Dieser lieblose, eiserne Deckel hinten an der Hecke gleich neben dem östlichen Kreuzgang des Konstanzer Münsters hat wenig Wirkung auf echte Schatzsucher. Was soll sich darunter schon verbergen? Kanäle wahrscheinlich. Abstellräume womöglich. Eine Art unterirdische Rumpelkammer mit Mehrzweck vielleicht. Aber eine historische, klerikale Stätte mit mysteriösem Tiefgang? Ein Sensationsfund aus den 50er-Jahren, der in der kirchlichen Welt für Aufsehen sorgen sollte? Tatsächlich liegt hier eines der letzten großen Geheimnisse der Stadt vergraben – die St. Barbarakapelle, eine untergegangene Welt im wahrsten Sinne des Wortes.

Alois Arnold, Architekt bei der Stadt Konstanz in der Abteilung Bau und Vermögen, verkeilt das Stemmeisen, hebt laut knarzend den schweren Deckel an. Das kostet ihn ordentlich Kraft. „Hereinspaziert“, sagt der Mann schließlich und zeigt hinab in den tiefen, dunklen Schlund. Das obere Ende einer Leiter ist zu erkennen. Alois Arnold zieht die Handführung heraus, die den Einstieg erleichtern soll. Die viereckige Öffnung im Boden hat knapp einen Meter Durchmesser. Nicht wirklich einladend. Doch wer die Unterwelt erkunden möchte, der muss sie auch betreten. Furchtlos und mit Sinn fürs Abenteuer. Die großen Schritte die zehn Sprossen hinunter entführen in eine angenehme Kühle an diesem heißen Sommertag. Rund um die Leiter sind die Überreste der einstigen steinernen Wendeltreppe zu erkennen, ein kurzer Durchgang führt über einen unebenen Boden hinein in die sagenumwobene Kapelle. Dumpfe Stille und tiefe Dunkelheit sorgen für ein betäubendes Gefühl. Wer hier ankommt, der wagt es zunächst nicht, laut zu reden. Das verbale Automatikgetriebe schaltet unbemerkt in den Flüstermodus. Als ob man die Totenstille der hier einst begrabenen Menschen nicht stören wolle.



Es war im Jahr 1957, als sich Historiker und Archäologen auf die Suche machten nach römischen Spuren rund um das Münster. Parzelle für Parzelle wurde umgegraben. Irgendwann stießen sie auf Mauermaterial, das unmöglich aus der Zeit der Römer stammen konnte. Vorsichtig gruben die Wissenschaftler weiter und hoben Stück für Stück die Kapelle aus. „Man wusste zwar aufgrund von Überlieferungen, dass irgendwo die Barbarakapelle sein musste“, erklärt Kunsthistoriker Franz Hofmann. „Doch danach gesucht hatte niemand. Es war nicht bekannt, ob irgendetwas davon übrig geblieben war, da sie 1800 zugeschüttet wurde.“ Damals, so wird überliefert, fand sich keine Verwendung mehr für den unterirdischen Sakralbau. Nicht einmal ein Lageplan wurde hinterlassen. Dem Zufall also haben wir diese beeindruckende Attraktion zu verdanken.

 

Bis ins Jahr 1401 stand am heutigen Eingang in die Kapelle eine mächtige, alte Linde. Jakob von Ulm, Familienmitglied der Herren von Ulm und somit Teil des Konstanzer Stadtadels, die unter anderem einen Wohnsitz im Schloss Marbach auf der Höri hatten, stiftete die Kapelle. Sie sollte der Familie als Grablege dienen, 1957 wurden Gebeine und Schädel gefunden. „Genau genommen war aber weder Kapelle noch Gruft Gegenstand der Stiftung des Jakob von Ulm“, erzählt Franz Hofmann, „sondern ein Ölberg, der an dieser Stelle errichtet werden sollte.“ Der Historiker geht davon aus, dass ohne den beeindruckenden Ölberg mit lebensgroßen Heiligenfiguren die Errichtung einer Familiengrablege gar nicht möglich gewesen wäre. Heute ist nicht bekannt, was aus dem Ölberg geworden ist.

Ähnliche Werke stehen an der Südseite des Radolfzeller Münsters oder der Südseite des Überlinger Münsters. Überliefert zur Lage der Kapelle sind die lateinischen Worte „sub monte oliveti“ – unter dem Olivenbaum. Ein Beleg für die Existenz des oberirdischen Bauwerks.

In der Mitte der Kapelle stehen die Fragmente einer sechseckigen Säule. „Sie hat das Zwölfsterngewölbe getragen“, so Franz Hofmann. „Die Kapelle an sich ist ja ebenfalls sechseckig.“ Ein Zwölfsterngewölbe gilt als Kleinod mittelalterlicher Kapellenarchitektur: Ein Stern mit sechs Strahlen bildet den Mittelpunkt der Decke, der Stern wird umrahmt von einem Zwölfeck und ergibt in seiner Gesamtheit ein beeindruckendes Gewölbe. In Ausrichtung Osten eine rechteckige Ausbuchtung im unebenen Boden: Jakob von Ulms Grab, dahinter in die Wand eingearbeitet stand ein Altar. „Vielleicht war er ausgemalt, vielleicht standen dort Figuren“, so Franz Hofmann. „Die Jahrhunderte haben das alles komplett zerstört. Niemand weiß, wie das genau ausgesehen hat.“ Fragmente einer Grabfigur mit zu Füßen kauerndem Löwen wurden hier gefunden. An der Westwand befindet sich eine Waschbeckennische, ein paar Meter daneben eine Einbuchtung, die nicht hundertprozentig definiert ist. Hofmann: „Vielleicht stand dort eine Art Einbauschrank“, sagt er. „Es sieht so aus, als hätte man die Einbuchtung verschließen können.“ Eine mysteriöse untergegangene Welt, die wahrscheinlich auf alle Zeiten den Historikern nicht zu beantwortende Fragen stellt.

Verwunderlich, dass die Stadt Konstanz die St. Barbarakapelle nicht touristisch nutzt. Historiker Franz Hofmann und der langjährige Mesner Konrad Schatz führen zwar hin und wieder Neugierige hinab in den Sakralbau. Ansonsten jedoch ist das Verlies für die Öffentlichkeit verschlossen. „Man müsste viel daran arbeiten“, sagt Alois Arnold. „Von der Südseite her dringt Feuchtigkeit ein, man müsste die Kapelle trockenlegen und den Boden ebnen. Unsere Aufgabe ist die Bewahrung und Erhaltung der Kapelle in baulicher als auch restauratorischer Sicht.“ Franz Hofmann versteht nicht, „warum im Zuge der Münsterplatzneugestaltung 2004 nicht die Betonplatte weggemacht und durch eine Glaskuppel ersetzt wurde. So hätte man wenigstens von oben auf die Kapelle schauen können“. Bereits damals wies er darauf hin – wurde jedoch nicht erhört.

 

Jakob von Ulm, St. Barbara und unser Gewinnspiel

  • Wer war Jakob von Ulm? Der Mann war Mitglied des wohlhabenden Patriarchats, was ein System von sozialen Beziehungen beschreibt, das in den maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern von Vätern und allgemein von Männern geprägt und kontrolliert wird. In Konstanz ist ein Jacobus von Ulm im Jahr 1376 genannt, bei dem es sich um den Stifter der Barbarakapelle handeln soll. Sohn Jakob von Ulm ist 1406 bis 1408 nachgewiesen, er war mit Lucia Blarerin verheiratet. Obwohl die Herren von Ulm zum Konstanzer Stadtadel gehörten, hatten sie später ihren Sitz auf der Höri. Historiker Franz Hofmann hat recherchiert, dass sie ab etwa 1409/1413 das befestigte Schloss Marbach bei Wangen bewohnten, das im Städtekrieg 1441 zerstört wurde. Ein Heinrich von Ulm besaß 1425 als Lehen das aus einer Wasserburg heraus entstandene Schloss Kattenhorn bei Öhningen. Hans Ludwig von Ulm erwarb das zerstörte Schloss Marbach 1598. 1828 verkaufte er das Schloss. „Das erklärt, warum nur Stifter Jakob von Ulm in der Barbarakapelle bestattet wurde“, sagt Franz Hofmann. Die spätere Grablege befand sich in der Pfarrkirche von Wangen auf der Höri.
  • Woher stammt der Name St. Barbara? Die christliche Kirche feiert am 4. Dezember den Barbaratag, der Gedenktag der heiligen Barbara. Barbara von Nikomedien (griechisch: die Fremde) war eine christliche Jungfrau, Märtyrerin und Heilige des 3. Jahrhunderts, deren Existenz historisch nicht gesichert ist. Der Überlieferung zufolge wurde sie von ihrem Vater enthauptet, weil sie sich weigerte, Glauben und jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben. Barbarazweige sind Zweige von Obstbäumen, die am 4. Dezember, dem Gedenktag der hl. Barbara, geschnitten und in der Wohnung aufgestellt werden. Sie sollen bis Heilig Abend blühen und in der düsteren Winterzeit zum Fest Schmuck in die Wohnung bringen. Die Kapelle wurde Barbara gewidmet und hier wurden auch die Gottesdienste am Barbaratag gefeiert. Franz Hofmann schmunzelnd: „Im 18. Jahrhundert gab es da Probleme: Musiker standen draußen und froren, der Priester stand unten“, berichtet er. „Und beide Seiten haben sich beschwert, dass sie die andere Seite nicht gehört hätten.“

Unser Gewinnspiel: Wir verlosen eine Führung durch die St. Barbarakapelle. Historiker Franz Hofmann und Architekt Alois Arnold werden Sie am 19. September um 18 Uhr in die Geheimnisse einführen. Sie sollten gut zu Fuß sein und festes Schuhwerk tragen, Personen mit Platzangst sind leider nicht geeignet. Bitte folgende Nummer anrufen, Namen und Adresse nennen. Teilnahmeberechtigt sind SÜDKURIER-Abonnenten, die ihr Abo bereits abgeschlossen haben. Anmeldungen bis 26. August. Benachrichtigung telefonisch. 01379/ 370 500 31 (50 Cent je Anruf).

 

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September