Es ist an der Zeit, ein weit verbreitetes Gerücht zu entkräften: Die eine Heimat der Kelten gibt es nicht, ebenso existierten die Kelten als das eine, homogene Volk nicht. Vielmehr geht die Wissenschaft davon aus, dass Kelten ein vereinender Begriff ist für zahlreiche Stämme und Völker, die zwischen der Hallstattzeit (750 bis 500 vor Christus) und 40 nach Christus in der Region lebten, die wir heute als Europa und Vorderasien bezeichnen; mit der Besetzung des Südufers der Donau durch die Römer endet 40 nach Christus die Keltenzeit.

„Wir bezeichnen alle Menschen, die ab der frühen Eiszeit zwischen Slowenien und Tschechien bis nach Frankreich gelebt haben, als Kelten“, erklärt Christiane Schmid-Merkl, Archäologin und ehemalige Leiterin der Keltenstadt Heuneburg. „Sie haben sich selbst aber nicht so genannt. Der Name wurde ihnen von den griechischen und römischen Schriftgelehrten gegeben. Sie wussten selber nicht, dass sie Kelten genannt wurden.“

Die Leiterin des Museums auf der Heuneburg, Christiane Schmid-Merkl.
Die Leiterin des Museums auf der Heuneburg, Christiane Schmid-Merkl. | Bild: Sabine Tesche

Woher aber die Kelten der Hallstattzeit kamen, ist weitgehend unbekannt. Ein Grund: Die Ur-Kelten hatten keine Schrift und überlieferten der Nachwelt keine Zeugnisse ihres Lebens, lediglich archäologische Funde müssen für die Analyse herhalten. Erst nach der Besiedlung der Bretagne und der britischen Inseln im dritten Jahrhundert vor Christus begannen sie, ihr Selbstverständnis schriftlich zu dokumentieren. So kommt es auch zu der irreführenden Annahme, dass Regionen in Wales, Schottland, Irland, England oder der Bretagne die Heimat der Kelten darstellen – hier sind lediglich Sprachen und Schriften überliefert.

Bild: Sabine Tesche

Trotzdem oder genau deshalb sind wir so fasziniert von den Kelten. Über keine andere Volksgruppe ist so wenig bekannt wie über sie. Paradox: Trotzdem gehen wir davon aus, sie sehr gut zu kennen. Mythen, Legenden und Sagen ranken sich um sie. Wer heute über die Kelten spricht, der hat kernige Burschen vor Augen, die in Harmonie und Einklang mit der Natur leben. Kelten verleiten zur Verklärung, regen zu Fantasien an.
 


 

Keltentreffen, Keltenkonzerte, Keltenmärkte – der temporäre Ausflug in die gute, alte Zeit ist moderner denn je und befriedigt eine tiefe Sehnsucht. Für Christiane Schmid-Merkl keine Überraschung: „Aufgrund der Ausgrabungen und Studien wissen wir, dass Kelten sehr begabte Kunsthandwerker, Sänger, Musiker und Geschichtenerzähler waren.“ Ihre Fähigkeiten zeigten sie als Töpfer und Weber sowie in der Glasproduktion und Lederverarbeitung. Sie setzten Maschinen ein, etwa Drechselbänke, vier- oder zweirädrige Wagen und Drehmühlen. Den Kunstsinn der Kelten zeigen die Verzierungen, die archäologische Fundstücke aufweisen.

Warum aber werden sie von römischen und griechischen Gelehrten wie Platon als primitive, versoffene, kriegerische, unzivilisierte Barbaren bezeichnet? Der griechische Geschichtsschreiber Diodorus Siculus beschreibt im ersten Jahrhundert vor Christus die Kelten derart: „Die Köpfe der gefallenen Feinde hauen sie ab und binden sie ihren Pferden auf den Hals, die blutige Rüstung geben sie ihren Dienern und lassen sie unter Jubelgeschrei und Siegesliedern zur Schau tragen.
 


 

Zu Hause nageln sie dann diese Ehrenzeichen an die Wand, gerade als hätten sie auf der Jagd ein Wild erlegt.“ Die Archäologin hat auch dafür eine Erklärung: „Kelten waren einfach anders als Griechen und Römer“, sagt sie. „Und das wiederum machte den Griechen und Römern, die sich ja gerne für die Krone der Schöpfung hielten, Angst.“ Also wurden sie als Barbaren dargestellt.

Die Heuneburg im Ortsteil Hundersingen der Gemeinde Herbertingen im Landkreis Sigmaringen ist ein fantastisches Zeugnis der frühkeltischen Zeit. Vierzehn verschiedene Besiedlungsphasen sind hier nachgewiesen. Nach jeder Phase wurden die Häuser platt gemacht und einfach darüber neu gebaut, so ist die Besiedlung stets höher geworden. Christian Schmid-Merkl über die Anfänge: „Um 650 vor Christus entsteht fast wie aus dem Nichts eine sehr große, fast schon stadtähnliche Ansiedlung.“

200 Jahre herrschte hier ein reges Treiben, die Heuneburg war die größte Siedlung nördlich der Alpen mit bis zu 5000 Menschen zur Blütezeit. „Doch plötzlich waren die Kelten weg“, erzählt Christian Schmid-Merkl, „und wir suchen immer noch nach Gründen dafür. Wir wissen nicht, wo sie von hier aus hingewandert sind. Danach gibt es nur noch wenige Spuren auf der Heuneburg: ein kleines bisschen Römer, ein kleines bisschen Mittelalter, doch keine größere Siedlung mehr.“
 

Bild: Sabine Tesche

Immerhin scheint bekannt, warum die Heuneburg hier entstand, wie die Archäologin aufklärt: „Sie liegt auf einem Bergsporen, der von der Donau her aufragt, ab hier ist die Donau erstmals beschiffbar – nicht mit großen Schiffen, wie wir sie heute kennen, sondern eher mit Flößen und flachen Kähnen. Ab hier war die Donau für Händler interessant, die ihre Waren hier direkt ins Schwarzmeergebiet verschiffen konnten, was damals griechisches Kolonialgebiet war.“ Die Lehmziegelwehrmauer war dazu da, die Akropolis, also das Plateau der Heuneburg, zu verteidigen – sie war aber auch ein Prestigeobjekt. Diese Bautechnik war primär aus dem vorderasiatischen Raum bekannt. Die Heuneburg-Kelten wollten laut Experten damit zeigen, wie weitreichend ihre Kontakte sind.

Das Plateau war besiedelt mit Wohnhäusern und Handwerksbetrieben, wie sie heute dort zu besichtigen sind. Ab Mitte des sechsten Jahrhunderts vor Christus, bei der zweiten Besiedlung der Heuneburg, wurden die Häuser größer gebaut. „Wir gehen davon aus, dass das Wohnen in diesen Herrenhäusern nur bestimmten Bevölkerungsgruppen vorbehalten war“, so Christiane Schmid-Merkl. Doch, wer hätte das geahnt: „Leider wissen wir auch das nicht so genau. Vielleicht waren es auch nur Versammlungshäuser.“

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

 

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September

Die Kelten, die Wiege ihrer Kultur und unser Gewinnspiel

  • Der Begriff: Die Bezeichnung Kelten kommt vom griechischen „keltoi“. Es bedeutet „die Tapferen“ oder „die Kühnen“. Der Begriff der keltischen Nationen beschreibt Bevölkerungsgruppen im modernen Europa, die sich mit dem keltischen Brauchtum identifizieren, insbesondere in den Gebieten mit keltischen Sprachen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben Menschen das Keltentum zum Ausdruck nationaler Identität genutzt. Mit der Zeit wurde die Bevölkerung als keltisch bekannt. Im Englischen werden diese Regionen wegen ihrer geografischen Lage im Nordwesten Europas auch Celt Belt (keltischer Gürtel) oder Celtic Fringe (keltische Randzone) genannt.
  • Die Hallstattzeit: Die Hallstattzeit A und B, auch Bronzezeit, benannt nach dem Fundort eines Gräberfeldes im österreichischen Salzberg bei Hallstatt (1200 – 800 vor Christus), kann als Geburtsstätte der keltischen Kultur angesehen werden. Durch den Salzabbau wurde die Konservierung der Nahrungsmittel möglich. Dies war eine Voraussetzung für den Transport in entfernte Regionen und für überregionalen Handel, der die Basis für die Erweiterung des keltischen Kulturraumes bildete. Während der Hallstattzeit Phase C (800 – 600 vor Christus) und D (600 – 475 vor Christus) wurde in Mitteleuropa Eisen zum wichtigsten Metall. Die Kelten erreichten eine hohe handwerkliche Fertigkeit. Kennzeichnend ist eine Änderung in der Bestattungsart hin zu hölzernen Grabkammern, über die Grabhügel aus Erde aufgehäuft wurden.
  • Die La-Tène-Kultur (500 – 15 vor Christus/Eisenzeit und Frühantike): Sie ist benannt nach dem Ausgrabungsort La Tène in der Schweiz. Werkzeuge, Waffen und Kunstgegenständen zeugen von einer deutlichen Weiterentwicklung gegenüber der Hallstatt-Kultur. Der griechische Einfluss war zurückgegangen und es entstand ein eigenständiger keltischer Stil. Bald nach 500 vor Christus kam der Handel mit Massalia zum Erliegen. Der Handel in Richtung Mittelmeer und Kleinasien ging nun über die Alpen hin zu den neuen griechischen Städten Spina und Adria nahe der Adriaküste sowie über die neuen etruskischen Siedlungen in der Po-Ebene.
  • Die Forschung: Bilder mit Geomagneten an der Erdoberfläche zeigen auffällige Stellen. Archäologen gehen dem auf die Spur und beginnen Ausgrabungen. In der Regel fließen Sonderforschungsmittel der Organisation zur Förderung der Forschung an Hochschulen und öffentlich finanzierten Forschungsinstituten.
  • Unser Gewinnspiel: Wir laden zehnmal zwei Leser ein zu einem Besuch der Heuneburg. Bitte anrufen, Namen und Adresse nennen. Teilnahmeberechtigt sind SÜDKURIER-Abonnenten, die ihr Abo bereits abgeschlossen haben. Anmeldungen bis 22. August. Benachrichtigung telefonisch. 01379/ 370 500 47 (50 Cent je Anruf). (aks)