In der Manege des Zirkus "Probst" auf dem Chilbiplatz in Waldshut war an diesem späten Nachmittag im Mai vor 20 Jahren die Tigerdressur gerade zur Hälfte vorbei. Nervenkitzel hatte das Premierenpublikum gepackt, darunter Familien mit Kindern. Doch dann der Schock, als Dompteur Charles Dubee (40) von zwei Tigern angefallen und verletzt wurde.

Am Unfall war der seit 20 Jahren mit Raubtieren arbeitende Dompteur nach eigener Aussage "selbst schuld". Wie seine Ehefrau und Partnerin im Tigerkäfig Judith Kaiser (33) den dramatischen Vorfall schilderte, "war bis dahin alles bestens gelaufen, die Tiere verhielten sich normal, wir selbst waren gut drauf, weil wir ein volles Zelt und ein prima Publikum hatten." Wurde gerade deshalb Charles Dubee für eine Sekunde leichtsinnig? Jedenfalls kam er Rani, einzige Tigerin und aggressivstes Tier der Gruppe, einige Zentimeter näher als sonst. Blitzschnell schlug sie mit einer Pranke nach dem Dompteur. Er ging zu Boden.

Rani und gleich darauf auch Amur sprangen über ihn. "Ich muss sie sofort von ihm wegkriegen", nur dieser eine Gedanke sei ihr durch den Kopf geschossen, sagte Judith Kaiser. Reflexartig griff die Dompteurin sich ein Podest und konnte die Tiger von ihrem durch Krallenhiebe und einen Biss bereits verwundeten Mann wegdrängen. Er kam auf die Beine, schnappte sich ebenfalls ein Podest und konnte mit seiner Frau die fünf Tiger durch den Laufgang hinaustreiben. Der blutüberströmte Dompteur wurde von einem Arzt aus dem Publikum erstversorgt und dann ins Waldshuter Spital gebracht. Die Zirkusvorstellung lief weiter.

Der Zirkusmann wird den Tourneeplatz Waldshut wohl immer in Erinnerung behalten. Und sollte er ihn einmal vergessen, müsste er nur in den Spiegel schauen. Die Narben aus drei tiefen Fleischwunden an Kopf, Wange und Rücken, die er neben zahlreichen Kratzern davontrug, werden ihm bleiben. Seine Frau, die ihn drei Tage später aus dem Spital abholte, sagte: "Dabei war er immer stolz, noch keine Schramme zu haben – doch es gibt wohl keinen Dompteur ohne Kratzer."