In längst vergangenen Zeiten zogen sich Gruppen von Menschen zu ihrer eigenen Sicherheit in befestigte Einheiten zurück, meist auf Anhöhen mit bester Sicht auf die umliegende Region. Sie bauten Mauern und erschwerten angriffslustigen Feinden oder wilden Tieren mit tiefen Gräben den Zugang. Die Ersten, die diese Befestigungen strategisch und militärisch nutzten, waren die Römer. Das Römische Reich erstreckte sich von Konstantinopel bis nach Dänemark. Der größte Wehrbau war der Limes, der 100 nach Christus erbaut wurde und der die linke von der rechtsrheinischen Seite über 545 Kilometer Länge trennte. Mit dem Beginn des Karolingerreiches und der Kaiserkrönung Karl des Großen 800 nach Christus wurde die Epoche der Höhenbefestigungen eingeläutet. Mit Slawen und Awaren fielen barbarische Völker von Osten her ein, raubten und plünderten. Um sich dagegen zu wehren, wurde ein Netz von Burgen aufgebaut. Noch heute werden neue Hinweise darauf ausgegraben und analysiert – nicht zuletzt darin liegt der große Reiz dieser untergegangenen Welten.

Stein am Rhein ist eines der schönsten Städtchen in der Region Bodensee. Wahrzeichen ist der berühmte Rathausplatz mit den bemalten Bürgerhäusern, unzählige Touristen tummeln sich hier zu allen Jahreszeiten und knipsen, was das Zeug hält. Dabei gibt es noch eine andere, jedoch kaum beachtete Sehenswürdigkeit in der 3300-Seelengemeinde im Schweizer Kanton Schaffhausen: das spätrömische Kastell Tasgetium. „Von Stein am Rhein war zunächst nicht die Rede, als Tasgetium erbaut wurde“, berichtet der Historiker Helmut Fidler. „Wir reden von der Zeit von Diokletian, der 284 bis 305 nach Christus römischer Kaiser war.“

Überreste einer der drei Ecktürme
Überreste einer der drei Ecktürme | Bild: Tesche / Andreas Schuler
Der römische Gutshof ist bisher die zweitgrößte Anlage dieser Art in Süddeutschland. Gegründet wurde der Hof 80 vor Chr., das Ende war 263 n. Chr.
Der römische Gutshof ist bisher die zweitgrößte Anlage dieser Art in Süddeutschland. Gegründet wurde der Hof 80 vor Chr., das Ende war 263 n. Chr. | Bild: Tesche / Andreas Schuler

Die Geschichte der Siedlung ist von Anfang an geprägt durch seine exponierte Lage am Fluss. Bereits im 5. Jahrtausend vor Christus war die Region von Bauern und Fischern bewohnt. An der Wende zur neuen Zeitrechnung drangen die Römer hierher vor. Im nur wenige hundert Meter entfernten Eschenz, was heute zum Kanton Thurgau gehört, bildete sich ein großer Markt- und Umschlagplatz. Aufgrund der Überfälle durch die Alamannen errichteten die Römer um 300 nach Christus das Kastell Tasgetium auf dem Hügel des heutigen linksrheinischen Ortsteils Vor der Brugg. Diese Festung war durch eine Steinbrücke mit dem Nordufer verbunden, das damals noch unbesiedelt war und heute die malerische Altstadt beherbergt. Nach dem Rückzug der Römer besiedelten Alamannen das Kastell. Im sechsten Jahrhundert entstand hier die Kirche St. Johann. „Wir haben einen ähnlichen Fall wie in Konstanz, wo ja auch das Münster direkt neben dem Kastell errichtet wurde“, so Helmut Fidler. „Wobei das Kastell Tasgetium bereits vor 100 Jahren freigelegt wurde, das Konstanzer Kastell aber erst vor wenigen Jahren.“

Grundriss einer der acht Wachtürme.
Grundriss einer der acht Wachtürme. | Bild: Tesche / Andreas Schuler

Archäologische Ausgrabungen auf dem Konstanzer Münsterplatz bestätigten, dass hier in der Spätantike seit Ende des dritten Jahrhunderts ein Kastell stand, das zur Grenzverteidigung des spätrömischen Reiches diente und gegen Einfälle der nördlich des Rheins lebenden Germanen schützen sollte. Die Alamannen waren nicht nur Gegner, sondern wurden von den Römern als Söldner gegen eigene Leute jenseits des Rheins eingesetzt. Kurios: Erfolgreiche germanische Krieger konnten im römischen Heer sogar Karriere machen und Führungspositionen einnehmen.
 

Video: Mit Historiker Helmut Fiedler in die Zeit der Römer

Wir waren mit der Videokamera unterwegs und haben zahlreiche Impressionen des Römerkastells Tasgetium in Stein am Rhein sowie des Römischen Hofguts Tengen-Büßlingen eingefangen.
Wir waren mit der Videokamera unterwegs und haben zahlreiche Impressionen des Römerkastells Tasgetium in Stein am Rhein sowie des Römischen Hofguts Tengen-Büßlingen eingefangen. | Bild: Tesche / Andreas Schuler

Begleiten Sie uns auf eine spannende Tour zusammen mit dem Historiker Helmut Fidler in die Zeit der Römer. Wir sind mit unserer Kamera mit Krone-Wirtin Helga Seifert in den Keller der ehemaligen Burg hinabgestiegen und haben ihren Worten gebannt gelauscht, wenn sie die Sage von Edelberts Tochter Rosa von Tannenburg und dem Nagel im Brunnen erzählt.
 


Vom Kastell zur Burg

Machen wir einen Zeitsprung und begeben uns in den Raum Friedrichshafen und Markdorf. Im 12. und 13. Jahrhundert hatte fast jedes Dorf sein eigenes Rittergeschlecht. Hier, wo heute der Friedrichshafener Ortsteil Raderach liegt, stand vor 700 Jahren die Burg der Ritter von Radirai, auf dem höchsten Punkt des Drumlins, mit dem schönsten Blick auf Alpen und Bodensee. Der zur Burg gehörende Tiefbrunnen existiert noch heute. Krone-Wirtin Helga Seifert heißt die Gäste, die auf der Suche nach untergegangenen Welten sind, herzlich willkommen. „Folgen Sie mir in den Keller zum originalen, 70 Meter tiefen Brunnen, in dem ein Schatz begraben liegen soll“, sagt sie lächelnd. „Schauen Sie, da unten links ist der legendäre Nagel, an dem in der Sage das Kind hängen geblieben ist.“ Sie lässt einen Eimer an der Kurbel herunter, es knirscht geheimnisvoll.

Wer in der Krone speist, der wird beim Studium der reichhaltigen Speisekarte schnell abgelenkt. Denn zwischen schwäbischem Rahmsauerbraten mit hausgemachten Eierspätzle und der Crème brûlée von weißer Schokolade mit Erdbeerragout und Pistazieneis steht die mysteriöse Geschichte des legendären Nagels geschrieben: Einst hatte der Herzog von Schwaben seinen Getreuen Ritter Edelbert gebeten, ihm Waffendienste zu leisten. Dieser aber lag verletzt auf seiner Burg und konnte dieser Bitte nicht persönlich nachkommen. So schickte er seine waffentragenden Männer mit und blieb mit seiner Tochter alleine zurück. Kunerich erfuhr davon und überfiel die benachbarte Burg, nahm Edelbert gefangen und ließ ihn in seinen Kerker werfen.

Edelberts Tochter Rosa von Tannenburg soll sich bei einer im Wald lebenden Köhlerfamilie verdingt und sich als Magd Zugang zur Fichtenburg verschafft haben. Dort versorgte sie heimlich ihren Vater im Kerker. Eines Tages geschah ein Unglück. Der Sohn des Burgherrn wollte Tauben fangen, die auf dem Brunnenrand saßen, und fiel in den Schacht hinein. Dort soll er an einem Haken hängen geblieben sein, wodurch ihn Rosa habe retten können. Der Sohn überlebte und der raubritterliche Papa fiel dankbar vor der Magd auf die Knie, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Das Ende liegt wie in jedem Märchen nahe. Die Tochter wünschte sich die Freilassung ihres Vaters und beide zogen glücklich zurück auf ihre Burg.

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September