Der Erste Weltkrieg wirkte als Motor der Emanzipation. So war es lange gängige Meinung. Sprachen die Fakten nicht für sich? Die Frauen hatten sich massenhaft in die "Heimatfront" eingereiht und dabei auch die Arbeit von Männern übernommen. Sie waren praktisch zu einem Eckpfeiler der Kriegswirtschaft geworden. Klar, dass die Einführung des Frauenwahlrechts da nur eine logische Folge sein konnte. Wer hart gearbeitet hatte, wurde nun durch Gleichstellung belohnt.

Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919: Frauen stehen in einer Schlange vor einem Wahllokal, vermutlich in Berlin.
Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919: Frauen stehen in einer Schlange vor einem Wahllokal, vermutlich in Berlin. | Bild: dpa

Heute sieht man die Sache anders. Zunächst: Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es in den aufstrebenden deutschen Industriestädten viele Arbeitsplätze für Frauen. Das wird am Textilbetrieb von Schiesser in Radolfzell anschaulich. Bei fast allen Produktionsschritten – vom Garnspinnen bis zur Verpackung der Waren waren Frauen maßgeblich beteiligt.

Kurz vor oder während des Ersten Weltkriegs bei Schiesser in Radolfzell. Frauen haben sich im Zuschneidesaal für das Foto aufgestellt.
Kurz vor oder während des Ersten Weltkriegs bei Schiesser in Radolfzell. Frauen haben sich im Zuschneidesaal für das Foto aufgestellt. | Bild: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Bestand Schiesser

Die Mechanisierung und vor allem die Entwicklung von kleinen handlichen Maschinen wie der Nähmaschine hatten dem Einsatz von Frauen in der Produktion Vorschub geleistet.

Bei der Schiesser AG: Frauen an Nähmaschinen beim Herstellung von Unterwäsche und Trikotagen.
Bei der Schiesser AG: Frauen an Nähmaschinen bei der Herstellung von Unterwäsche und Trikotagen. | Bild: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Bestand Schiesser

In modernen Fabrikhallen mit viel Tageslicht konnte eine dreistellige Zahl von Arbeiterinnen beschäftigt sein. Diese Beschäftigung galt damals als durchaus erstrebenswert und war – im Vergleich mit den Löhnen in der Landwirtschaft – gut bezahlt. Dennoch war die Arbeit mühevoll. Der verbindliche Achtstunden-Arbeitstag wurde in Deutschland erst im Lauf des Krieges 1916 eingeführt – und nach Kriegsende dann beibehalten.

In der Näherei von Schiesser. Rechts Zuschneidetische, links die Verarbeitung der Stoffe durch die Näherinnen. Die Maschinen konnten über Fußpedale betrieben werden.
In der Näherei von Schiesser. Rechts Zuschneidetische, links die Verarbeitung der Stoffe durch die Näherinnen. Die Maschinen konnten über Fußpedale betrieben werden. | Bild: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Bestand Schiesser

Auch in den Fabriken der Lebensmittelbranche waren seit der Jahrhundertwende tausende von Arbeitsplätzen für Frauen entstanden. Zu den Betrieben zählte Maggi in Singen, wo Gründer Julius Maggi 1887 ein Warenlager eingerichtet hatte, das dann zur Fabrik für Brühwürfel und (Maggi-)Würze ausgebaut wurde.

Frauen beim Kohlputzen

In der Produktion waren Frauen vor allem deshalb willkommen, weil die Arbeit von ungelernten Beschäftigten bewältigt werden konnte und keine besondere Körperkraft erforderte, wie es etwa in der Schwerindustrie der Fall war.

Arbeiterinnen mit weißen Kopftüchern stehen in der Kohlputzerei von Maggi in Singen. Vor ihnen liegt ein Berg an Kohlköpfen.
Arbeiterinnen mit weißen Kopftüchern stehen in der Kohlputzerei von Maggi in Singen. Vor ihnen liegt ein Berg an Kohlköpfen. | Bild: Unternehmensarchiv Maggi AG

Maschinen für die Reinigung von Flaschen und Glasbehältern gab es damals noch nicht. Deshalb war viel Handarbeit zu verrichten. Auch das machten bei Maggi Frauen.

Frauen in weißen Kitteln arbeiten in der Flaschenspülerei. Bei Maggi wurde viel Glas gebraucht, denn die Würze wurde in den klassischen Maggi-Fläschchen abgefüllt.
Frauen in weißen Kitteln arbeiten in der Flaschenspülerei. Bei Maggi wurde viel Glas gebraucht, denn die Würze wurde in den klassischen Maggi-Fläschchen abgefüllt. | Bild: Unternehmensarchiv Maggi AG

Im Lauf des Krieges wurden viele Maggi-Arbeiter als Soldaten einberufen. Deshalb war es notwendig, dass jetzt Frauen einen Teil ihrer Arbeit mit übernahmen. Dazu gehörte auch der Transport schwerer mit Mehl gefüllter Säcke.

Hier wartet schwere Arbeit: Frauen in der Sackverladung bei Maggi in Singen. Die Säcke enthalten Leguminose-Mehl (Mehl aus Hülsenfrüchten), die Basis für Suppen- und Brühwürfel.
Hier wartet schwere Arbeit: Frauen in der Sackverladung bei Maggi in Singen. Die Säcke enthalten Leguminose-Mehl (Mehl aus Hülsenfrüchten), die Basis für Suppen- und Brühwürfel. | Bild: Unternehmensarchiv Maggi AG

Frauenarbeit wurde im Ersten Weltkrieg also aufgewertet, weil es an Männern oft mangelte. Aber ein Umbruch war damit nicht verbunden. Der hatte schon vor dem Krieg stattgefunden. Studien haben gezeigt, dass der Anteil erwerbstätiger Frauen zwischen 1914 und 1918 zwar zunahm, der Anstieg jedoch geringer war als in den Vorkriegsjahren.

Frauen bauen Maschinen

Es kam aber zu Verschiebungen – und zwar durch einen enormen Anstieg weiblicher Arbeitskräfte im Maschinenbau und in der Rüstungsindustrie. So nahm die Zahl der Frauen in der Stockacher Fabrik des Landmaschinenherstellers Fahr deutlich zu.

Während des Ersten Weltkriegs sprangen viele Frauen für die Männer ein, die an der Front waren. Auch diese Arbeiterinnen der Firma Fahr in Stockach 1917.
Während des Ersten Weltkriegs sprangen viele Frauen für die Männer ein, die an der Front waren. Auch diese Arbeiterinnen der Firma Fahr in Stockach 1917. | Bild: Stadtarchiv Stockach

Auch bei der Motorenbau GmbH in Friedrichshafen (später Maybach Motorenbau) brauchte man Frauen als Ersatz für fehlende männliche Arbeitskräfte. 1917 gab es hier mehr als 500 weibliche Arbeitskräfte, die ein Viertel der Belegschaft stellten.

Frauen in der Anlernwerkstatt bei der damaligen Motorenbau GmbH in Friedrichshafen. Sie wurden angelernt und dann verschiedenen Abteilungen zugewiesen, in denen es an Männern fehlte.
Frauen in der Anlernwerkstatt bei der damaligen Motorenbau GmbH in Friedrichshafen. Sie wurden angelernt und dann verschiedenen Abteilungen zugewiesen, in denen es an Männern fehlte. | Bild: Archiv MTU

Viele Frauen hatten die Arbeit in den Rüstungsfabriken auch deshalb angenommen, weil sie besser bezahlt war. Die Löhne in der Lebensmittel-Industrie lagen niedriger, und Hausangestellte verdienten sowieso viel weniger. So war die Fabrikarbeit – auch wenn man mit gefährlichen Materialien umgehen musste und auch Unfälle vorkamen – eine attraktive Sache, zumal es Kantinen gab und eine betriebliche Sozialfürsorge.

Auf dem Land war es anders

Aber man darf diese Neu-Ausrichtung nicht zu hoch bewerten. Gerade in den ländlichen Gebieten war es kaum möglich, nicht berufstätige Frauen zu bewegen, ihr gewohntes Umfeld von Heim und Familie zu verlassen. Das wäre in einer von Landwirtschaft geprägten Gegend kaum möglich gewesen. Daher bleiben die Frauen dort, wo sie waren – auch in Oberschwaben und im Hegau.

Frauen mit zwei Männern bei der Hopfelese in Leimbach bei Markdorf. Das Foto entstand zwischen 1915 und 1920. Neben dem Korb ein Kleinkind.
Frauen mit zwei Männern bei der Hopfelese in Leimbach bei Markdorf. Das Foto entstand zwischen 1915 und 1920. Neben dem Korb ein Kleinkind. | Bild: Stadtarchiv Markdorf

Seltene Bilder dokumentieren den Alltag von damals. Fotografen waren noch mit schweren Kameras auf Dreibein-Stativ unterwegs und belichteten beschichtete Glasplatten. Deren Bildqualität ist auch 100 Jahre danach beeindruckend.

Mit vorwiegend weiblicher Kundschaft: Der Gemüsehändler Oskar Hardmeier aus Windegg verkaufte immer dienstags in der Stockacher Kaufhausstraße seine Ware.
Mit vorwiegend weiblicher Kundschaft: Der Gemüsehändler Oskar Hardmeier aus Windegg verkaufte immer dienstags in der Stockacher Kaufhausstraße seine Ware. | Bild: Stadtarchiv Stockach

Als der Krieg im November 1918 verloren war, hatten viele Industriearbeiterinnen das Nachsehen – nämlich jene, die die Jobs von Männern übernommen hatten. Sie mussten den Heimkehrern wieder Platz machen. Von Emanzipation konnte hier also keine Rede sein. Zeitungen wie die "Freie Stimme" in Radolfzell hatten zu veröffentlichen, wer gehen musste, so etwa "Frauen und Mädchen, die an solchen Stellen sind, die mit Männern besetzt werden können". So will es der Bürgermeister sowie der lokale Arbeiter- und Soldatenrat.

Verdienste für die "Heimatfront"

Auch wenn es Entlassungswellen gab – die Wertschätzung weiblicher Arbeit war durch den Krieg gefördert worden. Nicht nur in den Fabriken, sondern auch als Krankenschwestern und Truppenhelferinnen in der Etappe hatten Frauen wertvolle Dienste geleistet. In der Landwirtschaft hatten sie die Dinge am Laufen gehalten.

Frauen aus dem damals noch eigenständigen Schwaningen 1917. Auf dem Schild steht: "Erinnerung der Krieger in der Heimat 1914-1917". Die Frauen sahen sich also durchaus als "Kriegerinnen", wenn sie hinter dem Pflug standen, weil ihre Männer und Knechte an die Front mussten. Das Bild gab Lieselotte Müller, Stühlingen-Schwaningen, der Redaktion.
Frauen aus dem damals noch eigenständigen Schwaningen 1917. Auf dem Schild steht: "Erinnerung der Krieger in der Heimat 1914-1917". Die Frauen sahen sich also durchaus als "Kriegerinnen", wenn sie hinter dem Pflug standen, weil ihre Männer und Knechte an die Front mussten. Das Bild gab Lieselotte Müller, Stühlingen-Schwaningen, der Redaktion. | Bild: Archiv Südkurier

Die Anerkennung dafür sollte bleiben, und daher wurden die Frauen im Wahlkampf Ende 1918/Anfang 1919 auch besonders umworben.