Da sitzt sie nun auf einer Bank hinter dem Haus am Sommerberg in Schluchsee-Aha, die 93-jährige Annemarie Schwörer, die Marie, und blickt hinaus auf den geliebten See, den Mittelpunkt ihres gesamten Lebens. "Irgendwo dort draußen im Wasser habe ich mal gewohnt", sagt sie mit ihrer leisen Stimme und lächelt bedächtig. Dieses Lächeln ist ansteckend und weckt bei ihren Gesprächspartnern ein wohliges Gefühl der Geborgenheit.

Ihr Gesicht ist gezeichnet von harter Arbeit und dem rauen Klima hier im Hochschwarzwald. "Ich musste jeden Tag vom Silberhof meiner Eltern dort hinüberlaufen in meine Schule", fährt sie fort. "Ja, ja, so war das damals im Jahr 1930." Damals, als die Marie sieben Jahre alt war. Damals, als der kleine Schluchsee zum Zwecke des Stromgewinns geflutet wurde mithilfe der mächtigen Staumauer. Doppelt so groß war er ein paar Wochen später, die Grundmauern von 19 abgerissenen Gebäuden verschlang das Wasser gnadenlos.

Annemarie Schwörer zeigt auf die Stelle im Schluchsee, an der ungefähr einst ihr Geburtshaus stand.
Annemarie Schwörer zeigt auf die Stelle im Schluchsee, an der ungefähr einst ihr Geburtshaus stand.

Der Schluchsee ist heute Teil der Werksgruppe Schluchsee des Schluchseewerks, einer Abfolge von Stauseen unterschiedlicher Höhe, die durch Pumpwerke verbunden sind. Die Werkgruppe zieht sich von Häusern bis nach Waldshut. Der Schluchsee ist darin das Oberbecken des Pumpspeicherkraftwerks Häusern. Dieses Kraftwerk speist im Mittel eine Leistung von 100 Megawatt ins Stromnetz ein. Außer durch die natürlich zulaufende Schwarza kommt auch Wasser aus dem Rhein durch die Pumpwerke ins Becken. Annemarie Schwörer interessiert das alles nicht wirklich. Zunächst einmal bedeutete die Flutung des einstmals 3,4 Kilometer langen Sees: Verlust des Elternhauses.

Die Staumauer wurde von 1929 bis 2932 errichtet. Einst war der Schluchsee ein Gletschersee, der 30 Meter unter dem Spiegel des jetzigen Sees lag.
Die Staumauer wurde von 1929 bis 2932 errichtet. Einst war der Schluchsee ein Gletschersee, der 30 Meter unter dem Spiegel des jetzigen Sees lag.

"Wir mussten damals ausziehen und das 365 Jahre alte Haus wurde abgerissen", erinnert sie sich – ohne Groll, wie sie versichert: "Es blieb uns ja nichts anderes übrig. Wir mussten unsere Viecher einpacken und hierher ziehen." Obwohl es nur rund 200 Meter waren bis zum neuen Bauernhaus im traditionellen Schwarzwaldstil, bedeutet die Umstellung viel. Es musste Raum geschaffen werden für Ochsen, Rinder, Kühe, Schweine. "Das war eine harte Zeit für uns alle", sagt Annemarie Schwörer heute. Zusammen mit ihren drei Geschwistern musste sie hart anpacken, Tag für Tag, Urlaub kennt sie nur vom Hörensagen.

Noch heute geht sie zu Fuß die rund 300 Meter lange Strecke entlang der Straße und des Sees zum großen, alten Lindenbaum. "Dort lasse ich dann immer die Erinnerungen an früher aufleben", erzählt sie und lächelt wieder. "Als kleines Mädle habe ich dem kleinen Baum jeden Tag auf dem Weg zur Schule ein paar Blätter ausgerissen. Ich dachte mir: Der wächst bestimmt nicht mehr, der wird bestimmt nicht alt. Doch wir zwei sind zusammen alt geworden und aufgewachsen." Menschen wie Annemarie Schwörer machen den Charme des Schwarzwaldes aus.

Wenn über mehrere Tage starker Wind ausbleibt, kann man beim Tauchen die Reste der Gebäude auf dem Grund des Sees erblicken – aber nur dann. Der Schluchsee liegt auf 930 Metern Höhe und ist damit ein Bergsee – und als solcher nicht ungefährlich für Taucher. Der Körper verhält sich bei der Ankunft von der Ebene angesichts der Höhe des Sees so, als sei er eben von einem Tauchgang aufgetaucht – Stickstoff löst sich wegen des geringeren Luftdrucks in der Höhe aus dem Gewebe und wird über die Atmung abgegeben. Bevor dieser Stickstoff entsorgt wird, reichert sich das Blut damit an. Wenn man dann zu schnell auftaucht, kann Stickstoff ausperlen und Adern verstopfen. Ungeschriebenes Gesetz beim Bergseetauchen: Vor dem Tauchgang länger warten als üblich und am Ende des Tauchgangs langsamer auftauchen.

Die Grundmauern der versunkenen Schule von Aha. Das Bild stammt von 2014, als der See zwölf Meter abgesenkt wurde.
Die Grundmauern der versunkenen Schule von Aha. Das Bild stammt von 2014, als der See zwölf Meter abgesenkt wurde. | Bild: Zapf

Die Sicht unter Wasser ist nicht wirklich gut, was auch historisch bedingt ist: Der See wurde im Zweiten Weltkrieg mit Torf zugedeckt, um die Staumauer vor einer Bombardierung zu schützen. Dieser Torf sank irgendwann auf den Grund und bestimmt sowohl die Farbe des Wassers und ist ebenso für trübe Aussichten verantwortlich. Trotzdem bevölkern Touristen aus halb Europa die Stadt Schluchsee: 500.000 Übernachtungen pro Jahr verteilen sich auf 4000 Gästebetten.

Die alte Schule im Jahr 1930 vor dem Abriss. Heute ist hier die Mitte des Sees.
Die alte Schule im Jahr 1930 vor dem Abriss. Heute ist hier die Mitte des Sees. | Bild: Zapf

"Wir sind als Gemeinde zu 100 Prozent touristisch orientiert", erklärt Bürgermeister Jürgen Kaiser, der von seinem Büro aus einen herrlichen Blick auf das seminatürliche Naturereignis hat: "Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich der Bürgermeister mit der schönsten Aussicht überhaupt bin", sagt er grinsend und niemand möchte ihm widersprechen.

Der Schluchseer Bürgermeister Jürgen Kaiser an der Bootsanlegestelle.
Der Schluchseer Bürgermeister Jürgen Kaiser an der Bootsanlegestelle.

Am herrlichen Ufer der Gemeinde Schluchsee liegen Tret- sowie Ruderboote, warten auf Touristen. Historiker und Gemeinderat Friedbert Zapf weiß, wie man die historische Flutung der Gebäude publikumswirksam darstellt. "Zu vorgerückter Stunde hört man am Ufer des Sees in mondhellen Nächten die Glocken der versunkenen Kapelle", erzählt er mit geheimnisvoller Stimme, um im nächsten Moment den Zuhörer auf den Boden der Realität zu holen: "Das ist natürlich Klamauk, den wir gerne unseren Gästen erzählen." Was er ebenfalls stets nicht ohne Stolz berichtet: Die Flutung des Schluchsees vernichtete nicht nur Kulturgüter, sondern sie brachte auch solche hervor: So wurde bei Bauarbeiten ein Feuerstein gefunden, der seit rund 10.000 Jahren im See lag. "Das ist ein Beleg dafür, dass schon Steinzeitmenschen hier gejagt und gefischt haben", sagt Friedbert Zapf. Das zweite Relikt aus der Vergangenheit: ein frühmittelalterlicher Einbaum. Zapf: "Das Alter wurde mit der wissenschaftlichen C-14-Methode vom Institut für Umweltphysik in Heidelberg ermittelt." Das brachte die unglaubliche Sensation ans Licht: Das Tannenholz, mehr als 1400 Jahre alt, lag konserviert im Schlamm. Der Einbaum selbst dürfte im Jahr 700 gebaut worden sein. "Heute kann man den Einbaum im archäologischen Landesmuseum in Konstanz bewundern."

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September

Schluchsee, Fußballers Schlucksee und unser Gewinnspiel

  • Der Schluchsee: Ursprünglich war er ein Gletschersee, dessen Spiegel rund 30 Meter unter dem des heutigen Sees lag, der durch Anstauung der Schwarza entstand. Dieser ist heute 7,3 Kilometer lang und 1,4 Kilometer breit, die tiefste Stelle beträgt 61 Meter. Der Schluchsee ist Teil der Werksgruppe Schluchsee des Schluchseewerks, einer Abfolge von Stauseen unterschiedlicher Höhe, die durch Pumpwerke verbunden sind. Die Werkgruppe zieht sich von Häusern bis nach Waldshut. Der Schluchsee ist darin das Oberbecken des Pumpspeicherkraftwerks Häusern. Dieses Kraftwerk speist im Mittel eine Leistung von 100 Megawatt ins Stromnetz ein. Außer durch die natürlich zulaufende Schwarza kommt auch Wasser aus dem Rhein durch die Pumpwerke. Der Schluchsee hat ein Stauziel von 930 m ü. NN und ist der höchstgelegene Talsperrensee Deutschlands.
  • Die Staumauer: Die 63,5 Meter hohe Staumauer wurde zwischen 1929 und 1932 errichtet. 19 zuvor geräumte und abgerissene Gebäude wurden geflutet. Am 29. August 1983 wurde zu einer großen Revision der Staumauer und des Stollensystems mit dem Absenken des Sees begonnen. Das Absenken des Wassers auf das Niveau des ursprünglichen Sees dauerte rund fünf Wochen. Das seltene Ereignis lockte sehr viele Besucher an; erstmals seit Langem wurden wieder Rudimente überfluteter, früherer Bebauung sichtbar. Auch die alte Poststraße kam wieder zum Vorschein und wurde mit Kutschen befahren. 2013/2014 wurde der Wasserspiegel abgesenkt. Das abgeflossene Wasser wurde zur Stromerzeugung benötigt.
  • Die Seehofkapelle in Blasiwald: Jahrhundertelang stand die Kapelle am ursprünglichen Schluchsee und war Hofkapelle des Gasthauses Seehof. Als der See aufgestaut wurde, hat man die Kapelle auf einem Floß über den See nach Blasiwald gebracht und dort wieder aufgebaut. Das Gasthaus Seehof ist mit dem daneben liegenden Paulihof im aufgestauten See versunken.
  • Der Schlucksee: Berühmt wurde der Schluchsee als Schlucksee, weil die Fußballnationalmannschaft 1982 dort ihr Trainingslager aufschlug und einzelne Spieler die Freiheiten, die ihnen Bundestrainer Jupp Derwall ließ, ausnutzten. Alkohol, Kartenspiel und andere Eskapaden warfen ein schlechtes Licht auf die späteren Vizeweltmeister.

Unser Gewinnspiel: Jede Menge Badespaß verspricht das direkt am Schluchsee gelegene Erlebnis-Freibad aqua fun. Spaß ist garantiert, sobald man die Erlebnis-Landschaft mit verschiedenen Becken, Liegewiese und Abenteuerspielplatz betritt. Wir verlosen 5x2 Tickets. Bitte rufen Sie folgende Nummer an, nennen Sie Name, Adresse und mit ein bisschen Glück gehören Ihnen zwei Tickets.Teilnahmeberechtigt sind alle SÜDKURIER-Abonnenten, die ihr Abo bereits abgeschlossen haben. Gewinnspielanmeldungen möglich bis 4. September. Benachrichtigung telefonisch. 01379/ 370 500 62 (50 Cent je Anruf)