Wenn Helmut Fidler Menschen durch das idyllische Dorf Wangen auf der Halbinsel Höri führt, ist das faszinierende jüdische Leben an Bodensee und Rhein wieder greifbar. Der Konstanzer Historiker ist in seinem Element, er füllt die Erinnerungen an die rund 800 Jahre dauernde Epoche mit Leben und Leidenschaft. Jüdisches Leben an Bodensee und Rhein – das war eine blühende Kultur mit reichen Schätzen und beeindruckenden Monumenten, die mit dem NS-Regime sein jähes Ende fand. "Anfang des dreizehnten Jahrhunderts haben wir erste Spuren jüdischen Lebens am Bodensee, einen Friedhof in Überlingen", erzählt Helmut Fidler. "Juden sind mehrfach vertrieben worden – bei der Schwarzen Pest Anfang des 15. Jahrhunderts beispielsweise, als man sie nicht mehr als Geldverleiher benötigte."
 



Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1684 haben sie feste Quartiere bezogen in den Dörfern Wangen, Worblingen, Gailingen, Randegg, Stühlingen, Tiengen und Hohenems. Die Schweiz wollte Juden kein Wohnrecht geben. Zürich drängte darauf, die Juden zu vertreiben. Fidler: "Der Zürcher Landvogt Johannes Scheuchzer befand, dass die Geschäfte mit den Juden gut waren und man die doch weiterführen sollte. So empfahl er den Juden, jenseits der Grenze zu leben." 1684 hat Scheuchzer den Juden ein Handelsabkommen angeboten, im Thurgau Handel treiben zu dürfen, aber jenseits der Grenze wohnen zu müssen. Er bot ihnen im Falle der Gefahr für Laib und Leben Hilfe und ein Obdach an. "Doch 250 Jahre später nach 1933 hat sich in der Schweiz an dieses Abkommen niemand mehr erinnert", so Helmut Fidler.
Das Wohnhaus der Familie Wolf in Wangen, 1896.
Das Wohnhaus der Familie Wolf in Wangen, 1896. | Bild: Privat
So sieht das ehemalige Wohnhaus der Familie heute aus.
So sieht das ehemalige Wohnhaus der Familie heute aus. | Bild: Sabine Tesche

Die Tour durch das einstige Judendorf Wangen ist beeindruckend. Wer sich nicht auskennt und nicht weiß, wo er hier ist, der geht achtlos an eigentlich konkreten, aber wenig offensichtlichen Hinweisen jüdischen Lebens vorbei. Dabei haben zahlreiche Häuser faszinierende Geschichten zu erzählen. "Zunächst einmal muss man sagen: Es gibt keine jüdische Bauweise", erklärt Helmut Fidler. "Jüdische Häuser liegen direkt am See – das ist keine Bauweise der Bauern, deren Häuser liegen ein Kilometer im Landesinneren. Juden durften keine Landwirtschaft betreiben." Er geht auf ein Fachwerkhaus zu, bleibt vor der niedrigen Tür stehen und erklärt: "Man sieht hier am Türpfosten eine Kerbe, an der die Mesusa gewesen ist. Eine Mesusa ist ein Segnungsspruch aus dem Alten Testament, den die Juden in eine Schriftkapsel stecken und am Türrahmen befestigen."

In einem jüdischen Haushalt befindet sich an jedem Türrahmen eine Mesusa, Ausnahmen sind die Rahmen vor dem Badezimmer, der Toilette oder an Kellertüren und Abstellräumen. Die Mesusa wird in Armreichweite im oberen Drittel des von außen betrachtet rechten Türpfostens geneigt angebracht, das obere Ende zeigt zum Raum. Manche gläubige Juden küssen die Mesusa beim Betreten eines Raumes, indem sie die Fingerspitzen der rechten Hand an die Mesusa und dann zum Mund führen. Fidler: "Mit der Neigung des Kopfes, wenn er ins Haus eintritt, macht der Gast den Segnungsgruß, der daran erinnert, dass hier Juden wohnen." In diesem Haus lebten die Töchter des letzten jüdischen Schächters sowie die Witwe des Lehrers. "Das zeigt", so Fidler, "dass im 19. Jahrhundert hier die ärmere jüdische Gesellschaft gewohnt hat, reiche Juden haben oben im Dorf gebaut, um vor Hochwasser sicher zu sein."

Familie Wolf ca. 1931: Vater Nathan, Mutter Augustine, die Kinder Hannelore und Gert.
Familie Wolf ca. 1931: Vater Nathan, Mutter Augustine, die Kinder Hannelore und Gert. | Bild: Privat

Zunächst hatten die Juden kaum Rechte, sie mussten als Hausierer ihren Lebensunterhalt verdienen und Kurzwaren gegen Marder- und Fuchsfelle eintauschen. Die Häuser haben einen Kniestock, einen Lagerraum mit Lüftungen im Obergeschoss. Durchschnittlich zwei Familien bewohnten ein solches Haus. Wer alleine in einem Haus lebte, erregte Ärger wie beispielsweise Joseph Manes Wolf, der mit dem Steinernen Haus am Dorfplatz seinen Reichtum offen zur Schau stellte. Wegen der angeblich pompösen Treppe zum Eingang musste der Besitzer 44 Gulden an die Gemeinde zahlen.

Nathan Wolf 1941/1942 auf einem Passagierschiff auf dem Rhein, von hier hielt er nach seiner Flucht in die Schweiz Kontakt zur Familie.
Nathan Wolf 1941/1942 auf einem Passagierschiff auf dem Rhein, von hier hielt er nach seiner Flucht in die Schweiz Kontakt zur Familie. | Bild: Privat

Anne Overlack beschäftigt sich ebenso wie Helmut Fidler wissenschaftlich und mit viel Herzblut mit jüdischem Leben am Bodensee. Sie schrieb das viel beachtete Buch „In der Heimat eine Fremde. Das Leben einer deutschen jüdischen Familie im 20. Jahrhundert", in dem sie sich intensiv und nach langjähriger Recherche mit dem Leben der Familie Wolf auseinandersetzt. Der bekannte jüdische Arzt Nathan Wolf (1882 bis 1970) lebte in Wangen auf der Höri, seine Nachkommen sind immer noch hier zu Hause. Anne Overlack sammelte über Jahre hinweg Akten, Zeitdokumente und Zeitungsartikel. Hannelore König, die 2012 verstorbene Tochter von Nathan Wolf, war eine spannende und faszinierende Gesprächspartnerin und erzählte der Autorin ausgiebig aus ihrem Leben.


Im Wangener Rathaus befindet sich eine kleine, aber feine Dauerausstellung über das jüdische Leben auf der Höri. Hier hängt auch ein alter Telefonhörer an der Wand, auf dem Originalschilderungen von Hannelore König zu hören sind. „Als Arzt im Ersten Weltkrieg war Nathan Wolf ein stolzer Offizier, aber von seiner Identität her zuerst Badener, dann Deutscher und dann Jude“, so Anne Overlack. Besonders stolz sei Hannelore König gewesen, dass sich im Nachlass ein von Großherzog Friedrich und dessen Frau Luise signiertes Gemälde befand.

Hoch dekoriert mit Orden kam Wolf aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Als die Nazis an die Macht kamen, halfen diese Orden ihm nichts, er wurde wie alle anderen Juden verfolgt. „Der 9. November fand in Wangen erst am 10. November statt“, hat Overlack recherchiert. Nathan Wolf musste wie andere Juden für ein paar Wochen nach Dachau, kam aber wieder frei. „Am 27. August 1939 besteigt er das Kursschiff in Wangen und steigt in Stein am Rhein aus.“ Die Begegnung mit seiner Familie sei danach nur durch Winken vom Kursschiff aus möglich gewesen.

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September

Juden, das Jüdische Museum Gailingen und unser Gewinnspiel

Was macht einen Juden zu einem Juden und was zeichnet das Judentum aus? Ein Besuch im Jüdischen Museum Gailingen.

  • Jüdisches Museum: Joachim Klose aus Gailingen ist ein weiterer Wissenschaftler, der sich mit Leidenschaft und Liebe zum Detail um das jüdische Vermächtnis der Region kümmert. Er ist der Leiter des Jüdischen Museums Gailingen – auch wenn er diese Bezeichnung nicht gerne hört. In Gailingen hatte das jüdische Leben im 19. Jahrhundert seine Blütezeit, als mehr jüdische als christliche Bürger hier wohnten. Das Museum war einstmals das jüdische Schulhaus und liegt gegenüber der ehemaligen Synagoge. Im Obergeschoss, dort, wo zahlreiche Bilder, Fundstücke und Kunstwerke an die beeindruckende jüdische Epoche in Gailingen und am Bodensee sowie Rhein erinnern, waren die Wohnungen für Rabbiner und jüdische Lehrer. 1938 endete hier das jüdische Leben. Menschen wie Joachim Klose sorgen dafür, dass diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät.
  • Die Juden: Ein Jude ist Anhänger der ältesten monotheistischen Religion, die sich nur einem Gott verpflichtet hat. Wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde, ist automatisch Jude. Ein Jude zeichnet sich durch Toratreue (heilige Schrift) und Leben nach der Halacha aus. Halacha umfasst das gesetzliche System des Judentums, die Gebote und Verbote, eine Trennung zwischen Säkularem und Religiösem existiert nicht. Ein Jude versteht sich über das Religiöse hinaus als Angehöriger des Volkes Israel. Jude sein bezieht sich nicht auf ein Land oder einen Staat. Es bedeutet, die jüdische Religion zu leben, egal in welchem Land. Weltweit leben 13 bis 15 Millionen Juden. Juden missionieren nicht. Die Vernichtung der Juden im Dritten Reich hat ungeheure Verwundungen hinterlassen: Der Shoah fielen sechs Millionen Juden zum Opfer. Heute leben sechs Millionen Juden in den USA, fünf Millionen in Israel. In Deutschland gibt es laut Zentralrat der Juden 100000 Juden.
  • Jacob Picard: Hermann Hesse und Otto Dix wurden auf der Höri eigene Museen gewidmet. Dass mit Jacob Picard (1883 bis 1967) ein weiterer berühmter Schriftsteller hier geboren wurde und lebte, wurde erst durch den Freundeskreis Jacob Picard publik. Im Rathaus Wangen ist ein Gedenkraum.
  • Unser Gewinnspiel: Wir laden zehnmal zwei Leser ein zu einer exklusiven Führung durch das Jüdische Museum in Gailingen. Joachim Klose führt Sie am 3. September zwischen 14 und 15.30 Uhr durch die Räume, in das Ritualbad Mikwa und den Guggenheim Saal, in dem Gegenstände des Gebetsraums der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen eine neue Heimat gefunden haben. Bitte bei folgender Nummer anrufen, Name und Adresse nennen. Teilnahmeberechtigt sind alle SÜDKURIER-Abonnenten mit bereits abgeschlossenem Abo. Anmeldungen bis 26. August. Benachrichtigung telefonisch. 01379/ 370 500 42 (50 Cent je Anruf).