Es ist erstaunlich: Da schicken wir Menschen auf den Mond, klonen Schafe oder sagen das Wetter von nächster Woche voraus. Doch bei der Bestimmung von einer Handvoll Höhlen kommen wir partout nicht weiter. Im westlichen Gebiet des Bodensees finden wir in Stockach-Zizenhausen noch sehr gut erhaltene, in Überlingen-Goldbach leicht übersehbare Reste von Heidenhöhlen oder Heidenlöchern. "Diese Höhlen sind eindeutig von Menschenhand geschaffen", sagt Historiker Franz Hofmann, der sich wissenschaftlich mit diesen Phänomenen auseinandersetzt und das Buch "Geheimnisvolle Heidenhöhlen" verfasst hat. "Entstehungszeitraum und Verwendungszweck sind unbekannt. Die Bezeichnung Heiden wurde oft gebraucht, wenn man etwas vorfand, dessen Ursprung man in vorchristlicher Zeit vermutete." Der Name leitet sich entweder von jenen Heiden ab, die sich zur Zeit der Christianisierung hier niederließen, oder aber vom schwäbischen Wort Heiden, womit Straßenräuberbanden bezeichnet wurden.

Während die Heidenhöhlen in Zizenhausen in voller Pracht dastehen und besichtigt werden können, sind von denen in Überlingen nur noch rudimentäre Spuren ersichtlich. "Die Zerstörung dieser einzigartigen Höhlen war ein Frevel an der nachkommenden Menschheit", sagt Franz Hofmann. "Für mich als Historiker unverständlich, wieso man das gemacht hat." Die Bewohner scheinen das so ähnlich zu sehen – das Interesse an den Höhlen ist riesig. Vor wenigen Jahren hatte die Ausstellung „Das Geheimnis der Heidenhöhlen“ in Überlingen auf einen bemerkenswerten Zuspruch: Aus Platzgründen fand die Eröffnung im Kursaal und nicht im Museum statt, mehr als 600 Gäste kamen und sorgten für ein pickepacke volles Haus.

224 Exemplare des Werkes "Geheimnisvolle Heidenhöhlen" von Franz Hofmann wurden alleine an diesem Abend verkauft. Die Überlinger Wolfgang Wörner und Michael Mezger berichteten aus ihrer Kindheit, die sie, wann immer es ging, bei und in den Heidenhöhlen verbrachten. Wörner erzählte von den Räuber-und-Gendarm-Spielen, Mezger beschrieb, wie er mit seinen Kumpels dort, an diesem für sie „schönsten Platz“ mit Seeblick, „herumgegeistert“ seien. 1960 jedoch wurden die Höhlen zerstört – das Molassegestein bekam erste Risse und wurde als nicht mehr sicher eingestuft.

Franz Hofmann will bis heute nicht verstehen, "dass davor keinerlei Dokumentation vorgenommen wurde". Eine wissenschaftliche Aufarbeitung hatte es auch 1846 nicht gegeben, als der westliche Teil der Höhlen gesprengt worden war. Damals wurde Raum für die neue Uferstraße geschaffen. Immerhin: Es existiert ein Grundrissplan von 1847.
 


 

Franz Hofmann ist sich sicher: "Zumindest ein Teil der Anlage hatte eine sakrale Funktion. So ist der östlichste Teil der Heidenhöhlen um 1200 zu einer frühgotischen Kapelle ausgebaut worden", berichtet er. "Mit fein gearbeiteten Gewölben, gerahmten Fensteröffnungen und umlaufenden, profilierten Gesimsen. Altäre oder Bildschmuck sind jedoch nicht erhalten geblieben, ebenso wenig Dokumente oder Urkunden dazu." Über die Bedeutung ließe sich spekulieren. Die Goldbacher Sylvesterkapelle war wohl älter und bedeutender als der Kapellenraum in den Heidenhöhlen.

Sehr gut möglich ist, dass Pilger und Wallfahrer die Höhlenkapelle aufsuchten und dass zeitweise ein oder mehrere Eremiten hier lebten und die Kapelle und ihre Besucher betreuten. Auch in der Felskapelle St. Katharina lebten immer wieder Einsiedler, ein Votivbild von dort ist erhalten. 1770 waren im östlichen Bereich Arme und Bedürftige untergebracht.

Heidenhöhlen finden sich nahezu ausschließlich rund um den Bodensee. Grund dafür sind die geologischen Beschaffenheiten, die ideal sind für Höhlen oder Löcher – der Molasse-Sandstein eignet sich perfekt. Diese, bis zu 200 Meter dicke Sandsteinschicht hatte sich im Tertiär vor 40 bis 50 Millionen Jahren aus Ablagerungen in einer riesigen, vom Meer überfluteten Senke herausbildet. Diese Senke reichte von Wien bis Lyon. Am Überlinger See ist diese Gesteinsschicht gut zu sehen, wie Franz Hofmann erklärt: zwischen Wallhausen und Bodman, zwischen Überlingen und Sipplingen, wo große Teile der Felsen frei liegen und steil bis senkrecht am Seeufer aufsteigen bzw. aufstiegen.

Geologen bezeichnen diese unterste Gesteinsschicht der Oberen Meeres-Molasse als Heidenlöcherschichten. Überlingen selbst ist auf diesem Molassefelsen erbaut, wie die spätmittelalterliche Stadtbefestigung eindrucksvoll zeigt.

Von dort verläuft die Felswand nach Nordwesten: über den Stadtpark und die Überlinger Therme, dort, wo im Zweiten Weltkrieg KZ-Häftlinge beim Bau von Stollen für unterirdische Industrieanlagen im Felsen geschunden wurden, bis hin zur Kapelle von Goldbach; von Goldbach bis Brünnensbach, wo die Überlinger Umgehungsstraße zum Seeufer herabführt; von Brünnensbach bis zur Süßenmühle, wo der Hödinger Tobel endet; von der Süßenmühle nach Sipplingen in verschiedenen Höhenstufen zwischen Seeufer und rückwärtiger Höhenlinie. Wer mit dem Auto oder dem Fahrrad hier entlang fährt, kann die Höhlen anhand von Umrissen erahnen.

Im Stockacher Stadtteil Zizenhausen sind mehrere Höhlen bestens erhalten und ein lohnendes Ausflugsziel. Sie liegen inmitten eines Waldes an einem steilen Hang. Als Heidenlöcher waren sie nachweislich seit dem Jahr 1786 bewohnt, wie ein in Fels geritztes Gedicht am Eingang einer der Höhlen vermuten lässt. Dennoch dürften die künstlichen Höhlen deutlich älter sein. Über mehrere Gänge sind die einzelnen Höhlenräume miteinander verbunden und boten zuletzt um 1910 einer Armenfamilie Zuflucht.

 

Die Serie

Wir bringen Sie an zwölf mystische Plätze der Region. Begleiten Sie uns auf der geheimnisvollen Suche nach untergegangenen Welten.

Teil 1: Barbarakapelle 2. August

Teil 2: Eichener See 5. August

Teil 3: Jüdische Dörfer 9. August

Teil 4: Silbermine 12. August

Teil 5: Keltensiedlung 16. August

Teil 6: Heidenhöhlen 19. August

Teil 7: Bad Boll 23. August

Teil 8: Illmensee 26. August

Teil 9: Schluchsee 30. August

Teil 10: Burgen/Kastelle 2. September

Teil 11: Steinegg 6. September

Teil 12: Salpeterer 9. September