Die Sirenen heulen in der Nacht zum 28. Juli 1943. Im Keller ihres Wohnhauses im östlichen Hamburger Stadtteil Hammerbrook suchen der 14 Jahre alte Günter Lucks und sein Bruder Hermann Schutz vor den Bomben der britischen Royal Air Force. Die Kellerdecke zittert, das Licht flackert. Eine Brandbombe trifft das Haus. Die Brüder stürmen nach oben, versuchen gegen die Flammen anzukämpfen. Ohne Chance. Hermann will die in der Nähe wohnende Tante suchen. „Bleib hier“, bettelt Günter. Vergeblich. „Mein Bruder lief weg und da kam dieser Feuerschwall, darin verschwand er“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Hermann stirbt, wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag, im Hamburger Feuersturm.

75 Jahre ist dieser schlimmste Luftangriff auf die Hansestadt her, doch Lucks kann sich noch an jedes Detail erinnern. „Das war eine Höllennacht“, sagt der Mann, während er eine Fotografie seines Bruders in den Händen hält. Der Feuersturm war Teil der „Operation Gomorrha“ – so lautete das Code-Wort der Alliierten für die nächtlichen Bombenangriffe auf die Hansestadt vom 24. Juli bis 3. August 1943. Ziel war es laut des damaligen Premiers Winston Churchill, die Moral der Deutschen zu brechen und so das Ende von Hitler-Deutschland zu beschleunigen.

Ein kleiner Junge zwischen den Trümmern, die die «Operation Gomorrha» in Hamburg hinterließ.
Ein kleiner Junge zwischen den Trümmern, die die «Operation Gomorrha» in Hamburg hinterließ. | Bild: dpa

Die Briten hatten sich dazu eine neue Taktik ausgedacht, die im März 1942 an Lübeck erprobt worden war: Die erste Welle von Bombern warf bis zu 2000 Kilo schwere Sprengbomben, sogenannte „Blockbuster“ („Wohnblockknacker“) ab. Durch den immensen Luftdruck verloren ganze Straßenzüge ihre Dächer, Fenster und Türen wurden eingedrückt. Beste Bedingungen für die Wirkung der nachfolgenden Fliegerwellen, die Brandbomben an Bord hatten. Ihre Wirkung war wie der Wurf von Streichhölzern in trockenes Stroh. Neue moderne Leitsysteme, wolkenlose Nächte und eine machtlose deutsche Flugabwehr erleichtern den Besatzungen ihr zerstörerisches Werk.

„Von den Opferzahlen her war es der schwerste Angriff während des Krieges auf eine deutsche Stadt“, sagt der Historiker Malte Thießen. Es gab 35 000 Tote und 125 000 Verletzte. Die Hälfte des Wohnraums wurde zerstört, vor allem in den östlichen Stadtteilen um Hammerbrook. „Kein Ereignis der Hamburger Stadtgeschichte ist für die Öffentlichkeit heute von solcher Bedeutung wie der Feuersturm“, sagt Theißen.

Der Hamburger Stadtteil Eilbek ist nach der Zerstörung im Juli 1943 eine Trümmerwüste mit nur noch wenigen intakten Häusern. Es gab in der Stadt zwar Hoch- und Tiefbunker für die Einwohner, aber die Kapazität war begrenzt. Keller boten nur schlechten Schutz.
Der Hamburger Stadtteil Eilbek ist nach der Zerstörung im Juli 1943 eine Trümmerwüste mit nur noch wenigen intakten Häusern. Es gab in der Stadt zwar Hoch- und Tiefbunker für die Einwohner, aber die Kapazität war begrenzt. Keller boten nur schlechten Schutz. | Bild: dpa

Wie kam es zum Phänomen Feuersturm? „Es war eine sehr heiße Woche, die Stadt war ausgetrocknet“, erklärt Thießen. Die Brandbomben-Feuer verbinden sich zu Feuerherden, saugen den Sauerstoff ein – Kaminwirkung entsteht. Die heiße Luft wird in einer Schlotströmung kilometerhoch in die Atmosphäre gezogen. So entsteht am Boden Unterdruck. Folge: Stürme peitschen durch die Stadt. Bäume werden entwurzelt, Menschen werden vom Sog in die Flammen hineingezogen. Viele ersticken in den Luftschutzkellern.

Menschen wälzen sich im Feuer

In der Feuersturm-Nacht brennt auch das Wohnhaus der Familie Kuckhoff im Stadtteil Hamm lichterloh. Die verzweifelte Mutter will ihre Nähmaschine retten – unmöglich. Ein Lastwagen hält, ein Soldat fordert die Umstehenden auf, schnell einzusteigen. Die Hitze ist gewaltig, auf der Fahrt vorbei an brennenden Häusern sieht der damals fünfjährige Nestor Kuckhoff Grausames: „Was mich als Kind jahrelang noch erschüttert hat: Auf der Straße lagen Menschen, die wälzten sich im Feuer, schrien um Hilfe“, sagt der heute 80 Jahre alte Priester. „Keiner konnte ihnen helfen, weil es kein Wasser gab.“

Die „Operation Gomorrha“ hat Narben hinterlassen. „Die Bombenangriffe haben zum einen die äußere Gestalt der Stadt radikal verändert“, sagt der Historiker Dirk Brietzke. „Zugleich haben die Luftangriffe die Menschen, die das Grauen miterlebten, nachhaltig geprägt und zum Teil traumatisiert.“

Das Mahnmal St. Nikolai, die ehemalige Hauptkirche in Hamburg. Die Kirche wurde 1943 durch Fliegerbomben schwer beschädigt und ihre Ruine erinnert heute als Mahnmal an die Zerstörung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg.
Das Mahnmal St. Nikolai, die ehemalige Hauptkirche in Hamburg. Die Kirche wurde 1943 durch Fliegerbomben schwer beschädigt und ihre Ruine erinnert heute als Mahnmal an die Zerstörung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg. | Bild: Marcus Brandt/dpa

Viele Hamburger irren tagelang durch die zerstörte Stadt – darunter viele Kinder, die im Chaos von ihren Eltern getrennt wurden. „Vor allem im Osten finden die Menschen ihr Haus nicht mehr wieder, weil sie keine Straßen mehr zur Orientierung haben, weil alles platt ist“, sagt Thießen.

Auch Günter Lucks stolpert durch die Trümmer, dreht auf der Suche nach seinem Bruder immer wieder Leichen um. „Viele waren durch die Hitze auf Kindergröße zusammengeschrumpft“, erinnert er sich. Die Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag bringen die Bilder des Feuersturms wieder hoch. Er habe mit den Jahren gelernt, das auszuhalten, sagt Lucks. „Die Zeit heilt auch die schrecklichsten Wunden.“

Ein kleiner Junge zwischen den Trümmern, die die «Operation Gomorrha» in Hamburg hinterließ.
Ein kleiner Junge zwischen den Trümmern, die die «Operation Gomorrha» in Hamburg hinterließ. | Bild: dpa