Die Silbergrube Segen Gottes in Haslach-Schnellingen im Kinzigtal ist ein beeindruckendes Zeugnis der 800 Jahre alten Bergbaugeschichte dieser Region. Jeder überzeugte Badener kann ein Lied davon singen – im wahrsten Sinne des Wortes: "In Haslach gräbt man Silbererz, bei Freiburg wächst der Wein, im Schwarzwald schöne Mädchen, ein Badner möchte ich sein!" Die vierte Strophe des Badnerliedes besingt eben jene Silbergrube Segen Gottes im wunderschönen Kinzigtal. Werner Müller, in Haslach verantwortlich für den Bereich Tourismus, ist stolz auf die Attraktion der Gemeinde: "Hier kann man hautnah erleben, wie die Bergleute früher schuften mussten", erzählt er. Erleben wie andere schuften mussten – das wollten wir schon immer. Also nichts wie rein in die Schächte, Stollen, Strecken und Querschläge mit ihrer Gesamtlänge von rund 500 Metern.

Gummistiefel, Regenjacke und Schutzhelm. Wer das Abenteuer Untertage angehen möchte, der muss sich entsprechend vorbereiten und wird komplett ausgestattet. Hermann Hirt, einer der Bergwerkführer, überzeugt die Gruppe von der ersten Sekunde an mit seinem trockenen Humor und seinem profunden Fachwissen. Er wohnt nur einen Steinwurf entfernt von der Grube in Schnellingen. "Als Kinder haben wir hier immer gespielt", berichtet das Schwarzwälder Urgestein. "Mit diesem Monument bin ich aufgewachsen, ohne als Kind zu realisieren, was das wirklich war."

Während der rund zweistündigen Tour, irgendwo zwischen Erdmittelpunkt und Gipfelkreuz, zeigt er auf eine verdunkelte Öffnung in der felsigen Decke, die uns so niemals aufgefallen wäre. "Da haben wir von außen Steine hinunter geworfen und die Sekunden gezählt, ehe sie aufschlugen." Später, beim Abstieg zurück zum Ausgangspunkt, zeigt er im Wald auf eine Stelle im Boden. "Von hier haben wir die Steine geworfen", erzählt er lachend. "Unsere Kindheit hier oben war spannend."

Vor dem Eingang in die Grube steht Hermann Hirt neben der großen Landkarte und blickt in die Historie des Bergwerks. "Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Mine im 13. Jahrhundert", berichtet er. "Doch abgebaut wurde bereits im zwölften Jahrhundert. Pro Tonne Gestein haben die Arbeiter 800 bis 900 Gramm reines Silber gefunden, das damals ja mehr wert war als Gold." Das Kinzigtal ist die einzige Region in Deutschland, in der heute noch Silber gewonnen wird. Die Besucher kleben an seinen Lippen, der Ausflug in vergangene Zeiten fasziniert.

Und dann kann's losgehen. Zehn Treppen führen hinab in den Eingang des Bergwerks, durch ein steinernes Tor betreten wir den engen Schacht. Keine zwei Meter hoch, kaum zwei Armlängen breit. Eine Reihe Bretter auf dem unebenen Boden führt ins Innere, es plätschert und tropft pausenlos, die Akustik erinnert ein wenig an eine Kirche. Alle paar Meter sorgen Lampen für spärliche Helligkeit, das schumrige Licht verbreitet eine geheimnisvolle Stimmung. Die Gruppe wird angeführt von Hermann Hirt, der nachdrücklich von Platzangst abrät, "denn damit können sie hier drinnen gar nichts anfangen".

Das Schlusslicht übernimmt Werner Müller. "Im Moment sind 70 Meter Berg über uns", sagt er. "Am Ende dieses so genannten Abwasserkanals kommen wir zur Verzweigung und zum Schacht." Rund zehn Minuten dauert der 160 Meter lange, beschwerliche Fußweg, einst der einzige Zugang zum Stollen. Hier transportierten die Arbeiter das Gestein mühsam ans Tageslicht, stets in gebückter Haltung und mit höchster Konzentration, um bei dem unebenen, nassen Weg nicht ins Stolpern zu geraten.

Die Verzweigung mit den Abräumbühnen. Hier haben sich die 20 Bergleute, die an sieben Tagen die Woche und acht Stunden pro Tag Gestein abbauten, Stück für Stück von unten nach oben gearbeitet. Unbrauchbares Material ohne Silberrückstände wurde auf den Boden geworfen, dadurch wuchs die Arbeitsfläche automatisch an, einige Bühnen wurden wieder komplett verschüttet. So war das Bergwerk immer in Bewegung.

Hier ist der Knotenpunkt des Bergwerks. Eine steile Treppe führt in überlagerte Schächte, mehrere kleine Grabungsstellen erinnern an das schwere Handwerk. Die mächtigen Holzbalken aus Tanne und Fichte sind noch die originalen aus dem 15. Jahrhundert. "Tanne und Fichte sind langfaserig und werden im Sommer, wenn sie im Saft stehen, gehauen und sofort eingebaut", erklärt Hermann Hirt. "Kurzfaseriges Holz zerbricht sofort. Und trockenes Holz wird im Berg rotfaul und damit unbrauchbar." Wir gehen in einen engen Seitenarm. Spätestens jetzt versteht jeder die Notwendigkeit eines Helmes: Ab und an ist es zu hören, das Geräusch, wenn harter Kunststoff auf Felsen stößt; gefolgt von einem: "Zum Glück trage ich Kopfschutz."
 



Und dann geht es aufwärts. 71 Stufen einer Stahltreppe steil hoch durch den Förderschacht zum Rotgüldenschacht. Die uns umgebenden Felsen sind feucht, sie blinken geheimnisvoll. Hier oben ist es gefühlt noch enger als unten. "Von allen drei Schächten hat der Rotgüldenschacht am meisten Silber geführt", sagt Hermann Hirt, der uns gleich wieder ein paar enge Leitern hochklettern lässt. Wir blicken an Brüstungen vorbei in enge und steile Gänge, von denen manche in den unteren Schaft führen.

Kaum zu glauben, dass Menschen in dieser Lage schwerste körperliche Arbeit leisten konnten. "So, wie die Adern des Massivs gelaufen sind, wurde abgebaut", erklärt uns der Bergwerkführer. "Deswegen haben wir hier auch nichts Gerades." Irgendwann kommen wir ans Ende des Bergwerks, das kleine Licht am Ende des Schachts wird immer größer. Kurze Zeit später stehen wir mitten im Wald und lassen ein mächtiges Tor mit Eisengitter hinter uns. Andächtige Stille herrscht in der Gruppe, hier lernt man Demut gegenüber den Menschen, die so ihren Lebensunterhalt verdienen mussten.

 

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September

Das Besucherbergwerk, die Mineralien und unser Gewinnspiel

  • Das Besucherbergwerk: Rund 12000 Touristen werden jährlich durch das Silberbergwerk Gottes Segen geführt. Georg Allgaiers Visionen ist es zu verdanken, dass die Grube für ein breites Publikum begehbar wurde. Der leidenschaftliche Sammler von Mineralien überzeugte den Haslacher Gemeinderat Mitte der 1990er Jahre. Schließlich räumte er mit vier ABM-Kräften (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) über 2500 Kubikmeter Schlamm und Geröll aus den unterirdischen Gängen. Insgesamt wurden 700 Meter Stollen und Quergänge freigelegt. Im Herbst 1999 bezahlte Georg Allgaier die Verwirklichung seines Lebenstraumes beinahe mit dem Leben: Er wurde bei der Arbeit unter Tage von einer Schlammlawine verschüttet und nach mehreren Stunden schließlich gerettet. 2004 wurde das Besucherbergwerk eingeweiht.
  • Das Gestein: Die Attraktionen des Bergwerks sind in bestem Zustand: Kristalldrusen (unvollständig mit Kristallansammlungen gefüllter ehemaliger Hohlraum), Sinter (das Gestein, das durch eine allmähliche mineralische Ablagerung entsteht) und Stalaktiten (von der Decke einer Höhle hängende Tropfstein, sein Gegenstück ist der vom Boden emporwachsende Stalagmit) sowie mit Schlägel und Eisen herausgehauene Stollen in bestem Erhaltungszustand oder historische Türstockverbaue. Abbaustrecken präsentieren sich wie Tropfsteinhöhlen. Die gesamte Grubenanlage besteht aus vier Abbausohlen, von denen die drei oberen im Besucherbergwerk auch für die Besucher zugänglich sind. Ziel des Bergbaus war die Gewinnung silberhaltiger Erze (Fahlerz, Rotgültigerz, Blei­glanz). Der histori­sche Bergbau war auf einen erzführenden Fluss- und Schwerspatgang, den­ Segen Gottes-Gang, ausge­richtet. Dieser weist einen generellen Verlauf in Nordwest-Südost-Richtung auf. Nebengesteine der Gänge sind­ sehr harte, metamorphe Gesteine.
  • Der Name: Der Offenburger Hans Ruch­mann Tödinger betrieb die Grube in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter der Bezeichnung „Barbara zu Unseren lieben Frauen beim Illenbad“. Seit der Wieder­aufnahme des mittel­alterlichen Berg­werks durch den Bergdirektor Michel im Zeitraum 1711–1714 heißt sie Segen Gottes. Zur Unterscheidung von anderen Bergwerken gleichen Namens wird sie als „Grube Segen Gottes bei Schnel­lingen“ bezeichnet.
  • Unser Gewinnspiel: Wir verlosen zehnmal zwei Tickets mit Führung. Vom 1. April bis 31. Oktober gibt es in der Silbermine täglich außer Montag drei Führungstermine: 11.00 Uhr, 13.30 Uhr und 15.30 Uhr. Sie suchen sich Ihren Termin selbst aus. Bitte rufen Sie unter folgender Nummer an, nennen Namen und Adresse. Teilnahmeberechtigt sind alle SÜDKURIER-Abonnenten, die ihr Abo bereits abgeschlossen haben. Gewinnspielanmeldungen möglich bis 17. August. Benachrichtigung der Gewinner telefonisch. 01379/ 370 500 43 (50 Cent je Anruf).