Als die Soldaten im August 1914 an die Front abrückten, nahmen die Deutschen allgemein an, es werde nur zu einem „reinigenden Gewitter“ kommen. Mit einem vier Jahre währenden Weltkrieg rechnete niemand. So gab es keine Pläne, wie Fabriken und Landwirtschaft auf einen industrialisierten Krieg, der alle Ressourcen ausschöpfte, umgestellt werden sollten.

Sehr schnell wurde indes klar, dass dieser Krieg einen langen Atem brauchen würde, dass es keine Trennung gab zwischen Front und Heimat. Hier entstand – und das war neu in der Geschichte – eine Kriegsgesellschaft. Die Menschen hatten nicht nur mit dem Versorgungsmangel und der Knappheit an Lebensmitteln zu kämpfen, sondern sie wurden indirekt zu Akteuren des Krieges: Frauen ersetzten Männer auf Äckern und in Fabriken, Menschen tauschten Familienschmuck gegen Papiernoten, Gemeinden hängten Kirchenglocken ab, damit Kanonen gegossen werden konnten. Zum „Kriegsschauplatz“, von dem man damals sprach, wenn man die Front meinte, wurde jetzt auch die Heimat – die Region zwischen Schwarzwald und Bodensee inbegriffen. Sie war zwar überwiegend landwirtschaftlich geprägt, dennoch arbeiteten hier bald Tausende Menschen direkt für die Front: Sie montierten Granatzünder und Gewehre, füllten Pulver ab, bauten Zeppeline und Großflugzeuge, Motoren und Maschinen.

Die allgemeine Mobilmachung für diesen Krieg griff massiv in die Alltagswelt der Menschen ein. Denn das Kaiserreich war bei seiner Nahrungsmittelversorgung auf Importe aus Russland und den USA angewiesen. Diese blieben nun aus und konnten trotz aller Anstrengungen, „Organisationskunst“ und Kriegs-Kochrezepte nicht ersetzt werden. Schon 1915 war klar, dass Brotgetreide knapp würde. Im berüchtigten „Steckrübenwinter“ 1916/17 lernte die relative Wohlstandsgesellschaft des Kaiserreichs wieder den Hunger kennen. Das hatte es seit den 1840er-Jahren nicht mehr gegeben. Der Mangel wohnte bald in den meisten Häusern als Untermieter, in manchen Broten steckten mehr Sägespäne als Mehl, im Winter fehlten die Kohlen.

Dazu kam die schleichende Enteignung der Menschen durch die rotierende Notenpresse, die die Inflation anheizte. Ersparnisse, die das Alter sichern sollten, waren schon vor der Hyperinflation von 1923 dezimiert. Während die Führung um Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg Durchhalteparolen ausgab, senkte sich der Schleier der Sorge über Deutschland. Die Belastung durch den Verlust von Ehemännern, Söhnen und Brüdern fügte zur materiellen auch die seelische Verwüstung. Der Begriff von der „Heimatfront“, der übrigens erst sehr spät (ab Mitte 1917) vereinzelt gebraucht wurde, blendet aus, was er tatsächlich mit sich brachte: Not, Tod, Trauer und Verarmung vieler Menschen.