Im Programm der Hörspielkirche in der Jakobus-Kirche Sipplingen zählte das Hörspiel „Menschliches Versagen“ des Schweizer Autors Lukas Holliger zu den besonderen Beiträgen: Es thematisierte ganz nah am Ort des schrecklichen Geschehens eines der schwersten Unglücke im europäischen Luftverkehr, die Flugzeugkatastrophe vom 1. Juli 2002 bei Überlingen. 72 Menschen – 49 Kinder und Jugendliche sowie 23 Erwachsene – kamen damals ums Leben. Ekkehard Skoruppa, Redakteur beim zweiten Programm des Südwestrundfunks, ging in Sipplingen in seinem Statement vor allem auf die tragische Verkettung bis zum gewaltsamen Tod des Skyguide-Fluglotsen im Mai 2010 ein, auf Vorurteile und wirtschaftliche Interessen.

Musik mit scharfen Signalen und schnelle Rede verdeutlichten die dramatisch Sekunden, als Tupolew und Boeing sich im Sinkflug mit einer Geschwindigkeit von 1300 Kilometern pro Stunde einander näherten: „18 Sekunden später hätte ich wieder Zeit gehabt, und 49 Kinder hätten erwachsen werden können.“ Doch der Zeitpunkt 23:35:32 Uhr kostet 71 Menschen das Leben. Viele Gesichtspunkte kamen in dem Hörspiel zur Sprache: Ist die individuelle Lebensführung Schuld an Mord oder Totschlag? Ersetzt Geld die Gerechtigkeit, die Entschuldigung? Hat Entschuldigung gar mit kulturellen Aspekten zu tun? Lukas Holliger verdeutlichte im Gespräch mit Ekkehard Skoruppa über seine Auftragsarbeit, dass das Geschehen im 40-minütigen Hörspiel, in schlaglichtartigen Reden, intensiver wirkt als beim Spiel im Theater. Er wollte mit der Sprache arbeiten, die hier besser funktioniert.

Susanne Karras aus Herdwangen vermisste im Hörspiel, das fast den Hörspielpreis der Kriegsblinden – den wichtigsten für Hörspiele – erhalten hätte, die Betroffenheit der Menschen am Bodensee, aus der heraus viele Kontakte entstanden seien und die immer noch groß sei. Auch die Unfalluntersuchung nannte ein Zuhörer tragisch, vor allem die Frage nach privater und öffentlicher Entschuldigung. Das Hörspiel zeigte auf, wem mehr zu gehorchen war, dem Menschen oder dem Computer. Die Eindeutigkeit hierfür habe damals gefehlt.

 

Hörspielkirche

Zwei Hörspielkirchen gibt es in Deutschland: die erste im mecklenburgischen Federow bei Waren an der Müritz, die zweite in der Jakobus-Kirche in Sipplingen. Das Projekt der evangelischen Kirchengemeinde Ludwigshafen/Sipplingen wird von der evangelischen Landeskirche Baden sowie der Gemeinde Sipplingen gefördert.

Die Hörspielkirche startete am 6. Juli. Wenn sie am Sonntag, 15. September, um 18 Uhr mit einem Gottesdienst endet, sind im Rahmen der Hörspielkirche über 50 Hörspiele zu hören gewesen. Das Programm im Internet: www.hoerspielkirche-sipplingen.de