„Das deutsche Volk hat heute nur einen Wunsch: Gott erhalte uns unsern Hindenburg noch recht lange in bester Gesundheit!“ Diese Schlagzeile zierte die Titelseite des „Stockacher Tagblatts“ am 2. Oktober 1917, als Paul von Hindenburg seinen 70. Geburtstag feierte. Der erste Weltkrieg befand sich in seinem dritten Jahr und Hindenburg stand seit 1916 als Feldmarschall an der Spitze des gesamten deutschen Heeres.

Vor allem die Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1914, in der die tief nach Ostpreußen vorgedrungenen Russen geschlagen und über die Grenze zurückgedrängt wurden, hatte einen nachgerade legendären Ruf des Heerführers im deutschen Volk begründet. Demzufolge wird im Stockacher Tagblatt auch in höchsten Tönen das hohe Lob des 70-Jährigen gesungen. „Fest und unerschütterlich wie Deutschlands Eichen“, heißt es unter anderem in der Zeitung, „steht unser ganzes Volk zu seinem Hindenburg und vertraut felsenfest dem Wort des großen Feldmarschalls, 'Die Zeit ist ernst, aber sicher der Sieg'“.

Wie ernst die Zeit ein Jahr vor der deutschen Weltkriegsniederlage war geht aus den Folgeseiten des Stockacher Tagblatts hervor, das Albrecht Roth aus Heudorf im Nachlass seiner Großmutter fand und dem SÜDKURIER freundlicherweise für dessen Weltkriegsserie zur Verfügung stellte. Auf der letzten Seite des nur vier Seiten umfassenden Stockacher Blättchens ist die Todesanzeige von Ernst Futterknecht aus Heudorf zu lesen.

Es handelt sich um den 1888 geborenen Großvater von Albrecht Roth. Gleich zu Kriegsbeginn war er zum Infanterie-Regiment 114 in Konstanz eingezogen worden, in dem die Soldaten aus dem Bodenseeraum zusammengefasst waren. Eine sehr gut gemachte Ausstellung im Kulturzentrum Konstanz (gegenüber vom Münster) unter dem Titel „Die Grenze im Krieg – der erste Weltkrieg am Bodensee“ erinnert übrigens an diese Einheit und ihre Soldaten sowie an die damalige Zeit am See.

Kaum an die Front gelangt, wurde Ernst Futterknecht so schwer verletzt, dass er an den Folgen dieser Verletzungen im Jahre 1917 verstarb. Vermutlich gehörte er zu einer Artillerie-Munitions-Kolonne der 8. Landwehrdivision, denn am 22. März 1915 schrieb ihm sein Schwager Johann Müller, der als Landsturmkanonier bei derselben Einheit diente, eine Feldpostkarte nach Heudorf, wo Futterknecht versuchte, seine Kriegsverletzungen auszukurieren. „Es freut mich, daß du meiner Frau öfters ein wenig aushilfst, wofür ich dir herzlich danke,“ schrieb Müller an Futterknecht, der vermutlich, soweit es seine angeschlagene Gesundheit erlaubte, ein wenig in der Landwirtschaft seines Schwagers aushalf. Die Familie Futterknecht hatte nicht nur selber Landwirtschaft, sondern Vater Leopold betrieb auch, wie sich Albrecht Roth im Gespräch mit dem SÜDKURIER erinnert, einen Kaufladen, eine Bäckerei sowie die Postagentur. Außerdem besaß er eines der ersten Fahrräder im Dorf.

Die Feldpostkarte von Johann Müller besitzt noch eine Besonderheit. Sie stellt eine neunköpfige Soldatengruppe dar, vermutlich inklusive Johann Müller, den Albrecht Roth allerdings nicht mehr identifizieren kann. „Indem sich bei unserer Kolonne ein Fotograf niedergelassen hat, will ich Dir auch eines schicken“, schreibt Johann Müller an seinen Schwager in Heudorf und meint damit offensichtlich das Foto der Soldaten.

Eine weitere Feldpostkarte, die Albrecht Roth im Nachlass seiner Großmutter fand, stammt vom 25. April 1917 und zeigt gleichfalls eine Gruppe von Soldaten. Diese befindet sich noch nicht an der Front, sondern bei der Ausbildung zum Gruppenführer auf dem Heuberg, wie einer Tafel zu Füßen der Soldaten zu entnehmen ist. „Mein lieber Freund Futterknecht“ schreibt da ein Karl Kraft, „mit herzliche Grüßen sende ich Dir unser Korporalschaftsbild“. Wenige Monate später war der Adressat Ernst Futterknecht, wie der Anzeige im Stockacher Tagblatt zu entnehmen ist, tot. Er hinterließ seine Ehefrau Katharina mit einem Sohn und zwei Töchtern.

 

Erinnerungen an Weltkrieg

Den Spuren, die der erste Weltkrieg im Stockacher Raum hinterlassen hat, geht der SÜDKURIER seit einigen Monaten in einer Artikelserie nach, deren Grundlage Unterlagen aus jener Zeit sind, die uns freundlicherweise von unseren Leserinnen und Lesern zur Verfügung gestellt werden. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, die sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, traf auch viele Familien im Stockacher Raum. Väter und Söhne fielen den grausamen Völkermorden zum Opfer, wie auch den vielen Kriegerdenkmälern zu entnehmen ist, die sich in allen Orten am Bodensee und im Hegau befinden. Der SÜDKURIER ist auch weiterhin an Erinnerungen aus dem ersten Weltkrieg interessiert, die sich eventuell im Nachlass von Vorfahren aus jener Zeit finden. In solchen Fällen bitte Kontakt mit Redaktionssekretärin Verena Bahr aufnehmen unter Tel. (0 77 71)93 02 68 40. Ein Mitarbeiter des SÜDKURIER wird sich dann melden. (ex)