Diese scheinbar unberührte Natur hier unten in der Wutachschlucht ist von betörender Schönheit. Nur wenige Kilometer entfernt von den nächsten menschlichen Siedlungen wie Boll oder Bonndorf – und doch so weit weg von der Zivilisation. Die Luft ist klar und rein. Gedanken ordnen sich von ganz alleine, Stress fällt unbemerkt von den Schultern.

Das harmonische Plätschern der Wutach schärft die Sinne fürs Wesentliche. Wer hier seine Seele entspannt baumeln lässt, der kann sich kaum vorstellen, was hier dereinst los war: Der Bade- und Erholungsort Bad Boll war über viele Jahrzehnte ein Rückzugort für tausende von gestressten Menschen, die hier in der Abgeschiedenheit den Weg zu sich selbst finden wollten. Mit dem Abriss der einstigen Kurhäuser im Jahr 1992 endete eine Ära, in der nach Berichten sogar Winston Churchill zu Gast war und Lachse und Bachforellen angelte. Auch Friedrich Wilhelm Nietzsche soll hier zu Gast gewesen sein.

Bevor Anton Kromer 1840 auf die Idee kam, die Kurhäuser zu errichten, stand auf dem Gelände ein kleiner Baunerhof. Direkt neben dem Stall sprudelte eine Quelle, aus der sich Menschen aus einem weiteren Umkreis mit schwefelhaltigem Wasser bedienten. Wissenschaftler bescheinigten der Quelle eine schmerzlindernde und heilende Wirkung, woraufhin Kromer seinen Plan umsetzte und die Gebäude mit dem Zwecke der Hydrokur erbaute, wie es in einer Beschreibung heißt. Binnen weniger Jahre wurde die Einrichtung sehr beliebt – und erfreute sich wachsender kontinentaler Aufmerksamkeit.

Sarah Hummel, eine Architekturstudentin aus Stuttgart, die für ihre Masterarbeit die Wiederherstellung von Bad Boll skizzierte, schreibt über die Anfänge: "Den dokumentierten Therapieerfolgen von Herr Dr. Eisele aus Bonndorf zufolge sollen verschiedene Leiden gelindert worden sein: Rheumatismen aller Art, Gicht, chronische Hautausschläge wie Krätze, Milchschorfe, Flechten, Geschwüre und diverse Brustkrankheiten, Unterleibskrankheiten, Magenschleimhautreizung, Neuralgien und Lähmungen, Nervenkrankheiten, Krankheiten der Schleimhäute und auch chronische Metallvergiftungen."

Übrig geblieben von den einst so mondänen Gebäuden ist eine wegen Einsturzgefahr geschlossene Kapelle. Die übrigen Anlagen wurden 1992 endgültig platt gemacht. "Die Landesregierung hat Bad Boll für rund eine Million Euro gekauft damals", erinnert sich Dieter Moser, der mit seiner Homepage z'Bonndorf die Erinnerung an die Einrichtung am Leben hält. "Und eine weitere Million hat es gekostet, alles zu vernichten. In meinen Augen war das ein Frevel auf Kosten des Steuerzahlers." Er würde lieber heute als morgen mithelfen, die alte Anlage wieder aufzubauen und ihr Leben einzuhauchen. Dieter Moser ist in Bonndorf aufgewachsen. Schon als kleiner Junge war er hier unten in der Wutachschlucht unterwegs. "Das war ein perfekter Spielplatz für uns Buben", erzählt er mit glänzenden Augen.

Die Wutach galt noch vor Jahrzehnten als das forellenreichste Gewässer des Hochschwarzwaldes. Der Tierreichtum, die heilende Wirkung der Quelle sowie die Schönheit der Natur sprach sich in Windeseile herum. Die Glanzzeit von Bad Boll dauerte von 1887 bis 1914, wie Sarah Hummel schreibt. Zu Beginn dieser Epoche wurde die Höllentalbahn gebaut. Der Freiburger Oberbürgermeister Karl Schuster kaufte Bad Boll – er baute die Anlage zu einem für damalige Verhältnisse strahlenden Wohlfühlpalast. Sarah Hummel: "Es entstand ein stattliches Kurhaus, ein Park mit zwei Seen und ein Badehaus. Strom wurde durch Wasserkraft in einem eigenen Turbinenhaus produziert, über Telegrafen war Bad Boll sogar mit der ganzen Welt verbunden."

1894 kaufte der “Bad Boll Fishing Club-Limited London” das große Anwesen, da es für englische Sportangler ideale Voraussetzungen bot. Die Engländer waren es auch, die die Wildnis in der Wutachschlucht für Touristen erschlossen: Sie bauten Stege und Brücken, legten Wanderwege und führten die Angler und Wanderer mit Schildern an die schönsten Plätze am Fluss und den Wasserfällen. Als der Erste Weltkrieg begann, endete der englische Besucherstrom nach Bad Boll.
 


Die Anlage wurde an einen Hotelpächter verkauft und diente von 1918 bis 1960 als Tagungsstätte. Ab 1972 wurde eine Klinik eingerichtet. 1975 brannte das Kurhaus ab, worauf das Land Baden-Württemberg das Areal kaufte und die Gebäude abtragen ließ. Trotz Proteste insbesondere von der Nachbargemeinde Löffingen wurden die restlichen Gebäude schließlich 1991 abgetragen. Dieter Mellert, der damalige Bürgermeister Löffingens, erstand den ehemaligen Kiosk Bad Bolls und brachte ihn in Einzelteilen in seine Heimat. Heute steht der Kiosk beim Löffinger Eisweiher.

Die Studentin Sarah Hummel hat mittlerweile ihr Studium mit der Masterarbeit über eine Neugestaltung der Kuranlage abgeschlossen. Sie sagt: "Ich kann mir vorstellen, noch einen Schritt weiter zu gehen als dieser Entwurf und einen Plan vorzulegen, wie man die Kapelle – wenn auch vielleicht recht brutal, aber sicherlich Aufsehen erregend – einbetonieren könnte." Ihr Professor aus Berlin habe sie darauf angesprochen und aufgefordert, dieses Projekt unbedingt weiter zu verfolgen und Bad Boll nicht mehr aus den Augen zu verlieren.

Dieter Moser nimmt diese Worte gerne auf: "Von Anfang an war ich begeistert von der Idee, Bad Boll neu zu gestalten. Im ersten Moment klingt der Plan natürlich etwas utopisch, doch es wäre genial, ihn zu realisieren." Eigentümer ist das Land Baden-Württemberg. Sarah Hummels Anfrage wurde mit dem Verweis auf den Naturschutz abgelehnt. Dieter Moser: "Es gibt offenbar regelmäßig Anfragen von Interessenten, die dort irgendetwas errichten wollen. Nach letzten Meldungen soll die Kapelle in Bad Boll im Spätherbst renoviert werden."

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

 

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September

Literarische Werke über Bad Boll und unser Gewinnspiel

  • Samuel Pletscher, ein Schweizer Dichter und Schriftsteller aus Schleitheim im Kanton Schaffhausen direkt an der Grenze zu Deutschland, schreibt in seinem Werk „Der Kurort Bad Boll“ aus dem Jahr 1879 zum Fischreichtum in der Wutach: „Die Wutach beherbergt in der Nähe der Anstalt hauptsächlich Forellen und Äschen, wenig Weissfische und gar keine Hechte. Weiter aufwärts verlieren sich auch die Äschen; von Dietfurt an findet man nur noch Forellen in der Obern Wutach. Dagegen zeigen sich in der Gegend von Achdorf ziemlich viel Weissfische und andere gemeinere Fischsorten. Zur Laichzeit steigen mitunter auch Lachse die Wutach aufwärts. So wurden kürzlich bei Oberlauchringen Prachtexemplare von Lachsen gefangen. Der seiner Zeit gemachte Fund eines grossen Angels aus Bronze in der Wutach weist darauf hin, dass vor alter Zeit, vielleicht von den Römern, der Lachsfang hier betrieben worden ist.“
  • Ida Alexa Ross Wylie wurde am 16. März 1885 in Melbourne in Australien geboren und war zur Zeit ihrer Reise nach Bad Boll im Jahre 1910 25 Jahre alt. Mehrere ihrer Bücher wurden in Hollywood mit Katharine Hepburn verfilmt. Sie hat ein herrliches Buch geschrieben über ihre Zeit in Bad Boll: Rumbles in the Black Forest, Rumpeln im Schwarzwald. Ein Auszug: „Eine schmale Straße führte mit einer bedrohlichen Steilheit abwärts, welche sogar unseren Chauffeur zum Kopfschütteln brachte. Er zweifelte umso mehr, da der Bezirk neu für ihn war, und er konnte kaum glauben, dass in dieser Einsamkeit menschliche Behausung zu finden sein sollte. In der Ferne hörten wir das dumpfe Dröhnen eines angeschwollenen Flusses, und mit einer Plötzlichkeit, an die man sich im Schwarzwald allmählich gewöhnt, endete die Straße. Eine angenehm aussehendes, weiß gewaschenes Haus, über dessen einladendes Gesicht in großen Buchstaben BAD BOLL geschrieben stand, sagte uns, dass die Tagesreise zu Ende war. Es gibt nichts Angenehmeres als bei einem echten alten Schwarzwaldhotel anzukommen. Es ist wahr, dass es da keinen Komfort und Luxus gibt, aber der Wirt und seine Frau kommen heraus, um sie mit freundlicher Wärme zu begrüßen und zeigen eine persönliches, immer respektvolles, Interesse an ihrem Wohlergehen, was Reisenden guttut, die an die unpersönliche Art von eleganten Hotelbesitzer gewöhnt sind.“
  • Unser Gewinnspiel: Wir laden 16 Personen ein zu einer Führung am 28. August zwischen 10 und 14 Uhr die Wutachschlucht hinab nach Bad Boll. Bitte rufen Sie folgende Nummer an, nennen Namen und Adresse. Teilnahmeberechtigt sind SÜDKURIER-Abonnenten, die ihr Abo bereits abgeschlossen haben. Anmeldungen bis 26. August. Benachrichtigung telefonisch. 01379/ 370 500 48 (50 Cent je Anruf).