Mit dem Fortlauf des Krieges wich zumindest an der Front die Illusion vom heldenhaften Kampf der bitteren Realität des Stellungskrieges. So auch bei Max Porzig, einem 1920 zugezogenen Singener, der in seinem Gedicht „Nie wieder Krieg“ den Stellungskrieg beschreibt. Während in den Zeitungen von erbittertem Widerstand der deutschen Truppen und vernichtenden Niederlagen der Gegner, raschen Vorstößen und handstreichartigen Eroberungen die Rede war, sah die Realität ganz anders aus. Erstarrte Fronten und hohe Verluste zeichnen die Front im Westen aus. In den Massenschlachten von Verdun, Ypern und an der Marne starben auf beiden Seiten der zur Mondlandschaft zerschossenen Schützengräben Menschen zu Hunderttausenden. Pausenlos donnerten Artilleriegranaten, und Maschinengewehrsalven ratterten durch die Luft, zwangen die Soldaten in den Dreck.

Dieser Situation im Schützengraben, der jede Beschreibung niemals vollständig gerecht werden könnte, haben die Feldgrauen versucht, durch die Feldpost und den Kontakt mit der Heimat Herr zu werden. Mit lieben Briefchen und Liebesbriefen konnte der Frontsoldat sich an einem Stückchen Heimat festhalten, um den allgegenwärtigen Wahnsinn und Tod, dem er jeden Tag ausgesetzt war, wenigstens für einen Augenblick zu entfliehen. Diese Eindrücke des Krieges hinterließen Spuren, die sich auch in Anti-Kriegsstimmungen niederschlugen und unter anderem zur Revolution und dem Sturz der Monarchie führten. Hier das Gedicht von Max Porzig:

Nie wieder Krieg

Gedenkt dir noch, was wir dereinst geschworen, Kamerad, als wir – verlaust, verdreckt – dem blinden Zufall unser Los vertrauten? Dem Los, das uns die Wahl nur ließ, blind zu gehorchen der Parole „Sie oder wir!“ Oder ein schmählich Leben zu führen hinter Kerkermauern! Es war der Gott entthront, dem wir Altäre aufgerichtet, Das Zerrbild aber schleiften feile Pfaffen durch Blut und Schmutz! Höllenbrände schürten Machthungrige, die als Menschen einst von Gott geküsst ihr Angesicht zum Himmel hoben. Gleich wilden Tieren hat Menschen man auf Menschen losgelassen, Als heller Wahnsinn jedes Angesicht entstellte! Wenn wir der Hölle dann auf kurze Zeit entrissen, dann stemmte wohl sich unser Herz brutalem Zwang entgegen bis der Widerstand gebrochen und alle bösen Geister neu geweckt! Mensch gegen Mensch – und sind und waren, bleiben dennoch Brüder! „Nie wieder Krieg!“ so haben wir uns alle geschworen und dieser Schwur, du darfst ihn nimmer, nie vergessen! Wer du auch seist und wo, du Menschenbruder zerstöre nimmer, was allein dich über jedes Tier erhebt: Den Gottesfunken, der in deiner Seele schwellt! Schüre die Flamme, dass sie wärmend und befruchtend die Menschheit aufwärts zu den Sternen führe, dass alle Menschen ein Gebet nur kennen rings auf Erden: Sie und Wir! Nie wieder Krieg!