Das Attentat vom 2. Juni 1878 auf Kaiser Wilhelm I., der bei einer Fahrt in offener Kutsche in Berlin durch 30 Schrotkugeln schwer verletzt wurde, löste in den deutschen Zeitungen eine deutsch-nationale Hysterie aus. Zumal der Kaiser nur drei Wochen zuvor einem Attentat unverletzt entkommen war.

"Ein zweiter Schuss! Ins Herz der deutschen Ehre! Ein Brandmal auf der Stirn des Vaterlandes", lauteten die ersten Zeilen eines der Badischen Landeszeitung entnommenen Gedichts, das der Alb-Bote in voller Länge auf der Titelseite seiner Ausgabe vom 6. Juni 1878 veröffentlichte und dazu weiter ausführte: "Die Wahrheit dieser Worte fühlt ein jeder Deutscher, ein jeder Patriot, und wer es nicht fühlt, macht sich zum stillen Associé (Teilhaber, Red.) jener Mordgesellen, welche durch den meuchlerischen Anschlag auf das teure Leben unseres so hoch verehrten Kaisers die deutsche Ehre vor ganz Europa geschändet haben. Ja ganz Europa fragt sich entrüstet, wie es möglich, wie es fasslich ist, dass eine Hand die Mordwaffe erheben kann gegen Kaiser Wilhelm, gegen diesen als Fürsten so großen Mann, unter dessen glorreicher Regierung Deutschland sein Morgenrot anbrechen sah, mit dem die ganze durch ihn wieder geeinte Nation eine so große, in der Weltgeschichte epochemachende ruhmreiche Zeit verlebt hat. (...) Doch Gott hat es gnädig gewendet, die Mordwaffe hat das teure Leben wohl schwer bedroht, doch nicht geendet."

Attentäter war der 30-jährige promovierte Landwirt Karl Eduard Nobiling, der aus dem Fenster seiner Wohnung auf den vorbeifahrenden Kaiser schoss, der von 30 Schrotkugeln an Kopf, Arm und Rücken getroffen wurde. Nur sein dicker Mantel und die Pickelhaube bewahrten ihn vor dem Tod. Der psychisch kranke Attentäter schoss sich nach dem Anschlag in den Kopf, überlebte zunächst, erlag jedoch vor seinem Prozess seinen Verletzungen. Als Motiv hatte er das Erlangen von Ruhm genannt. Der Alb-Bote veröffentlichte zahlreiche Berichte über das Attentat und die Genesung des 81-jährigen Kaisers, darunter Telegramme der badischen Großherzogin Luise, der Tochter des Kaisers. "Gestriger Tag günstig verlaufen, kein Fieber, sehr wenig Schmerzen, viel Schlaf, etwas Appetit..."

Aus der "Vossischen Zeitung" übernahm der Alb-Bote, dass der Kaiser sich "bald nach Anlegung des ersten Verbandes seinen Helm und Mantel zeigen ließ. Beim Anblicke des Helms, der von 18 Schrotkörnern durchbohrt ist, von denen eines noch leicht die Stirne verletzt hat, sagte er wehmütig: ,So oft hast Du, alter Helm, Deine Schuldigkeit getan und auch jetzt wieder mein Leben beschützt! Der Mantel ist so durchlöchert, als ob er von Motten zerfressen wäre." Wilhelm I. kehrte nach seinen Genesungsaufenthalten in Baden-Baden und Wiesbaden im Dezember 1878 nach Berlin zurück. Dass die vorher eher schwächelnde Gesundheit des Monarchen durch den Schock des Attentats wider Erwarten gestärkt wurde, hat seinerzeit viele erstaunt. Der Kaiser selbst nannte den Attentäter später einmal seinen "besten Arzt".

Rückblende: 1878

Die Empörung über die Attentate von 1878 nutzte Reichskanzler Bismarck, um das Sozialistengesetz durchzubringen, indem er verbreiten ließ, Nobiling sei Sozialdemokrat gewesen. Das erste Attentat auf Wilhelm I. verübte 1861 ein Student in Baden-Baden. Einer von zwei Schüssen streifte den Hals des Kaisers. Beim zweiten Attentat am 11. Mai 1878 in Berlin verfehlte ein Klempnergeselle den Kaiser. Ein viertes Attentat auf Wilhelm I. mit Dynamit planten Anarchisten 1883, doch wegen feuchten Wetters versagte der Zünder.