Ein kleiner Schatz lagerte über Jahrzehnte bei der Familie des Radolfzeller Chirurgen Heinrich Schall: Über 700 Negative und Bilder aus dem Ersten Weltkrieg, die sein Vater Karl Schall gemacht hatte. „Die Fotoalben und Negative sind über die Jahre etwas in Vergessenheit geraten“, erzählt der 87-Jährige, den viele Radolfzeller aus seiner Zeit als Chef der Chirurgie am Krankenhaus kennen.

Im Rahmen der Digitalisierung des Liedl-Archivs erinnerte sich Schall, der auch Präsident des Fördervereins Museum und Stadtgeschichte ist, an die Bilder seines Vaters. Über die Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises, die auch schon das Liedl-Archiv digitalisiert hat, wurden die Schall-Bilder nun eingescannt und inventarisiert.

Fotos aus dem ersten Weltkrieg

Und dabei kam oftmals Erstaunliches zutage: „Es sind Details aufgetaucht, die wohl nicht einmal der Fotograf gesehen hat und die erst durch eine Vergrößerung sichtbar werden“, erzählt Thomas Wieland von der Beschäftigungsgesellschaft, der sich durch das Projekt zu einem Kenner des Ersten Weltkriegs entwickelt hat.

„Ich habe die Bilder komplett neu entdeckt – auch in ihrer Grausamkeit“, beschreibt Heinrich Schall seine Empfindungen. Als Kinder durften er und sein älterer Bruder die Bilder manchmal mit dem vielbeschäftigten Vater anschauen, eine schöne Erinnerung für Heinrich Schall. Viel geredet über seine Erfahrungen an der Front habe der Vater allerdings nicht.

Nun soll der Bilderschatz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Das war der Familie wichtig“, sagt Heinrich Schall. Die Originalbilder und die digitalisierten hat die Familie Schall dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart vermacht. Dort sei das Interesse groß gewesen, auch weil die Fotos eine Einheit über drei Kriegsjahre zeigen. Diese „Fundgrube“ steht nun also auch für Forschungszwecke zur Verfügung.

Jünger beschreibt in Roman Orte, an denen Karl Schall war

Spannend an den Bildern ist nämlich ein weiteres Detail: Das Regiment von Karl Schall, die 123. Grenadiere, wurden von Hannoveranern an der Westfront abgelöst. Unter den Hannoveranern: ein Soldat namens Ernst Jünger. In seinem Roman „In Stahlgewittern“ beschreibt Jünger Orte, an denen kurz zuvor Karl Schall war. Den Bahnhof von Guillemont zum Beispiel. Karl Schalls Bilder illustrieren also Jüngers Erlebnisse im Ersten Weltkrieg.

Einen Eindruck von den Bildern können Interessierte auch bei einem Vortrag am Freitag, 5. Dezember, 19.30 Uhr im Friedrich-Werber-Haus bekommen. Dort zeigen Heinrich Schall und Thomas Wieland eine Auswahl der Fotografien.
 

Die Bilder Karl Schalls im Vortrag

Der Fotograf: Karl Schall war kaum 17 Jahre alt, als er zu Jahresbeginn 1916 in das württembergische Grenadierregiment „König Karl“ Nr. 123 einrückte. An der Westfront erlebte er bis Kriegsende schwere Gefechte, er wurde viermal verwundet. Nach dem Krieg studierte Karl Schall Medizin in Tübingen. Er wurde Facharzt für Chirurgie. 1939 bis 1945 erlebte er als Arzt an Ost- und Westfront erneut einen Krieg und war bis 1948 in Gefangenschaft. Karl Schall starb 1981. Sein Sohn Heinrich Schall war von 1964 bis 1992 Chef der Chirurgie am Radolfzeller Krankenhaus.

Der Vortrag: Der Förderverein Museum und Stadtgeschichte Radolfzell zeigt in Zusammenarbeit mit dem Hegau-Geschichtsverein die bisher unveröffentlichten Bilder aus dem Ersten Weltkrieg. Thomas Wieland wird in seinem Vortrag eine Auswahl der über 700 Fotografien aus dem Nachlass von Karl Schall präsentieren. Heinrich Schall wird auf die Schlacht an der Somme eingehen. Der Vortrag findet am Freitag, 5. Dezember, 19.30 Uhr, im Friedrich-Werber-Haus am Münsterplatz in Radolfzell statt. Es wird keine Gebühr erhoben, doch um eine Spende für den Münsterbauverein gebeten.