Naturschutzwart Harmut Heise nennt ihn liebevoll „meine launische Diva: Man weiß nie, wann sie kommt und man weiß nie, wann sie geht“. Er muss selbst herzhaft lachen bei diesen blumigen Worten, mit denen er den Eichener See umschreibt – ein Phänomen, das seit vielen Jahrzehnten die Menschen in seinen Bann zieht. Mal ist er als kompletter See sichtbar, mal ist er verschwunden in den unergründeten Tiefen des Dinkelbergs, auf dem er gelegen ist. Erste Erklärungsversuche sind so einfach und scheitern doch so kläglich: Regnet es viel, steigt das Wasser. Regnet es noch mehr, füllt sich der See auf seinen Höchstwert von 2,80 Meter, abzulesen auf dem Pegel in der geografischen Mitte.

„Natürlich hat das auch etwas mit dem Niederschlag zu tun und den sich dadurch füllenden unterirdischen Dolinen“, erklärt Hartmut Heise. „Doch so einfach macht es uns der Eichener See leider nicht.“ Als Beispiel seien die lang anhaltenden, sinnflutartigen Regenfälle Ende Mai/Anfang Juni genannt. Während Bodensee und Rhein über die Ufer schwappten und der Niederschlag somit für gefährliches Hochwasser sorgte, erinnerte der Eichener See, im Optimalfall immerhin stolze 3,75 Hektar groß, eher an einen idyllischen Gartenteich.

Am Ende dieser zwei Wochen andauernden Regenzeit kamen zwar Dutzende von Menschen, die das Naturschauspiel in der Nähe der Gemeinde Schopfheim im Landkreis Lörrach bestaunen wollten – doch die mussten mehr oder weniger enttäuscht von dannen ziehen. Sie wurden zwar nicht Zeugen der wiederholten Wiedergeburt des Sees, doch sie konnten trotzdem die malerische und weitgehend unberührte Umwelt genießen. Seltene Enten, scheues Wild sowie majestätische Greifvögel sind regelmäßige Gäste in der einmaligen Naturlandschaft.


Die eigentlichen Stars des Eichener Sees sind allerdings so klein, dass man sie mit dem bloßen Auge kaum sehen kann. Hartmut Heise kann seine Begeisterung schwer bremsen, wenn er von den Kiemenfußkrebsen redet: „Diese einzigartigen Urzeitkrebse, die Tanymastix lacunae, sind in Deutschland nur im Eichener See zu finden“, sprudelt es aus ihm heraus. „Die Eier der winzigen Urzeittierchen liegen in Trockenzeiten auf der Wiese und werden erst durch das Austreten des Sees zum Leben erweckt. Die kleinen Krebse sind es, die ganz speziell schutzbedürftig sind.“

Diese Urzeitkrebse gehören einer Jahrmillionen alten Krebsgruppe an, die ursprünglich nur im Salzwasser vorkam, aber vor Millionen von Jahren aus Überlebensgründen gezwungen wurden, in Binnengewässer auszuweichen und da überwiegend in temporäre Gewässer. Hartmut Heise vermutet, „dass Enten diese Urzeitkrebse in den Eichener Karstsee getragen haben. Diese Kiemenfußkrebse wurden 1909 im Eichener See entdeckt und 1916 von einem Schweizer Wissenschaftler erstmalig untersucht und beschrieben.“ Ausgewachsene Tiere sind bis zu zwei Zentimeter groß und bewegen sich elegant und wellenartig durch das Wasser. Sie sind Rückenschwimmer und orientieren sich mit ihrer Bauchseite stets in Richtung des Lichteinfalls. In dunklen Nächten, wenn der Himmel bedeckt ist, lassen sich die Tanymastix in die Tiefen des Untergrundes absinken.

Schon als kleiner Junge war Hartmut Heise fasziniert vom Eichener See. Er erinnert sich an unzählige Stunden, die er hier verbrachte. „Der See ist ein fantastisches und schützenswertes Stück Natur, das wir erhalten müssen“, erzählt er. „Je mehr die Menschen darüber wissen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass noch viele, viele Generationen diesen Zustand genießen können.“ Willi Klemm radelt zusammen mit seiner Frau vorbei. Die beiden wohnen in Eichen, ein paar Minuten vom See entfernt. „Wir wollten mal schauen, ob er sich blicken lässt“, sagt Willi Klemm lachend. Schnell kommt er ins Gespräch mit Hartmut Heise. Sie schwelgen in der Vergangenheit.

„Mein Vater hat uns immer Bootle gebaut, damit wir Kinder auf dem See paddeln konnten“, erzählt er. „Und im Winter sind wir auf dem See Schlittschuh gelaufen – Kollegen waren mit Autos und Motorrädern auf dem Eis.“ Hartmut Heise erinnert sich, „dass die Menschen früher vertrauter waren mit dem See und er wurde anders genutzt. Naturschutz hat damals noch keine Rolle gespielt – man hat den See einfach genutzt.“ Beide sind sich einig: Der See erscheint immer seltener. „Ich könnte mir vorstellen, dass unterirdisch irgendwelche Kräfte wirken, dass sich Hohlräume vergrößern und daher immer mehr Wasser aufnehmen, bevor es an die Oberfläche kommen kann.“ Feststellen ließe sich das nur mit Echolotuntersuchungen, „doch die wären zu teuer“, sagt Hartmut Heise.

Mehrmals pro Woche führt Hartmut Heise Tiefenmessungen durch. Vor 60 Jahren wurde oberhalb des Sees ein Pegelrohr zu geologischen Untersuchungszwecken im Boden versenkt. Hartmut Heise schiebt akribisch ein schmales Maßband durch das Rohr, die Kabellichtlotsonde währenddessen stets im Blick. Das Lämpchen blinkt, sobald die Sonde Kontakt mit Wasser hat. Nun muss Hartmut Heise von der angezeigten Tiefe die 70 Zentimeter abziehen, die das Pegelrohr aus dem Boden ragt. Liegt der Pegel bei rund 39,5 Metern, weiß er: bald ist es so weit, bald schon sickert das Wasser durch das Gras. „Ich archiviere diese Daten penibel genau“, sagt er. „Und in der Regel kann ich aufgrund dieser Messungen auf zwei, drei Tage vorhersagen, wann das Wasser kommt.

Aber wie heißt es doch so schön: Ausnahmen bestätigen die Regel.“ Der See liegt in einer Mulde, einer Muschelkalk-Karstwanne. Er hat keinen oberirdischen Zuflu

ss, der Abfluss erfolgt unterirdisch sowie durch Verdunstung. Ähnliche Seen existieren in der Fränkischen Alb, der Schwäbischen Alb oder im Schweizer Jura. Hartmut Heise: „Der Zu- und Ablauf sind die Charakteristik eines Karstmuschelkalkgebietes“, erzählt er.
 

Der merkwürdige See in der Markgrafschaft Baden

  • Der See: Erstmals urkundlich erwähnt wird der See 1771, als fünf Menschen in ihm ertranken. Sie sollen aus dem Boot gefallen sein. Auch 1876 und 1910 kamen Menschen im See um. Die erste wissenschaftliche Beschreibung ist der Artikel „Von einem merkwürdigen See in der oberen Markgrafschaft Baden“ von Heinrich Sander, erschienen 1782 in der Zeitschrift „Der Naturforscher“. Der See steht seit 1939 unter Schutz.
  • Die Region: Der Dinkelberg, Heimat des Eichener Sees, unterscheidet sich vom Schwarzwald, der ihn umrundet: Er ist ein Relikt aus dem Erdzeitalter des Mitteltrias vor 240 bis 235 Millionen Jahren. Das Karstgewässer befindet sich in einer Karstlandschaft aus Muschelkalk, dem Dinkelberger Höhenzug, der am Rande der Verwerfung des Südschwarzwalds und den Südschwarzwälder Granit- und Gneisformationen liegt – dem kristallinen Grundgebirge. Diese Region zieht sich von Laufenburg über Bad Säckingen und Schopfheim bis nach Kandern und Bad Bellingen hin. Teile dieser Verwerfung, gerade im vorderen Hotzenwaldgebiet einschließlich Bad Säckingen, bestehen aus dem kristallinen Grundgebirge mit seinen Granit und Gneisformationen. Karst ist der ursprüngliche Name einer Kalkregion im italienisch-slowenischen Grenzgebiet. Heute wird der Begriff als Fachausdruck für Landschaften gebraucht, die sich durch unterirdische Entwässerung (Höhlenbildung) und ein oberirdisches Erscheinungsbild wie Dolinen (Erdfälle), Ponore (Wasserschwinden), Karstwannen (abflusslose Senken) oder ähnliches auszeichnen.
  • Der Muschelkalk: Man geht beim Eichener See von einer Gipsauslaugung im mittleren Muschelkalk aus. Die Seebildung wird ermöglicht durch tektonische Heraushebung der Karstbasis und der Hochlage des Karstwasserspiegels an der Wasserscheide zwischen dem Wiesen- und dem Wehratal. Karstlandschaften wie der Dinkelberger Höhenzug existieren in Mittelgebirgen wie der Schwäbischen Alb oder der Fränkischen Alb sowie im Schweizer Jura, die Fortsetzung der Dinkelberger Karstlandschaft. In den Kalkstein-Regionen des Höhenzuges kommt es durch CO?-haltiges Wasser zur Auflösung des Muschel- und Jurakalkes. Dabei haben sich unterirdische Hohlräume und Dolinen in Jahrmillionen gebildet.
  • Unser Gewinnspiel: Hartmut Heise, Fachmann für den Eichener See, führt zweimal sieben Personen am 18. September um den See und erklärt die Besonderheiten des Naturphänomens. Bitte unten stehende Nummer anrufen, Namen und Adresse nennen – mit Glück zählen Sie zu den Gewinnern. Teilnahmeberechtigt sind alle Abonnenten dieser Zeitung, die ihr Abo bereits abgeschlossen haben. Anmeldung bis 26. August. Benachrichtigung telefonisch. 01379/ 370 500 39 (50 Cent je Anruf).

 

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle, 2. August

Teil 2: Eichener See, 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer, 9. August

Teil 4: Silbermine, 12. August

Teil 5: Keltensiedlung, 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen, 19. August

Teil 7: Bad Boll, 23. August

Teil 8: Illmensee, 26. August

Teil 9: Schluchsee, 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle, 2. September

Teil 11: Steinegg, 6. September

Teil 12: Salpeterer, 9. September