Fachwissen konnte vor der Ermordung schützen, das habe der junge Shimon (Sigmund) Nissenbaum geahnt. Wenn in den Lagern für Sonderaufgaben Fachleute gesucht waren, habe sich dieser immer gemeldet, egal, ob er Ahnung hatte oder nicht. Irgendwie habe er sich auch bei der schwierigsten Aufgabe durchgemogelt, möglicherweise unterstützt vom Bruder Josef, einem gelernten Schweißer. Shimon Nissenbaums Söhne Benjamin und Gideon berichten von ihrem 2001 verstorbenen Vater, der die Grauen des Naziterrors erfahren hat. Die Söhne sagen rückblickend über den Vater: „Es war eines der vielen Wunder, dass er überhaupt überlebt hat.“ Shimon Nissenbaum aus Polen überstand Konzentrationslager und Zwangsarbeit. Er gehörte zu den ersten Juden, die es in der Nachkriegszeit nach Konstanz verschlug, in eine Stadt ohne jüdisches Leben. Die Synagoge war zerstört, das Gemeindeleben aufgelöst, jüdische Familien waren vertrieben oder ermordet. Shimon Nissenbaum gehörte zu denen, die die Grundsteine für neues jüdisches Leben in der Stadt legten.

Shimon Nissenbaum kam 1945 aus Offenburg nach Konstanz, am Ende einer Odyssee des Horrors, die im Alter von zwölf Jahren begonnen hatte. Zusammen mit seinen Eltern und vier Geschwistern war er ins Warschauer Ghetto, später in Konzentrationslager gekommen. Seine Mutter, die beiden Schwestern sowie ein Bruder starben in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. Vater Leib, der Bruder Josef und der junge Shimon gelangten Ende März 1945 als Zwangsarbeiter ins Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof in Offenburg. Sie sollten Bahngleise reparieren und Blindgänger am Weg entschärfen.

Auf dem Synagogenplatz wurde 1946 eine Erinnerungstafel errichtet. Shimon Nissenbaum (2. v. re.) und sein Bruder Josef (3. v. li.) ließen sich dort fotografieren.
Auf dem Synagogenplatz wurde 1946 eine Erinnerungstafel errichtet. Shimon Nissenbaum (2. v. re.) und sein Bruder Josef (3. v. li.) ließen sich dort fotografieren. | Bild: Privat

Drei Wochen vor der Kapitulation wurde der Vater mit 42 anderen kranken Häftlingen im Keller des Lagers von Aufsehern erschlagen. Andere, darunter Shimon und sein Bruder Josef, wurden in einen Zug verfrachtet, der auf Höhe Geisingen durch Schüsse der Alliierten auf die Lok gestoppt wurde. Die Gefangenen nutzten den Halt, um zu fliehen. Shimon Nissenbaum griff sich zwei Aktentaschen und einen Mantel aus einem der Abteile der Aufseher. In den Taschen hätten die Listen mit den 42 im Lager Ermordeten gesteckt. Nissenbaum habe sich später dafür eingesetzt, dass der Ermordeten gedacht wurde. Die Flüchtenden irrten durch den Wald, liefen Alliierten in die Hände, und waren endlich in Sicherheit.

Wie viele andere Überlebende aus süddeutschen Konzentrationslagern (Dachau, Heuberg, Offenburg, Überlingen) kamen Shimon und sein Bruder Josef nach Konstanz, weil dort die Grenze zur Schweiz war. Die meisten der Überlebenden wollten auswandern, in die USA oder nach Palästina. Die früheren Zwangsarbeiter und Verschleppten in Konstanz kamen im früheren Gemeindehaus in der Sigismundstraße 21 unter, das anders als die Synagoge nicht zerstört wurde, sowie in Gasthäusern wie dem Metropol (heute Pfannkuchen) oder dem Petershof.

Der junge Shimon Nissenbaum gehörte 1945 zu den ersten Juden in Konstanz.
Der junge Shimon Nissenbaum gehörte 1945 zu den ersten Juden in Konstanz. | Bild: Privat

Shimon Nissenbaum habe zu denen gehört, die auswandern wollten, er habe sich auch für Emigrations-Vorbereitungskurse engagiert. Sein Bruder sei dann tatsächlich nach Amerika gegangen, er selbst dann aber geblieben. Er habe erzählt, er habe beim Aufbau der Demokratie in Deutschland helfen wollen, sagen Gideon und Benjamin Nissenbaum.

Die ersten größeren Gottesdienste in Konstanz feierten die Juden in der Nachkriegszeit im Saal der Wessenberg-Galerie. Die Stadt Konstanz stellte den Raum auf Bitten eines israelitischen Komitees zur Verfügung, das sich aus KZ-Überlebenden gebildet hatte. Die Stadtverwaltung vergab den Raum allerdings nicht kostenfrei, sondern verlangte 20 Reichsmark für jede Nutzung.

Shimon Nissenbaum verdiente seine Brötchen in der Anfangszeit in Konstanz als Altwarenhändler. Die Söhne schildern ihn als teilweise waghalsigen, aber erfolgreichen Unternehmer, der 1958 das Grundstück der früheren Synagoge kaufte, dort 1964 ein Bürohaus baute und eine Privatsynagoge einrichtete. Sein Leitspruch sei gewesen: „Man kann alles, man muss es nur wollen.“ Wenn er zum Vater gekommen sei, um sich wegen einer erfahrenen Ungerechtigkeit zu beklagen, habe er kaum Trost erwarten dürfen, sondern die Frage, was er denn selbst zur Besserung der Lage beigetragen habe, sagt Gideon Nissenbaum. Sein Vater habe Nichtjuden gegenüber immer die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Zu einem seiner engsten Mitarbeiter habe ein früherer deutscher Major gehört.