Stellungsbefehle, Entlasspapiere, Einberufungsbescheide und Wehrpässe sucht Walter Hutter aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, für den Zeitraum von August 1914 bis November 1918. Der Historiker betreut das städtische Archiv im Keller des Markdorfer Rathauses. Nun rief er im Amtsblatt dazu auf, ihm Dokumente und persönliche Briefe zu überlassen, die geeignet sein könnten, die „Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf Markdorf“ zu beleuchten. „Wenn sich hinreichend ergiebiges Material findet“, so erklärt der Archivar, „werde ich etwas zu diesem Thema veröffentlichen“.

Was bisher auf dem Schreibtisch des Archivars liegt, ist überschaubar. Einige wenige Dokumente, Orden und etliche Feldpostkarten. Grüße aus der Eifel, die Ansicht stattlicher Gebäude im nordfranzösischen Hinterland – und die gemalte Ansicht von Gemeinschaftsunterkünften der Militäranlagen von Stetten am kalten Markt aus dem Jahre 1915, offenbar einer Station zur Wehrausbildung des betreffenden Soldaten.

„Das ist dürftig“, bedauert Hutter. Zu wenig, um sich ein Bild zu machen. „Ich würde gerne mehr über die Stimmung wissen, die in jenen Jahren hier herrschte“, führt er aus. In diesem Zusammenhang warnt er davor, den Aussagewert von Fotos zu überschätzen. Die Soldaten seien in die Ateliers gegangen und dort in Pose gerückt worden – ganz nach dem Geschmack der damaligen Zeit. Ein Beispiel für solche Aufnahmen findet sich in einem privaten Fotoalbum. Es zeigt einen recht forsch dreinblickenden Herrn in Ausgehuniform und mit Pickelhaube auf dem Kopf. „Ich weiß nicht einmal, wer das ist“, bedauert der Archivar.

Aufschlussreicher wären da schon Feldpostbriefe. Aber solche Dokumente hat Hutter noch keine bekommen. „Schön wären natürlich Tagebuchaufzeichnungen“, erklärt er. Denn die würden zum Teil ziemlich unverstellt das wiedergeben, was jemand an der Front erlebt, gedacht, empfunden habe. Gleiches gelte aber auch für die Menschen in der Heimat.

Hier bietet der „Gehrenberg-Bote“, der städtisches Mitteilungsorgan und Zeitung zugleich war, gewisse Anhaltspunkte. Die Kommentare entsprachen freilich den gängigen, den vorherrschenden Meinungen, die auch in den großen Blättern zu lesen waren, erläutert Hutter. Er bedauert, dass ihm bisher nur wenige Exemplare zur Verfügung stehen. Aber er sucht weiter.

Erstaunlich ergiebig erwiesen sich die Sitzungsprotokolle des Gemeinderats. Ihnen entnahm er, dass gleich nach Kriegsbeginn Wachmannschaften für die Stadt aufgestellt wurden. Sie stellten indes schon im September 1914 ihren Dienst wieder ein. Die von Hutter vermutete Angst vor feindlicher Sabotage hatte sich als gegenstandslos erwiesen. Übrig blieben gleichwohl die Bewacher der schon bald eingetroffenen Kriegsgefangenen sowie eine Wache auf dem Gehrenbergturm.

„Anhaltspunkte für die vielfach beschworene Kriegsbegeisterung habe ich bislang keine gefunden“, berichtet Walter Hutter. Alles klinge ernst, durchaus auch entschlossen. Indes finden sich in den Ratsakten viele Hinweise auf die alltäglichen Sorgen, die das Kriegsgeschehen auch in der Heimat mit sich brachte. Da schreiben Frauen an die Stadt, sie bräuchten ihren Mann für die Ernte. Da reagiert der Rat mit Hilfszahlungen für in Not geratene Bürger. In Markdorf werden Kriegsanleihen beschlossen. Sieben oder acht Mal, je rund 15 000 Mark. Geld, das an den Staat geht. Ebenso wie das Metall der alten Feuerspritze, welches die Militärbehörde als kriegswichtiges Material sammelt. „Der Bürgermeister hat sich und die Stadträte zum Klinkenputzen für solche Sammelaktionen verpflichtet“, so Hutter – das Motto: „Gold gab ich für Eisen“. Eheringe wurden in minderwertigeres Eisen getauscht. Eingezogen wurde auch mancher Destillierapparat der Markdorfer Bauern. Allerdings längst nicht alle. Und man verpflichtete die Nichtbetroffenen, für die Betroffenen mit zu brennen.

Walter Hutter weiß vieles aus den Ratsprotokollen zu berichten. Für ein klares Bild des Alltags im ersten Weltkrieg reicht ihm dies aber noch nicht aus. „Ich brauche einfach mehr Material“, erklärt der Historiker. Hier setzt er weiter auf die Mithilfe der Markdorfer. „Wer Bilder, Briefe, Tagebücher hat, soll die einfach ins Rathaus bringen“, bittet Hutter. Am besten während seiner Dienstzeiten, Mittwoch und Freitag von 10 bis 12 Uhr – oder im Hauptamt abgeben. Und natürlich gehen alle Dokumente nach ihrer Auswertung an die Eigentümer zurück.