krieg Ruhe. Das erlebte auch der Soldat Viktor Mezger (1895-1989) aus Überlingen und hielt den Waffenstillstand und was er für die Soldaten bedeutete, in Zeichnungen und Karikaturen fest.

Trauer um die Gefallenen. Zeichnung des Überlingers Viktor Mezger, der Soldat an der Westfront war.
Trauer um die Gefallenen. Zeichnung des Überlingers Viktor Mezger, der Soldat an der Westfront war. | Bild: Archiv Foto Lauterwasser

Für was war der Kamerad gefallen? Mit "dafür nun also!", zieht Mezger einen bitteren Schluss. Mehr als ein Grab in fremder Erde und ein Holzkreuz ist nicht geblieben. Im Ersten Weltkrieg sind rund zwei Millionen deutsche Soldaten gefallen. Insgesamt starben fast zehn Millionen Soldaten. Viele erhielten kein Einzelgrab, weil man Namen und Gebeine nicht mehr zuordnen konnte. Viktor Mezger kontrastierte die Zeichnung des Soldaten unterm Stahlhelm mit einem zweiten Motiv:

Und so begrüßte man hinter der Front den Waffenstillstand, wie es Viktor Mezger festhielt.
Und so begrüßte man hinter der Front den Waffenstillstand, wie es Viktor Mezger festhielt. | Bild: Archiv Foto Lauterwasser

Hinter der Front, in der sicheren Etappe, feiern zwei Offiziere den Waffenstillstand auf ihre Weise mit Wein und Sekt. Im Hintergrund hat Mezger einen Zivilisten gezeichnet – vermutlich eine Anspielung auf Unternehmer oder Schieber, denen der Krieg viel Geld in die Kassen gespült hat. Die Soldaten wussten, wer die Kriegsgewinnler waren. Eine Zeichnung zeigt, wie die politischen Veränderungen in der Heimat und die eintretende Revolution auf die Frontsoldaten gewirkt haben:

Drei Kopfbedeckungen sieht Zeichner Viktor Mezger im Lauf des Jahres 1918: den Stahlhelm bei der Offensive im April. Der Helm hat im September erheblich Beulen und verformt sich langsam zu einer Mütze, wie sie Arbeiter und Sozialisten im 19. Jahrhundert trugen. Danach wurde die Mütze zu einem Symbil linker Gesinnung. Die hat der Soldat dann im November 1918.
Drei Kopfbedeckungen sieht Zeichner Viktor Mezger im Lauf des Jahres 1918: den Stahlhelm bei der Offensive im April. Der Helm hat im September erheblich Beulen und verformt sich langsam zu einer Mütze, wie sie Arbeiter und Sozialisten im 19. Jahrhundert trugen. Danach wurde die Mütze zu einem Symbil linker Gesinnung. Die hat der Soldat dann im November 1918. | Bild: Archiv Foto Lauterwasser

Innerhalb weniger Wochen mussten die Deutschen die besetzten Gebiete in Nordfrankreich und Belgien räumen. Sie traten den geordneten Rückmarsch nach Deutschland und in die Heimat an. Die meisten Soldaten führten ihre persönlichen Waffen mit.

Sie sahen sich nicht als Verlierer: Mit der schwarz-weiß-roten Fahne des Kaiserreichs auf dem Weg in die Heimat. Soldaten von der Westfront überqueren den Rhein bei Koblenz. An der Spitze Offiziere und Unteroffiziere.
Sie sahen sich nicht als Verlierer: Mit der schwarz-weiß-roten Fahne des Kaiserreichs auf dem Weg in die Heimat. Soldaten von der Westfront überqueren den Rhein bei Koblenz. An der Spitze Offiziere und Unteroffiziere. | Bild: Bundesarchiv

Zuhause stand dann die Demobilmachung an. Aus Soldaten wurden wieder Zivilisten. Auch diesen Moment hielt Viktor Mezger in einer Zeichnung fest. Hinter einer spanischen Wand – gesprenkelt mit allen möglichen Kopfbedeckungen zwischen Krone, Zylinder und Stahlhelm – wirft ein Mann seine Uniformteile, Stiefel, Seitengewehr und Orden von sich, um wieder einen schicken Anzug mit Strohhut zu tragen. Vermutlich hat sich der Zeichner hier selbst festgehalten. Warum er beim Umziehen Damenschuhe trägt, hat er uns allerdings nicht verraten.

Vom Soldaten zum Zivilisten: Hinter der spanischen Wand wird aus dem Militär der Bürger im schicken Ausgehanzug.
Vom Soldaten zum Zivilisten: Hinter der spanischen Wand wird aus dem Militär der Bürger im schicken Ausgehanzug. | Bild: Archiv Foto Lauterwasser